Jeder für sich und Gott gegen alle? Es scheint, als sei die subjektiv empfundene Gewissheit, dass man sich bei echten oder auch nur eingebildeten Gefahren einzig und allein auf sich selbst verlassen dürfe, wieder ins Recht gesetzt. Wer dem Staat, der Polizei oder dem Militär misstraut, der reaktiviert, wo es ihm ums nackte Überleben geht, längst wegsublimierte Überlebenstechniken. Kaum hatten beispielsweise die Attentäter im Pariser Musikclub Bataclan ihr Blutbad angerichtet, empfahl Donald Trump auch uns verweichlichten Alteuropäern zum Schutz vor Terror die allgemeine Volksbewaffnung. Im Ernstfall: Selbstjustiz. Anderswo ging man gegen imaginierte Feinde vor. Weil sogenannte Bürger von Bautzen befanden, dass kein Staat sie vor der Bedrohung durch die erwarteten Flüchtlinge würde schützen können, legten sie vorsichtshalber Feuer an ihre eigene alte Stadt. Und wieder einmal dreht sich Norbert Elias im Grab um. Über den Prozeß der Zivilisation, wie der Soziologe seine Kulturtheorie ausgerechnet im Barbarenjahr 1939 tapfer betitelt hatte, ist nämlich zu sagen, dass dieser Prozess vielleicht nur ein schöner Traum war: Dass das Individuum durch eine tausendjährige Lernphase dahin gekommen sei, uralte Affekte zu kontrollieren, höfliche Distanzen einzuhalten und auf einen Gesellschaftsvertrag zu vertrauen, der nur dem Staat die Ausübung von Gewalt erlaubt, dass also das Individuum mit der Gesellschaft versöhnt sei – diese Vision müsste man Donald Trump und Frauke Petry heute erklären wie einem toten Hasen die Bilder.

Survival in den 80er Jahren. Der dünne Pelz der Zivilisation heißt ein soeben erschienenes Buch des 39-jährigen Schriftstellers und Literaturwissenschaftlers Philipp Schönthaler. Und trotz der historischen Engführung im Titel greift diese Untersuchung erfreulich weit über dieses durch Tschernobyl, Nato-Doppelschluss, sauren Regen und Waldsterben besonders stark verängstigte Jahrzehnt hinaus. Schönthaler ist ein Grundlagenforscher der Gegenwart, und hätte er (oder das Lektorat seines Verlags) nur etwas mehr Mühe auf die Vermeidung zahlreicher stilistischer Unbeholfenheiten und eine konzisere Anordnung des überaus interessanten Materials verwendet, dann wäre dies vielleicht ein wirklich großartiges Buch geworden.

Schönthaler zeigt nämlich überzeugend, dass auch die Barbarei eine Geschichte hat und ein System. Dazu schreitet er die fragile Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation ab, die zugleich die Grenze zwischen dem Individuum und der Gesellschaft ist. Survival ist eine Mehrkampfdisziplin: Ein riesiges Arsenal von Fähigkeiten soll jede erdenkliche Gefahr abwehren, und immer muss dies aus eigener Kraft gelingen. Weil der Mitmensch generell unter Feindesverdacht steht, kommt er dabei als Helfer nicht in Betracht. Die wahre Überlebenskunst macht autonom; sie gleicht einem Schweizer Offiziersmesser mit Abertausend Funktionen, sie ist die Lebenskunst der Asozialisierung.

Die nuklearen, kriegerischen und ökologischen Bedrohungen in den achtziger Jahren waren gefährlich und real und beförderten die weitreichendsten Ängste. Man wähnte die Welt kurz vor ihrem Untergang. Durch die großen Katastrophenszenarien angespitzt, richtete sich der Gefahrensinn längst auf die unverdächtigsten Alltagssituationen. Hingen nicht zum Beispiel die Überlebenschancen bei einem Zugunglück doch sehr davon ab, in welchem Teil des Zuges man sich im Moment des Unglücks befand? Wenn sich der Waggon aufbäumte, wenn er schaukelte, bockte oder aus den Schienen sprang, sollte man sich schleunigst flach auf den Boden werfen. Andere Vorkehrungen schienen bei abstürzenden Fahrstühlen geboten oder im Straßenverkehr, und zwar auch dann, wenn man nur an der Ampel stand: "Will jemand gewaltsam in dein Fahrzeug eindringen, so schließe die Fenster und verriegele die Tür", empfahl ein 1986 erschienenes Lexikon für das Leben in Wildnis und Zivilisation. Ein grundlegender Unterschied zwischen Wildnis und Zivilisation wurde kaum gemacht. Warum auch? Die Zivilisation war ja längst selbst zur wilden Natur geworden, der Großstadtdschungel hatte sich seinen Namen verdient. Was tun?

