DIE ZEIT: Herr Schmidt, Sie haben vor ein paar Wochen etwas geschafft, das noch keinem Trainer vor Ihnen gelungen ist: Weil Sie sich im Ligaspiel gegen Dortmund weigerten, die Anweisung des Schiedsrichters zu befolgen und auf die Tribüne zu gehen, wurde das Spiel unterbrochen, die Mannschaften wurden in die Kabine geschickt ...

Roger Schmidt: … eine Erfahrung, die ich nicht noch einmal machen möchte. Ich habe es übertrieben, und dann ist daraus etwas entstanden, das ich so nicht vorhergesehen und erwartet habe.

ZEIT: Felix Zwayer, der Schiedsrichter der Partie, hat Ihren Kapitän Stefan Kießling zweimal zu Ihnen geschickt, um zu vermitteln und zu deeskalieren.

Schmidt: Deeskalierend wirkte das nicht auf mich.

ZEIT: Was hat Kießling Ihnen ins Ohr geflüstert?

Schmidt: Dass ich auf die Tribüne gehen solle, sonst werde das Spiel abgebrochen.

ZEIT: Und was haben Sie erwidert?

Schmidt: Der Schiedsrichter solle mir doch bitte kurz persönlich erklären, was ich falsch gemacht habe, statt aus dem Mittelkreis einen Spielabbruch anzudrohen.

ZEIT: Hat leider nicht geholfen. Sie wurden für Ihr Verhalten mit drei Spielen Sperre bestraft, mussten die Partien von der Tribüne aus anschauen …

Schmidt: … was sich schrecklich anfühlte.

ZEIT: Warum?

Schmidt: Ich war die letzten 30 Minuten vor dem Anpfiff nicht bei meiner Mannschaft, direkt nach dem Spiel auch nicht. Es war zwar mein Team, das da unten kämpfte, aber ich war nur Beobachter, saß irgendwo rum, ohne die Atmosphäre zu spüren, wäre am liebsten gar nicht erkannt worden.

ZEIT: Ihre Mannschaft holte in den drei Spielen nur einen Punkt. Seitdem Sie wieder da sind, haben Sie zwölf Punkte aus vier Spielen geholt. Hat Ihnen die Sperre genutzt, weil Sie die Bestätigung erhielten, gebraucht zu werden?

Schmidt: So simpel ist das nicht, unsere Leistung ist sicher nicht in erster Linie aufgrund meiner Sperre eingebrochen.

ZEIT: Ihre Bescheidenheit ehrt Sie.

Schmidt: Es waren verschiedene Reize, vor allem lag es an der Vielzahl der Spiele, die wir aufgrund der Champions League absolvieren mussten, drei Partien pro Woche, sechs Wochen hintereinander. Das führte zu einem Verschleiß, immer mehr Spieler, wichtige Säulen des Teams, fielen verletzt aus. Das hat zu einem großen Substanzverlust geführt. Die Mannschaft wollte immer, das habe ich gespürt, aber sie konnte das einfach nicht mehr kompensieren, war mental erschöpft und sank förmlich zu Boden.

ZEIT: Wie stoppt ein Trainer einen solchen Negativtrend? Die Spiele wurden ja nicht weniger …

Schmidt: … die Verletzten auch nicht.

ZEIT: Was haben Sie gemacht?

Schmidt: Es gibt keine Schablone für richtiges Verhalten. Ich muss die Gesamtsituation spüren, um sie begreifen zu können. Ich kann die fehlenden Spieler ja nicht herbeizaubern. Das Einzige, was hilft, ist, sich mit der Mannschaft und jedem einzelnen Spieler auseinanderzusetzen und die Prozesse zu analysieren – taktisch und mental. Die Spieler sind ja auch in einer schwierigen Situation. Ich musste ihnen Orientierung geben, die Stimmungslagen erkennen und verändern in kürzester Zeit. Ich bin ja nun schon zwei Jahre hier, kenne die Mannschaft, die einzelnen Spielercharaktere gut.

ZEIT: Wie gibt man verunsicherten Spielern Orientierung?

