Ursprünglich hatte Wladimir Putin gar nicht vorgehabt, die gesamte unabhängige Presse zu vernichten. Er wollte lediglich besonders feindlich gesinnten Oligarchen ihre Fernsehsender wegnehmen. Zuerst einem, dann dem nächsten. Diese Geschichte können Leute aus dem engsten Umkreis von Präsident Putin detailliert erzählen. Sie waren auch meine Quellen, als ich mein Buch Endspiel: Die Metamorphosen des Wladimir Putin (Kiepenheuer & Witsch 2015) geschrieben habe. Aber dann sei Putin auf den Geschmack gekommen, erinnern sie sich. Er merkte, dass es sich ohne ätzende Kritik, ohne unbequeme Fragen und fette Schlagzeilen bedeutend angenehmer lebt. Und so erfolgte der weitere Druck auf die Medien dann fast automatisch. Jedes Mal, wenn Putins Gehilfen ein Stirnrunzeln im Gesicht ihres Chefs registrierten, während der vor dem Fernseher saß oder in eine Zeitung schaute, begriffen sie: Das ist ein Signal.

Es war ein langwieriger Prozess. Von 2000 bis 2005 wurden sämtliche Fernsehsender unter Kontrolle gebracht. Dann kamen die Zeitungen an die Reihe – fast alle wechselten den Besitzer. Nach 2010 waren Internetseiten dran. Nicht, dass es irgendeine zuvor ausgeklügelte Strategie gegeben hätte. Einen raffinierten Plan. Nein, alles entwickelte sich wie von selbst, sukzessive. Der Appetit kam beim Essen.

In den nuller Jahren arbeitete ich beim Kommersant, zu der Zeit das beste Wirtschaftsblatt im Land. Es gehörte Boris Beresowski, einem jener schärfsten Putin-Gegner unter den Oligarchen. Beresowski lebte in der Emigration in London. Dank dieser Tatsache befand sich die Zeitung in einer einzigartig freien Lage. War man im Kreml über unsere Veröffentlichungen ungehalten, reagierte der Chefredakteur mit den Worten: "Da kann ich nichts machen, alle Fragen bitte an den Eigentümer, sonst setzt er mich vor die Tür." Und wenn sich Beresowski ärgerte, war die Antwort: "Wir können nicht anders, sonst macht uns der Kreml die Zeitung dicht." Tatsächlich schaffte es das Blatt, in alle Richtungen auszuteilen und seine Unabhängigkeit zu bewahren.

Das alles fand 2006 ein Ende, als Beresowski die Zeitung verkaufte. Der neue Besitzer: Alischer Usmanow, Stahlmagnat und Partner von Gazprom. Es gab keinerlei Skandale, doch nach und nach veränderte sich der Redaktionsalltag. Manche bereits geschriebenen Artikel verschwanden aus einer Ausgabe. Oder auch wichtige Absätze aus einem Artikel. Meine Kollegen erklärten dies zunächst für notwendig. Dann für zufällig. Und dann gaben sie überhaupt keine Erklärungen mehr ab.

Ich habe den Kommersant 2009 verlassen. Ich war nicht der Einzige. Innerhalb weniger Jahre machte die einst renommierte Zeitung eine starke Veränderung durch. Vergangenes Jahr, als ich an der journalistischen Fakultät eine Vorlesung hielt, fragten mich die Studenten erstaunt: "Wie konnten Sie, ein so mutiger unabhängiger Journalist, für den Kommersant arbeiten?" Sie wissen nicht, dass der einst eine ordentliche Zeitung war.

Dennoch versuchten in diesen Jahren viele Journalisten ihre Arbeit ehrlich zu machen. 2010 gründeten wir den Fernsehsender Doschd (deutsch: "Regen"), den einzigen unabhängigen russischen Kanal. Wir waren die Ersten, die in Russland für Livesendungen Skype benutzten, und unsere Korrespondenten gingen via Smartphone direkt auf Sendung. Zunächst lachten die Kollegen bei den staatlichen Sendern über uns, sie fanden uns unprofessionell – aber schon bald begannen sie unsere Ideen zu übernehmen. Später, als wir immer häufiger zitiert wurden, prophezeiten sie uns voller Missgunst: "Ihr werdet sowieso bald dichtgemacht." Jeden Monat gab mir irgendein Wohlmeinender das Datum durch, an dem unser Sender geschlossen würde – die Entscheidung habe die Kreml-Administration angeblich schon getroffen.

