Kuhkomfort heißt der Fachbegriff, der die Debatte um die Zukunft der Milchviehhaltung prägt. Im Kuhkomfort-Katalog stehen Klimaanlagen, Luftmatratzen und Massagebürsten. Das Versprechen der Kuhkomfort-Vermarkter lautet: mehr Tierschutz, mehr Milch. Für den Bauern heißt das: Er braucht mehr Geld (für den Stall) und mehr Platz (für die Kuh).

Denn zwölf bis vierzehn Stunden pro Tag verbringt eine Milchkuh im Liegen. Davon ist sie sechs Stunden mit Wiederkäuen beschäftigt. Weitere fünf bis sechs Stunden am Tag frisst das Tier. Eine halbe Stunde verbringt die Kuh mit Wassertrinken. Zwei bis drei Stunden steht und läuft sie, putzt sich, käut wieder (diesmal im Stehen) oder interessiert sich für andere Kühe. 21 bis 22 Stunden, das hat John Moran von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO ausgerechnet, ist eine Kuh also mit sich selbst beschäftigt. Bleibt kaum noch Zeit zum Melken.

Geht es nach dem Agrarausschuss des Deutschen Bundesrates, bleibt vielen Milchbauern kaum noch Zeit, ihren Betrieb zu retten. Denn Kuhkomfort soll jetzt quasi Gesetz werden. Auf Antrag des Landes Hessen berät der Bundesrat am 22. April über ein Verbot der ganzjährigen Anbindehaltung in deutschen Kuhställen. Anbindehaltung, das ist so ziemlich das genaue Gegenteil von Kuhkomfort. Sie gilt, so begründet Hessen seinen Antrag, nicht als "tiergerechtes Haltungssystem im Sinne des Paragrafen 2 Tierschutzgesetz". Die Bundestierärztekammer hatte bereits im April vergangenen Jahres erklärt, sie halte "einen kompletten Ausstieg aus der Anbindehaltung für erforderlich".

Dabei geht es den Milchkühen in Deutschland schon jetzt deutlich besser als noch vor Jahren. Drei Viertel der 4,8 Millionen Tiere sind in Laufställen untergebracht. Sie entscheiden, wann und wo sie liegen, wann sie fressen, wann sie massiert werden möchten. In modernen Anlagen machen sie sich auf den Weg zum Melkroboter, wenn sie gemolken werden wollen (oder sie nach dem schmackhaften Futter gieren, das dort gereicht wird).

Die Zahl der Betriebe, in denen die Kühe das ganze Jahr über zwischen Stahlstangen fixiert an einer Stelle stehen und liegen, oft dicht aneinander gedrängt und auf harten Böden, ist in den vergangenen zwanzig Jahren beständig gesunken, von mehr als 80.000 Höfen im Jahr 1995 auf weit unter 20.000 im Jahr 2015. Bei Um- und Neubauten von Ställen werden seit Jahren keine Anbindehaltungen mehr gemeldet. Bestätigt der Bundesrat also nur einen Trend und setzt den bäuerlichen Einsatz für mehr Tierwohl in einen Gesetzestext um?

Der Bauernverband ist sich in der Bewertung nicht ganz einig. Anruf beim schleswig-holsteinischen Verband. Ein relativ entspannter Generalsekretär sieht auf seine Bauern keine großen Probleme zukommen, schreibt doch der Gesetzentwurf eine Übergangszeit von zwölf Jahren vor. Die meisten Betriebe, sagt Stephan Gesteuer, hätten bereits umgestellt, und für die anderen sei das durchaus zu schaffen. Politischen Sprengstoff hat das Thema für ihn dennoch – vor allem, wenn er zu seinen Kollegen nach Bayern schaut. Denn die Debatte um den Kuhkomfort ist eine über ländliche Strukturen. Moderne Laufställe haben vor allem die großen Betriebe errichtet, und sie haben sich dabei oft noch einmal deutlich vergrößert.

Die Anbindehaltung dagegen ist vor allem in kleineren Familienbetrieben zu finden, bei Nebenerwerbs- und kleinen Biobauern. Und die meisten gefährdeten Ställe stehen in Bayern. Sepp Wasensteiner, beim Bayerischen Bauernverband zuständig für Tiergesundheit, sind die Sorgen um seine Bauern schon am Telefon anzuhören. Mehr als 40 Prozent der Milchbauern in Bayern halten ihre Tiere das ganze Jahr über im Stall angebunden. Ist das noch tiergerecht? "Was ist denn eigentlich tiergerecht?", fragt Sepp Wasensteiner zurück. Es komme schließlich nicht nur auf den Stall, sondern auch auf den Umgang des Bauern mit seinem Vieh an.

Hilft es der Kuh, wenn sie einen Namen trägt, der im Stall über ihrem Kopf auf einer Tafel steht? Oder ist sie besser dran mit dem Datentransponder-Halsband, das sie automatisch am Melkroboter identifiziert? Kann der idyllisch gepflegte Hof in bayerischer Dorflage schlimmer sein als die riesige Halle im Mecklenburger Niemandsland?

Er kann es, zweifellos. Aber wie die Entscheidung im Bundesrat ausgeht, darüber wagen der Schleswig-Holsteiner wie der Bayer keine Prognose. "Wenn Politik und Gesellschaft das unbedingt wollen, haben die Bauern offenbar keine Stimme mehr", sagt Wasensteiner und berichtet, dass von 38 Milchviehbetrieben am Tegernsee 37 noch einen Anbindestall betreiben. "Wollen Sie die wirklich alle zumachen? Was bedeutet das dann für die Region? Für den Tourismus?"

Das ist die eigentliche Frage, die sich in dieser Debatte so beispielhaft wie zwangsläufig stellt: Welche Landwirtschaft wollen wir? Und was sind wir bereit, dafür zu bezahlen? Denn dass es den Tieren in den moderne Ställen besser geht, bestreitet niemand. Dass Stallbauten viel Geld kosten, aber auch nicht. Und der Preis, den die Bauern für ihre Milch verlangen können, deckt schon heute nicht die Kosten für die Haltung der Tiere.

Der Deutsche Bauernverband will mehr Zeit. Er fordert mindestens eine Verdopplung der Übergangsfrist. Dann wird die nächste Generation von Landwirten in den neuen Kuhkomfort-Katalogen blättern – und rechnen.