In Lokstedt im Norden Hamburgs steht ein unscheinbares Hochhaus. Seine zwölf Stockwerke beheimaten den NDR. Wer im fünften Stock aus dem Fahrstuhl steigt, wird gewarnt: "Ab hier Freiheit", steht auf einem Banner, das über eine Glastür gespannt ist. An den Wänden im langen Flur kleben Hass-E-Mails der Fernsehzuschauer: "Verrecken Sie doch, Sie hässliche Hure." Im Büro hat jemand Boxhandschuhe aufgehängt.

Nachdem der türkische Präsident Erdoğan sich über ein Video beschwert hat, das sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen im fernen Norddeutschland ausgedacht hat, kennt die ganze Republik die kleine Redaktion im 5. Stock, wo die Redakteure der Sendung extra 3 ihre Tage auf hanseatisch blauen Anstaltsstühlen verbringen. Geschützt von Artikel 5 des Grundgesetzes, in dem es heißt: "Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt." extra 3-Redaktionsleiter Andreas Lange gibt sich kämpferisch: "In polarisierten Zeiten wie unseren gibt es sehr viel Aufregerpotenzial. Und damit stehen wir knallhart im Wind der Kritik. Aber man muss auch dort hingehen, wo es wehtut."

Dabei berührte der umfrisierte Nena-Song, mit dem der NDR den türkischen Präsidenten herausforderte, noch gar nicht die Schmerzgrenze. Das gelang erst Jan Böhmermann mit seinem "Schmähgedicht", gegen das Erdoğan sogar Strafanzeige erstattet hat: Der mächtige türkische Präsident, der in seiner Heimat Journalisten verhaften lässt und Zeitungen einschüchtert, kämpft gegen den zarten deutschen Satiriker von ZDFneo. Die Kanzlerin entschuldigt sich – bei Erdoğan. Deutschlands Journalisten sind in Aufruhr. Es gibt Appelle zugunsten Böhmermanns und für das Recht auf Satire. Oder darf Journalismus in Deutschland nicht mehr wehtun? Zumindest nicht Herrn Erdoğan?

Fakt ist: Das Ansehen der Presse befindet sich auf einem Tiefpunkt. Von allen Seiten wird Druck auf sie ausgeübt. Von innen, von außen, von oben, von unten. Die einen wittern in ihr den Feind autoritärer Herrschaft und beschneiden und steuern sie. Die anderen sehen in ihr ein Verlautbarungsorgan der Macht- und Geldeliten und nennen sie "Lügenpresse". Und manchmal stört sie einfach beim Versuch, mit blutigen Diktatoren geräuschlose Außenpolitik zu betreiben. Doch all das ist kein Grund, sich kleinzumachen – im Gegenteil.

Dass Journalismus wehtun muss, sieht sogar der amerikanische Supreme Court so. Er befand: Die Redefreiheit und das Recht auf freie Information können wichtiger sein als die Staatsräson. Das war 1972, als die New York Times die geheimen Pentagon-Papiere veröffentlichte, mit denen sie beweisen konnte, dass die amerikanische Regierung die Bevölkerung über den Vietnamkrieg belogen hatte. Damals stellte sich das höchste amerikanische Gericht vor die Zeitung und verteidigte die Pressefreiheit gegen die Regierung. Seither ist klar: Ein Journalismus, der niemanden stört, ist kein Journalismus.

Die diesjährige Bilanz der Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen ist dementsprechend desaströs. Die Organisation erstellt jedes Jahr Rankings der Pressefreiheit, zählt die toten und verhafteten Journalisten. Ihr Geschäftsführer Christian Mihr bestätigt trocken: "Die Pressefreiheit ist weltweit unter Druck, ganz klar." Ein repressives Virus breitet sich unaufhaltsam aus. Die neuen Rechtspopulisten in Polen und in Ungarn verschärfen ihre Mediengesetze, in autokratischen Staaten wie der Türkei werden Journalisten verhaftet und entlassen, in Russland müssen Vertreter der freien Presse um ihr Leben fürchten, vom Iran, Saudi-Arabien oder China, wo Journalisten in ständiger Angst vor Verhaftung und Misshandlung leben, gar nicht erst zu reden. In den westlichen Demokratien ist es der wirtschaftliche Druck, der es Milliardären wie Silvio Berlusconi und Christoph Blocher ermöglicht, die billig auf dem Markt verhökerten Medien ihres Landes zu übernehmen und politisch gefügig zu machen. Selbst in den USA ist die Pressefreiheit nach Einschätzung von Reporter ohne Grenzen auf dem Rückzug: "Obama ist das erschütterndste Beispiel", sagt Christian Mihr. "Unter seiner Präsidentschaft wurden in den USA so viele Journalisten und Whistleblower angeklagt wie kaum zuvor in den letzten fünfzig Jahren."