Schmidt: Indem man wieder eine Basis schafft, auf der sich alle versammeln können. Indem man die Situation bespricht, Geduld mit den jungen Spielern hat und als Trainer auch bereit ist, sich mit der Mannschaft durch so eine Phase zu quälen. Ihr aufzeigt, wie man das schafft.

ZEIT: Ist sich quälen können etwas Schönes?

Schmidt: Sich quälen zu können ist verdammt wichtig. Ziehe ich die richtigen Schlüsse, kann ich auch nach zwei, drei schlechten Spielen irgendwann die Punkte treffen, die besonders wertvoll für die Entwicklung und das Selbstbewusstsein des Teams sind. Das führt dazu, dass immer mehr Spieler wieder in der Lage sind, das Gefüge zum Funktionieren zu bringen. Entscheidend ist dabei, alle unwichtigen Dinge auszublenden, sich durch nichts ablenken zu lassen. In solchen Wochen bin ich als Trainer wie in einem Tunnel. Da gibt es nur meine Spieler und abends die Familie. Ich beschäftige mich nicht mit Dingen, auf die ich wenig bis keinen Einfluss habe.

ZEIT: Sie meinen Kritik von außen?

Schmidt: Ja, ich habe gemerkt, wie schmal der Grat ist, auf dem ich mich als Trainer bewege.

ZEIT: Während der Erfolglosigkeit Ihrer Mannschaft wurden Ihre Fähigkeiten öffentlich angezweifelt, auch Ihr Rücktritt wurde diskutiert.

Schmidt: Als Trainer bin ich in der Hauptverantwortung. Dessen bin ich mir bewusst. Deshalb muss ich sensibel für Details sein und für Momente. In solchen Drucksituationen alles im Griff zu behalten, in der Lage zu sein, die Dinge wieder in eine positive Richtung zu lenken, das ist extrem anspruchsvoll. Das Zusammenhalten der Gruppe ist ja nur das eine, ich möchte natürlich das Team auch taktisch weiterbringen, die Spielweise weiterentwickeln und unsere eigene Identität als Fußballmannschaft auf ein höheres Level führen.

ZEIT: Ihr Spiel ist der Umschaltfußball. Genügt das für die ganz hohen Ziele?

Schmidt: Unsere Stärke ist das Spiel gegen den Ball, das schnelle Umschalten nach Ballgewinn. Dazu müssen wir nun daran arbeiten, bei eigenem Ballbesitz die Situationen besser auszuspielen und insgesamt einen klareren Rhythmus zu finden.

ZEIT: Bayern-Trainer Pep Guardiola bezeichnet die deutsche Liga als Konterliga. Er meint das kritisch.

Schmidt: Da ist schon was dran, vor allem gegen die Bayern agieren viele Teams mit einer stabilen defensiven Grundordnung, um keine Torchance zuzulassen und aus dieser Situation zu kontern und zu ihren Abschlussmomenten zu kommen. Aber es gibt auch wunderbare Gegenentwürfe.

ZEIT: Welche zum Beispiel?

Schmidt: Ingolstadt wird als Aufsteiger in der Liga bleiben, weil die Mannschaft ihre eigene Spielweise gefunden hat, sich nicht hinten reinstellt, sondern früh Druck ausübt. Ich habe großen Respekt vor dem, was mein Kollege Ralph Hasenhüttl macht: Hoch zu verteidigen und trotzdem wenige Gegentore zu kassieren ist mir viel näher, als stumpf hintendrin zu stehen und die Box zu verteidigen. Ich mag Mannschaften, die eine Identität haben, sich nicht gegen jeden Gegner wieder neu erfinden. Ein Spiel, in dem sich beide Mannschaften passiv neutralisieren, und dann gewinnt die Mannschaft, die eine Ecke reinköpft, empfinde ich zumindest für mein Trainersein nicht als erstrebenswert. Da möchte ich mich nicht drauf verlassen. Wenn wir gegen die Bayern spielen, möchte ich vorn attackieren, möchte sie unter Druck setzen, möchte sie aus ihrem Spiel rausbringen, möchte aus diesen 90 Minuten zumindest teilweise das Spiel Bayer Leverkusens machen. Wir greifen in München genauso an wie in Barcelona, und ich war durchaus auch schon stolz auf meine Mannschaft, wenn wir am Ende knapp verloren haben.