Auf einer Tagung zu Pegida in Dresden.

Junger Mann, Mitte zwanzig: Ich hätte mal ’ne Frage, und zwar an Herrn Schulze, weil der sagt, dass wir hier von Pegida keine Kultur hätten.

Ich: Moment, ich habe gesagt, dass Sie ständig von Abendland und Europa und Kultur reden, aber es kaum bis zum Ende der ersten Strophe eines Weihnachtsliedes schaffen.

Mann: Na gut. Aber was sagen Sie denn dazu, dass zurzeit eine Million Subjekte illegal nach Deutschland kommen und dabei sind, unsere deutsche Kultur zu zersetzen?

Mehrfaches Gebuhe aus dem Publikum.

Der Moderator: Auf so einem Niveau wollen wir nicht diskutieren!

Ich: Was meinen Sie denn mit "zersetzen"?

Mann: Da kommen täglich Tausende, jetzt schon über eine Million, und zersetzen unsere Kultur.

Ich: Was heißt aber "zersetzen"? Und was bedeutet für Sie Kultur? Kultur besteht doch gerade aus ganz unterschiedlichen Beziehungen, die eingegangen werden. Sie beruht auf Anregung und Austausch, das war schon immer so, auch in Deutschland. Sie wissen doch selbst, wie viel wir Griechen, Römern, Arabern oder Franzosen verdanken. Und wenn ich von meinen Büchern ausgehe, die sind undenkbar ohne die russische Literatur, ohne die amerikanische, ohne Tausendundeine Nacht.

Mann: Kann ja sein, ich hab noch nie von Ihnen gehört, ich hab noch nie was von Ihnen gelesen, aber die Million Subjekte, die jetzt illegal gekommen sind, die sind fremd, islamistisch, eine Bedrohung für das deutsche Volk.

Publikum buht lauter.

Moderator: Wir brechen das hier ab, eine Diskussion auf diesem Niveau ...

Ich: Bitte behalten Sie das Mikrofon. Wir verbünden uns jetzt. Wir haben jetzt die Mikros und reden. Ich will von Ihnen wissen, was für Sie die deutsche Kultur ist und wie das vor sich geht, was Sie mit "zersetzen" meinen. In Berlin zum Beispiel – was wäre Berlin ohne diejenigen, die Sie "fremde Subjekte" nennen. Natürlich ist das nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen, aber trotzdem wäre Berlin undenkbar ohne diese "fremden Subjekte".

Mann: Das mag für Sie in Ihrem Multikulti-Berlin so erscheinen, aber wir hier in Dresden, wir sehen das anders. Wir haben hier noch eine klare Vorstellung davon, was deutsche Kultur bedeutet.

Ich: Ich komme aus Dresden, ich bin hier geboren und aufgewachsen.

Mann: Das wusste ich nicht. Aber die schlechten Erfahrungen, da in Berlin ... diese Million fremder Subjekte. Die wollen doch nur das, was sich das deutsche Volk erarbeitet hat.

Moderator: Ich breche jetzt die Diskussion hier ab.

Dem jungen Mann wird das Mikrofon weggenommen.

Ich: Schade, ich finde das jetzt wirklich schade.

Es kommen andere Fragen aus dem Publikum. Etwa 20 Minuten später ist die Veranstaltung beendet. Publikum und Referenten sind dabei, den Saal zu verlassen. In einer der hinteren Stuhlreihen steht der junge Mann mit anderen zusammen. Ich gehe zu ihnen.

Ein Begleiter des jungen Mannes: Guten Tag, Herr Schulze (streckt mir die Hand entgegen, auch der junge Mann gibt mir die Hand).

Ich: Schade, ich muss jetzt zum Zug. Ich hätte gern mit Ihnen gesprochen. Aber ich hab so ’ne Zugpreisbindung.

Mann: Hier haben sich ja alle mächtig lieb. Und wir sind alle so gut. Da passt das nicht, wenn man die Wahrheit sagt.

Ich: Ich weiß nicht, was Sie jetzt mit Wahrheit meinen. Was haben Sie denn in Berlin erlebt? Was macht Sie denn so wütend?

Mann: In Berlin – so gut kenne ich mich da auch nicht aus.

Ich: Ja, gut, wer kennt schon alles von Berlin. Mich interessiert nur, was Sie meinen.

Mann: Na ja, wenn man so öffentlich redet, da übertreibt man halt ein bisschen. Das machen Sie doch bestimmt auch.

Ich: Eigentlich nicht, ich hoffe nicht. Aber ich wüsste einfach gern, warum Sie das sagen, welche Erfahrungen dahinterstecken. Was ist Ihnen denn Schreckliches in Berlin widerfahren?

Mann: Wie gesagt, so oft war ich ja auch nicht in Berlin

Ich und sein Begleiter sehen ihn an und warten, dass er weiterspricht.

Begleiter: Und, sag doch mal!

Es entsteht eine kurze Pause.

Ich: Und hier in Dresden? Was haben Sie da mit Fremden erlebt?

Mann: Na ja, hier gibt’s ja keine – oder eben kaum.

Der andere und ich sehen ihn wieder an.

Ich: Ich muss jetzt leider zum Zug.

Mann: Da kann man nichts machen.

Ich: Auf Wiedersehen.

Mann und Begleiter: Auf Wiedersehen.

Wir geben uns die Hand. Die beiden jungen Männer gehen zur Pegida-Kundgebung auf den Theaterplatz.

Nächstes Mal: "Mit 31" von Lena Steeg