Es scheint, als seien gelernte Pfadfinder die unerreichten Meister des Ausnahmezustands. "Be prepared – allzeit bereit!" lautet seit einem Jahrhundert der Pfadfindergruß, der zugleich ein Grundgesetz des Survival ist. Es geht hier nämlich um eine Apokalyptik mit eingebautem Notausgang. Deutsche Handreichungen erklärten nach Tschernobyl, wie noch der Super-GAU im Nachbarschafts-AKW zu überleben sei. Von dünnen und daher für die Strahlung durchlässigen Pullovern wurde abgeraten, solche aus festem Baumwollgewebe aber empfohlen, da sie ausreichenden Schutz böten. Atomstaub könne man aus der Kleidung bürsten, aber immer nur mit der Windrichtung. Survival, so fasst Philipp Schönthaler zusammen, kann die "Wirklichkeit in ihrer Gesamtheit" strukturieren.

Survival ist, aus Anschaulichkeitsgründen, auf Vorbilder angewiesen, die den Kampf ums nackte Leben in exemplarischer Heldentat bestreiten. Schönthaler verdeutlicht das an Filmen wie Rambo, Mad Max oder Stirb langsam. Im Zentrum seines Buches stehen aber reale Typen, die ihre Erfahrungen durch übrigens sehr lukrative Sachbücher, Filme oder Lichtbildtourneen überliefert haben. Der philosophierende Bergsteiger Reinhold Messner ist so einer, aber vor allem Rüdiger Nehberg, zu dessen Leben, Werk und Wirkung Schönthaler das meiste zu sagen hat. Mit dem Fahrrad von Hamburg nach Marokko; als erster Mensch den Blauen Nil entlang – tausend bittere Kilometer, und dann wird auch noch der Kameramann erschossen; Urwald-Inferno bei den Yanomami-Indianern; Atlantiküberquerung auf dem Floß; aber vor allem: der Deutschlandmarsch im Jahr 1981, als elf Millionen Fernsehzuschauer verfolgten, wie Nehberg den Weg von Hamburg nach Oberstdorf ohne jede Hilfsmittel und mitgebrachte Nahrung überlebte. "Sir Vival", so Nehbergs eingetragene Trademark, ernährte sich von Wurzeln, Pflanzen und Insekten und sprach Sätze in die Kamera, die man heute nur noch aus der Volkspädagogik des Dschungelcamps kennt: "Wer sich vor Heuschrecken, Maden oder Termiten ekelt, der ist lediglich das Opfer gesellschaftlicher Gepflogenheiten." Oder: "Wir Überfluss- und Sattmenschen hatten es nie nötig, auf die leckeren Insekten angewiesen zu sein." Es geht hier aber nie um eine Anverwandlung oder ein romantisches Erleben der Natur. Es geht um deren geradlinigste Überwindung. Als Routenplaner hatte Nehberg Landkarte und Lineal benutzt: von Hamburg nach Oberstdorf auf der Direttissima. Und noch entscheidender: Jede fremde Hilfestellung war strengstens verboten, Betteln Hochverrat. Survival ist ein einsames, ein Egoshooter-Spiel. Eine Abbildung in Nehbergs Buch Survival vor der Haustür zeigt zum Beispiel, wie man sich aus einem überfahrenen Igel einen Boxhandschuh basteln kann.

Heute lernen Manager in Survival-Seminaren, wie man auf Bäume klettert, und erledigen, dadurch erfrischt, am nächsten Tag ihre Mitstreiter im Konferenzraum. Schönthaler beleuchtet die so hässliche wie synkretistische Genese einer Kulturtechnik: Survival greift auf die Alternativkultur der sechziger und siebziger Jahre zurück und usurpiert die Tradition, indem es sie ihres gemeinschaftlichen Ideals beraubt. Der soziale Thermostat wird so lange heruntergedreht, bis nur noch die Selbstverwirklichung zur Utopie taugt.

Unter dem Banner des Selbstmanagements finden Survival und Neoliberalismus zusammen. Ayn Rand sticht Thoreau. Was ist also ein Survival-Typ: ein Hippie ohne Freunde? Indianer ohne Stamm? Die letzte Hoffnung? Schönthaler spricht von einer "Schule der Angst", die ihren Unterricht spätestens dann beginnt, wenn die Selbstmanager auf einmal in den Abgrund zu schauen glauben. Wie in einigen Ratgeberbüchern des Pegida-freundlichen Kopp-Verlags. Sie heißen: Finanzcrash. Die umfassende Krisenvorsorge; Das Handbuch der Selbstversorgung: Überleben in der Krise; oder: Was Opa und Oma noch wussten. So haben unsere Großeltern Krisenzeiten überlebt. Besorgte Bautzener, aufgepasst! Wer noch weiß, wie man Früchte einkocht, der könnte am Ende im Vorteil sein.

Philipp Schönthaler: "Survival in den 80er Jahren. Der dünne Pelz der Zivilisation"; Matthes & Seitz, Berlin 2016; 279 S., 22,90 €