Es sollte der Höhepunkt in der Karriere von Hans-Walter Peters werden. Anfang dieser Woche übernahm der Chef der Berenberg Bank das Amt als Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken. Damit ist er das wichtigste Gesicht seiner Zunft, eine große Ehre für den Kopf einer kleinen Privatbank. Doch die Medien fragen ihn zurzeit vor allem, warum Berenberg mit 13 Briefkastenfirmen zu tun und 76 Konten für Offshorekunden geführt hat? So steht es in den Panama Papers. Und nun werfen weitere Dokumente neue Fragen auf.

"Wenn es Fehlverhalten gibt, muss Fehlverhalten sanktioniert werden", sagte der 61-jährige Peters bei seinem Antritt als Verbandspräsident am Montag. "Alle unsere Geschäfte sind zu 100 Prozent sauber", erklärte er zuvor der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. "Es gibt kein einziges Depot, von dem wir den Menschen dahinter, den wirtschaftlich Berechtigten, nicht kennen." Oder auch: "Wir akzeptieren Geld nur, wenn der Nachweis über die Herkunft erbracht wird."

Das mag heute alles so sein. Es existiert allerdings ein Dokument, das den Eindruck erweckt, dass es bei Berenberg nicht immer so war und Mitarbeiter, die intern kritische Fragen stellten, schnell im Aus landen konnten. In dem Dokument, das der ZEIT vorliegt, beschreiben zwei ehemalige Mitarbeiterinnen detailliert, wie sie im Sommer 2013 zwei Fällen von Geldwäscheverdacht nachgingen, dabei mehreren Führungskräften Fehlverhalten vorwarfen und kurz darauf kaltgestellt sowie fristlos entlassen wurden. Beide Frauen sind der ZEIT bekannt, doch keine wollte auf Nachfrage über die Ereignisse sprechen. Aber ihr Schriftsatz wirft einen dunklen Schatten auf das Bankhaus, das so gerne seine 426 Jahre lange Tradition hervorhebt und mit Slogans über "verantwortungsvolles Handeln" wirbt.

Bei Nachforschungen stoßen die Frauen auf Strohmänner und zwielichtige Firmen

Rückblende: Milliarden Dollar hier, Hunderte Millionen Euro dort – 2013 ist es beinahe an der Tagesordnung, dass Banken zu hohen Strafen verdonnert werden, wegen Geldwäsche, wegen Verstößen gegen Sanktionen, wegen der Sünden der Boomjahre. In den Banken bekommen derweil jene Mitarbeiter mehr Einfluss, die solche Sünden entdecken, ja ihnen vorbeugen und auf die strikte Einhaltung aller Gesetze achten sollen. Das nennt sich Compliance, und meist sind alle anderen Abteilungen von diesen Kollegen genervt, denn diese fragen nach, sind pedantisch. Doch das ist ihr Job. Jeder Skandal, jede Strafe zeigt, wie wichtig diese Arbeit insbesondere in Banken ist.

Im Juli 2013 merken zwei Mitarbeiterinnen in der Compliance von Berenberg auf. In den Systemen des Instituts stoßen sie auf Offshoregesellschaften, die ihnen dubios vorkommen, und interne Kontrollen, die ihnen mangelhaft erscheinen. Sie sehen – so steht es später in ihrem Dokument – in einigen Fällen "unzureichende bis gar keine Angaben zur Vermögensherkunft" oder gar Hinweise auf "falsche Angaben zu den wirtschaftlich Berechtigten". Nachforschungen bestärken sie in ihrer Sorge, dass unter Berenbergs Kunden auch international berüchtigte Strohmänner oder Briefkastenfirmen sein könnten. Die Details sind komplex und viele Namen im Dokument geschwärzt, doch es geht vor allem um Osteuropa – unter anderem die Millionenzahlung einer Waffenfirma. Es tauchen Personen im Kundenkreis der Bank auf, die sonst in einschlägigen Presseberichten oder Studien über internationale kriminelle Machenschaften genannt werden.

Die Bank, so die Sorge, könnte Konten geführt und Transaktionen abgewickelt haben, bei denen es in Wahrheit um Geldwäsche, organisierte Kriminalität oder die Finanzierung illegaler Waffenlieferungen gegangen sein könnte. In dem Dokument attestieren die Frauen der Berenberg Bank eine "geradezu abenteuerliche Leichtsinnigkeit".

Am 19. Juli 2013 reichen die zwei langjährigen Mitarbeiterinnen beim Landeskriminalamt (LKA) in Hamburg eine Geldwäscheverdachtsanzeige ein. Derlei Anzeigen haben Banken in jenem Jahr bundesweit 19.095 Mal erstattet, 2014 waren es dann schon 24.054. Sie erweisen sich mal als zutreffend, häufig aber auch als falscher Alarm. Die strafrechtlichen Ermittlungen obliegen der Staatsanwaltschaft. Die Finanzaufsicht BaFin schaut in aller Regel parallel, ob die internen Systeme des Instituts versagt haben.

Folgt man dem Dokument, das die Frauen im Nachhinein anfertigen, kommt ihnen wenige Tage nachdem sie Anzeige erstattet haben, der Verdacht, dass ausgerechnet ein Geldwäschebeauftragter der Bank im Jahr 2009 gegen das Geldwäschegesetz und interne Vorgaben verstoßen haben könnte. Am 23. Juli 2013 melden sie ihre Vorwürfe der Geschäftsleitung. Diese besteht aus drei persönlich haftenden Gesellschaftern, deren Sprecher Hans-Walter Peters ist.

Nur eine Woche später werden die zwei Mitarbeiterinnen in ein – wie sie es später schreiben – "Sterbezimmer" versetzt. Sie werden von ihren Aufgaben entbunden, und es wird ihnen ausdrücklich untersagt, weiter zu ermitteln. Am 1. August reichen sie eine Ergänzung ihres ersten Berichts an die Bankspitze. Am Tag darauf stellt das Institut sie frei. Im September folgt die fristlose Entlassung. Die beiden Frauen widersprechen, und so kommt es im November jenes Jahres zu einem Vergleich über die Auflösung der Arbeitsverhältnisse.

Wieso geschah das? Ein zweiter Verdachtsfall, der von den später entlassenen Mitarbeiterinnen ebenfalls am 23. Juli an die Geschäftsleitung berichtet wurde, verschärft den seltsamen Eindruck, die Bankspitze habe sich mehr um ihre Reputation als um die Aufklärung gesorgt.