Die Organisation hilft bedrohten und verfolgten Journalisten, versteht sich aber auch als weltweiter Verteidiger der Idee des freien Journalismus – in der festen Überzeugung, dass gesellschaftlicher Fortschritt und die Entstehung der modernen Öffentlichkeit vor allem von der Qualität einer unabhängigen Presse abhängen. Deren journalistisches Ethos hat der ehemalige Chefredakteur des Guardian, Alan Rusbridger, kürzlich in der Columbia Journalism Review auf den Punkt gebracht: "Du bist ein Journalist. Du bist nicht Teil des Staates. Deine Aufgabe ist die Aufdeckung, nicht die Geheimhaltung. Du stehst abseits der Macht, um sie zu hinterfragen. Deine Aufgabe ist es, das öffentliche Interesse an deiner Geschichte im Blick zu haben – und verantwortungsbewusst zu veröffentlichen, was du für wichtig hältst. Nur dann ist eine informierte Debatte möglich. Als Journalist hast du dasselbe Recht, das öffentliche Interesse abzuwägen, wie ein Polizist oder ein Richter."

Von diesem Premium-Journalismus ist man in fast allen Ländern der Welt noch immer weit entfernt. Besonders mit der Renaissance des autoritären Nationalstaats kommen längst überwunden geglaubte Repressalien gegen Journalisten wieder in Mode. Wobei sich das klassische Unterdrückungsrepertoire wie willkürliche Verhaftungen, Hausdurchsuchungen, körperliche Angriffe oder Mord beträchtlich erweitert hat: Die Despoten des 21. Jahrhunderts ziehen es vor, die Fassade der Demokratie aufrechtzuerhalten, indem sie Journalisten in die Selbstzensur treiben. Das allerneueste Instrument der Potentaten sind die sogenannten GONGOs, die government organized non-governmental organizations, also staatlich organisierte Nichtregierungsorganisationen, mit deren Hilfe Hackerangriffe oder Propagandaverbreitung als private Initiativen getarnt werden. Einmal erfolgreich getestet, werden Gesetze und Instrumente zur Einschränkung der Rede- und Meinungsfreiheit dann weltweit kopiert. Russland etwa exportiert sein Modell der klandestinen "Pressesteuerung" in die ganze Welt, sei es durch direkte "Entwicklungszusammenarbeit" wie mit Ecuador oder durch viel bestauntes Beispielverhalten für Ungarn. Selbst Israel werde langsam "putinisiert", titelte die London Review of Books.

So scheint es nur schlechte Nachrichten zu geben. Doch das ist nicht wahr. Es gibt auch eine gegenläufige Bewegung: Während die Repressionen auf nationaler Ebene zunehmen und sich wie eine Krankheit verbreiten, entsteht auf der anderen Seite so etwas wie eine globale Gegenmacht. Das weltweite Recherchenetzwerk, das in den vergangenen Monaten das riesige Leak der Panama Papers ausgewertet hat, ist ebenso global wie sein Untersuchungsgegenstand. Diese Sternstunde des investigativen Journalismus wird zu Recht weltweit gefeiert. Zum ersten Mal vernetzen sich Medien, um einem Phänomen auf die Spur zu kommen, das den alten, national agierenden Journalismus überforderte: den globalen Strömen des Kapitals. An diesem neuen Typ des transnationalen, machtkritischen Datenjournalismus könnten sich die national-autoritären Regime demnächst die Zähne ausbeißen. Vieles spricht dafür, dass die Zukunft des Journalismus als vierte Gewalt sich jenseits nationaler Grenzen abspielen wird.

Noch nie waren Macht und Ohnmacht der Presse einander so nahe wie im Augenblick. Im Grunde sind es gute Zeiten für Journalisten. Sie müssen sich der Kritik stellen, müssen reflektieren, was sie gut machen, was sie schlecht machen, wo sie zu weich sind, wo sie zu überheblich sind, wo sie scheitern. Anders geht es nicht. Ohne die Presse wäre die Gesellschaft so tot wie eine Maschine, die zwar über alle demokratischen Gerätschaften verfügt, aber keine informierten, kritischen Maschinisten hat, um sie zu bedienen.