Doch das war alles nur Bluff – die Präsidialverwaltung schenkte Doschd keinerlei Aufmerksamkeit; man hielt den Sender für einen wenig bekannten Hipster-Kanal. Diese Meinung änderte sich, als unsere Zuschauerzahlen 20 Millionen im Monat erreichten, wir mit Werbung genügend Geld verdienten und in absehbarer Zukunft sogar Gewinn gemacht hätten. Doch nein, auch in diesem Moment wurden wir nicht geschlossen. Man ließ einfach die ganze Propagandamaschine mit voller Macht auf Doschd los: Auf allen anderen Fernsehsendern, in sämtlichen Zeitungen wurden wir beschuldigt, Vaterlandsverräter zu sein. Im Laufe eines Monats kündigten uns fast alle Kabel- und Satellitenbetreiber den Vertrag (viele von ihnen gaben zu, vom Kreml mit Nachdruck dazu aufgefordert worden zu sein). Fast alle Werbeaufträge wurden zurückgezogen; niemand wollte mit einem "Verräter-Sender" assoziiert werden.

Aber Doschd überlebte. Dank seines Publikums. Wir führten ein Abonnementsystem ein, und die Zuschauer bezahlten selbst für die Arbeit der Journalisten, die Durchführung unabhängiger Recherchen und die Aufzeichnungen brisanter politischer Talkshows.

Bei Weitem nicht alle Medien hatten so viel Glück wie Doschd. Nicht selten werden in Russland Medien mit gutem Ruf geschlossen oder Redakteure auf skandalöse Weise entlassen. Aber es gibt auch eine gute Nachricht: Die Anzahl der Medien nimmt ab, doch guter Journalismus wird deshalb nicht seltener. Überall auf der Welt wird jetzt darüber diskutiert, dass die neuen Technologien den Medien unglaubliche Möglichkeiten erschließen und zu einem rasanten Wachstum eines Graswurzeljournalismus beitragen. Die Einzigartigkeit Russlands besteht darin, dass bei uns dieser Bürger-Journalismus den professionellen an Effektivität überflügelt.

Journalistische Arbeit von sehr hoher Qualität leisten die Blogger. Karitative Organisationen führen eigene Recherchen durch. Das Flaggschiff des investigativen Journalismus sind nicht etwa die Massenmedien, sondern der "Fonds zur Korruptionsbekämpfung" des oppositionellen Rechtsanwalts Alexej Nawalny. Die von ihm veröffentlichte (und mithilfe von Doschd gedrehte) Enthüllungsdoku Tschaika über die mafiösen Geschäfte der Familie des russischen Generalstaatsanwalts Juri Tschaika wurde vier Millionen Mal auf YouTube angeklickt.

Und am allerwichtigsten: In den letzten zehn Jahren hat sich in Russland eine Zivilgesellschaft herausgebildet, die heute sehr viel weniger gleichgültig und apathisch ist als früher. Zu Beginn der nuller Jahre, als die Zeitung Kommersant sich vollkommener Freiheit und Unabhängigkeit rühmen konnte, war unser größtes Problem, dass unsere Arbeit niemanden interessierte. Wir konnten veröffentlichen, was wir wollten, die kühnsten journalistischen Recherchen – am nächsten Tag herrschte Grabesstille. Niemand zitierte uns, niemand griff unsere Themen auf. Allen war alles egal.

Inzwischen haben die sozialen Netze dafür gesorgt, dass wirklich überall auf der Welt qualitätsvolle journalistische Inhalte zugänglich sind. Tausende, Zehntausende Posts belegen, dass den Usern unabhängige Journalisten wichtig sind. Deshalb arbeiten wir weiter. Manchmal ist diese Arbeit mit einem Risiko für Leib und Leben verbunden. 2005 habe ich einige Reportagen darüber geschrieben, wie die Machthaber in Usbekistan Demonstranten erschießen ließen. Dann habe ich einige Texte darüber veröffentlicht, wie Russland den usbekischen Machthabern geholfen hat, die Aufständischen zu vernichten. Einen Monat später wurde ich auf offener Straße zusammengeschlagen und musste einen Monat im Krankenhaus verbringen. Nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus ging ich zurück in die Redaktion – es war für mich keine Frage, ob ich meine frühere Arbeit wieder aufnehme oder nicht.

Die Veröffentlichung von Recherchen in der Größenordnung der Panama Papers ist ein klares Zeichen dafür, dass im Journalismus das 21. Jahrhundert bereits begonnen hat. In jenen Ländern, in denen die Freiheit des Wortes bedroht ist, stehen die bedrängten Medien nun nicht mehr allein da. Mit ihnen arbeiten Kollegen auf der ganzen Welt. Natürlich ist Putin der Überzeugung, dass hinter alldem eine globale Verschwörung gegen ihn steckt. Und natürlich ist das nicht der Fall. Dennoch gibt es etwas, wovor er sich fürchten muss. Die Zeit arbeitet gegen ihn. Die Zeit, die es den Journalisten erlaubt, ihre Erfahrungen auszutauschen, sich gegenseitig zu unterstützen und sich nicht einschüchtern zu lassen.

Aus dem Russischen von Beate Rausch