Wenn es ums Bier geht, verstehen die Deutschen keinen Spaß. Davon zeugt nicht nur der Begriff "bierernst", sondern auch die Tatsache, dass das flüssige Kulturgut zu zwei deutschen "Bierkriegen" (1491 zwischen Görlitz und Zittau, 1895 im westfälischen Münster) und zwei "Bier-Revolutionen" (1844 und 1848 in München) führte. Aktuell sorgt das Bier wieder für Aufsehen. Es geht um nicht weniger als eine Kulturrevolution – nämlich um die Frage, ob das Reinheitsgebot weiterhin Bestand haben soll. Und das ausgerechnet zum 500-Jahr-Jubiläum der Zutatenliste, nach der nur Wasser, Hopfen, Malz und Hefe für die Herstellung erlaubt sind. Vier Zutaten, an denen sich die Geister scheiden.

Dabei stehen sich die Brau-Traditionalisten und die Vertreter der sogenannten Craft-Beer-Bewegung zuweilen unversöhnlich gegenüber. Letztere wollen der oft gescholtenen Geschmackseinfalt großer Markenbiere mit kreativen Rezepturen und – hier lauert der Skandal – Zutaten wie Früchten oder Gewürzen begegnen. Gestritten wird deshalb über historische Brauverfahren, künstliche Zusatzstoffe, technische Hilfsmittel sowie rechtliche und bürokratische Hürden auf Bundes-, Landes- und europäischer Ebene.

Fragt man die Deutschen nach dem Reinheitsgebot, spricht sich eine überwältigende Mehrheit für den Fortbestand der 1516 vom bayerischen Fürsten Wilhelm IV. in Ingolstadt erlassenen Vorschrift aus, wonach "zu kainem Pier merer stuckh dann allain Gersten, Hopffen und Wasser genomen und gepraucht sölle werden" (weil damals der Zusammenhang zwischen Hefe und Gärung unbekannt war, fehlt der Hinweis auf die vierte Zutat in der ursprünglichen Fassung). Über die Hintergründe der Verordnung und ihre Grundidee wissen die Verbraucher jedoch meist nur wenig.

Anders als vielfach behauptet ging und geht es beim Reinheitsgebot nicht allein um Verbraucherschutz. Zwar sollte damit Bierpanschern das Handwerk gelegt werden. Neben den gesundheitsgefährdenden Zutaten sogenannter "Dollbiere", die den Ruf bayerischer Biere ruiniert hatten, sprachen auch wirtschaftliche Gründe für die Brauvorschrift. Die Obrigkeit hoffte durch gesteigerte Produktqualität auf einen florierenden Bierhandel nach dem Vorbild der Hanse – und entsprechende Einnahmen. Außerdem konnte durch die Beschränkung auf Gerste die Versorgung mit Weizen sichergestellt werden, der für die Brotherstellung wichtig war.

Heute ist das Reinheitsgebot vor allem ein großes Werbeversprechen. Im In- und Ausland preisen Brauereien ihre Biere mit der Verheißung an: "gebraut nach dem deutschen Reinheitsgebot". Bilder von sprudelndem Quellwasser, frischen Hopfendolden und kupfernen Sudkesseln machen die Illusion eines naturbelassenen Produkts perfekt.

Für Markus Berberich ist das Reinheitsgebot hingegen nichts als "Folklore". Der Braumeister der Insel-Brauerei Rügen ist Teil jener wachsenden Bewegung, die mit dem Mythos Reinheitsgebot aufräumen will. Denn das Bild, das die Öffentlichkeit vom deutschen Bier vor Augen hat, scheint zu schön, um wahr zu sein.

Die Craft-Beer-Szene versteht Bierbrauen als Handwerkskunst und hat ihren Ursprung in den USA der achtziger Jahre, in einer Zeit, in der wenige Großbrauereien den Markt beherrschten und in der sich das Klischee vom amerikanischen Bier als dünner Plörre verfestigte. Damals begannen Brauer, wieder mit traditionellen Rezepturen wie den obergärigen Pale Ales, Porters und Stouts zu experimentieren (für eine Übersicht siehe Grafik Seite 44). Und sie orientierten sich am deutschen Reinheitsgebot. Von kaum mehr 100 Brauereien im Land stieg die Zahl bis heute auf über 4.000. Craft-Beer hat in den USA mittlerweile einen Marktanteil von elf Prozent.

Rund 35 Jahre nachdem (auch) das Reinheitsgebot den amerikanischen Brauern zu einer neuen Geschmacksvielfalt verholfen hat, wollen ihm nun ausgerechnet deutsche Craft-Beer-Vertreter an den Kragen. Dabei erfreut sich deutsches Bier, das nach dem Reinheitsgebot gebraut wird, im Ausland großer Beliebtheit. Auch im Inland sorgen 1388 Brauereien mit mehr als 5.500 Marken für reichlich Auswahl.