DIE ZEIT: Herr Oberle, wie öko ist die Schweiz?

Bruno Oberle: Die Schweiz ist ein kleines Land, gefangen zwischen den Bergen, mit einer sehr hohen Bevölkerungsdichte und einer sehr hohen wirtschaftlichen Tätigkeit. Was wir in die Luft oder ins Wasser lassen, das atmen und trinken wir selbst. Wir spüren unser Fehlverhalten rascher und stärker als ein Land am Meer, wo eine Brise vom Ozean alles wegweht.

ZEIT: Was bedeutet das für die Umweltpolitik?

Oberle: Die Schweiz war eine Pionierin der Umweltpolitik. Lungenkrankheiten waren vor 40 Jahren weit verbreitet. Es war wie in China heute: Die Luft war dreckig, in vielen Familien sorgte man sich um die Gesundheit der Kinder. Weil die Schweiz ein wohlhabendes Land war und ein funktionierendes politisches System hatte, wurden die Probleme erkannt, angegangen und in vielen Fällen auch gelöst.

ZEIT: Warum sprechen Sie immer in der Vergangenheit?

Oberle: Um zu zeigen: Das Bild, wir seien besonders umweltfreundlich hat eine objektive Grundlage in der Vergangenheit. Aber es gibt einen weiteren Aspekt: Die Schweiz ist ein Standort mit hohen Produktionskosten und einer harten Währung, deshalb hat sie die eigene Wirtschaft schneller als andere Industrieländer umgebaut. Branchen mit niedriger Wertschöpfung wurden aufgegeben oder ins Ausland verlagert –und mit ihnen die entsprechenden Emissionen.

ZEIT: Was bedeutet das?

Oberle: Wenn wir nur die Emissionen der Produktion anschauen, steht die Schweiz weltweit sehr gut da. Wenn wir allerdings die Emissionen aufrechnen, die mit unserem Konsum verbunden sind, unabhängig wo sie entstehen, dann belastet ein Schweizer den Planeten genauso sehr wie ein Deutscher oder ein Brite. Er verbraucht etwa dreimal so viele natürliche Ressourcen, wie er sollte: Boden, Wasser, Luft oder Bodenschätze.

ZEIT: Anders als früher erleben die Schweizer also nicht mehr unmittelbar, was sie mit der Umwelt anrichten.

Oberle: In den 1950er, 60er und 70er Jahren durchlebten wir eine akute Umweltkrise: Die schweizerische Bevölkerung wuchs stark, unser Wohlstand nahm rasant zu. Die Auswirkungen auf die Umwelt waren sicht- und riechbar. Sie wurde akut krank, sie hatte sozusagen Fieber. Mit Klär- und Kehrichtverbrennungsanlagen, Abluftfiltern, Lärmschutz und dem Umbau des Werkplatzes haben wir das Fieber erfolgreich gesenkt. Die Krankheit ist aber nicht geheilt. Wir übernutzen weiterhin unseren Planeten, plündern endliche Ressourcen, gefährden Ökosysteme, auf die wir angewiesen sind. Eine global wachsende Bevölkerung mit einer steigenden Kaufkraft führt dazu, dass dies sogar in zunehmendem Ausmaß geschieht.

ZEIT: Was bedeutet das für die Umweltpolitik?

Oberle: Wir haben heute eine andere Kategorie von Problemen. Sie sind global, räumlich diffus, und die Konsequenzen erleben wir in zeitlich größeren Abständen. Wann und wo die Fieberschübe im gefährlichen Ausmaß wieder einsetzen, können wir noch nicht sagen. Es ist hingegen sicher, dass sie auftreten werden und dass sie uns gefährlich werden können.

ZEIT: Was müssten wir dagegen tun?