Für Steuerflüchtlinge hat Amerikas Präsident Barack Obama wenig Verständnis: "Diese Schlupflöcher schaden den Familien der Mittelschicht", wetterte er bei einer Pressekonferenz vergangene Woche. In der Tat gehen er und Finanzminister Jack Lew so radikal wie keine US-Regierung zuvor gegen Steuerflucht vor. Dutzende Schweizer Banken mussten während Obamas Amtszeit wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung Bußgelder in Höhe von insgesamt fünf Milliarden Dollar bezahlen, manche ihrer Mitarbeiter kamen ins Gefängnis, einige Institute überlebten die Strafaktionen nicht.

Obamas Regierung greift durch, zumindest solange es um Steuerhinterziehung von US-Amerikanern geht. In die andere Richtung, also wenn Steuerflüchtige aus anderen Ländern ihr Geld in den USA verstecken wollen, ist das Land weniger auf die Steuermoral bedacht. Während die USA von ausländischen Finanzinstituten vollkommene Transparenz verlangen, wenn es um Vermögen von US-Steuerzahlern geht, zeigen sich die US-Behörden eher zurückhaltend bei der Weitergabe von Informationen über Kapital, das Ausländer in den USA geparkt haben. Das Tax Justice Network, eine internationale Initiative für mehr Steuergerechtigkeit, hat die USA deshalb kürzlich auf Platz drei der Rangliste der Steuerparadiese gerückt – gleich hinter der Schweiz und Hongkong, noch vor Singapur und Luxemburg.

In dieser Woche werden Steuerparadiese und Briefkastenfirmen das Hauptthema der Finanzminister bei der Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds sein. Der Grund sind die Panama Papers, die ein Journalistenkonsortium ausgewertet hat und die Politiker und Wirtschaftsführer auf der ganzen Welt wegen publik gewordener Briefkastenfirmen unter Druck setzen.

In Washington will die Weltgemeinschaft wieder in die Offensive kommen. Eine internationale Initiative soll es künftig unmöglich machen, Geld in Steueroasen zu verstecken. Geplant ist unter anderem, dass die Hintermänner der umstrittenen Firmen künftig in einsehbaren Registern aufgeführt werden. Koordiniert werden soll das Ganze von der Industrieländer-Organisation OECD. In den vergangenen Tagen fanden bereits erste Gespräche auf Arbeitsebene statt – auch mit den USA.

Dort schlagen die Panama Papers allerdings keine großen Wellen. Deshalb ist auch fraglich, ob die USA etwas ändern werden. Noch muss sich kein prominenter US-Politiker oder US-Milliardär wegen einer durch die Panama Papers öffentlich gewordenen Briefkastenfirma verteidigen. Russlands Präsident Wladimir Putin erklärte dies damit, dass es sich bei dem Datenleck um eine Aktion der US-Regierung handele.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 17 vom 14.4.2016.

Die Wahrheit ist banaler. Wer an diskrete Briefkastenfirmen kommen und nahezu steuerfrei bleiben will, braucht das als Amerikaner nicht in exotischen Gefilden wie Panama zu versuchen. US-Bundesstaaten wie Delaware, Nevada, South Dakota oder Wyoming bieten viele dieser Vorteile ebenfalls. Allein in Delaware sind über eine Million Firmen registriert – mehr, als der Staat Einwohner hat. Über 60 Prozent der 500 größten US-Unternehmen haben ihre juristische Heimat in dem Bundesstaat, der gezielt um ihr Kapital wirbt. Dabei liefert Delaware sich mit anderen Bundesstaaten einen Wettbewerb darum, wer die einladendsten Bestimmungen hat. Das spärlich besiedelte South Dakota etwa hat in den vergangenen Jahren immer mehr Vermögende aus dem In- und Ausland angezogen, nicht nur wegen der strengen Geheimhaltungsregeln, sondern auch, weil der Staat weder persönliche Einkommensteuer noch Körperschaftsteuer erhebt.