Voilà, hier sind alle Zutaten, die man für einen guten deutschen Skandal braucht: Schäferhunde. Die DDR. Die Mauer. Der Westen. Die Nazis. Außerdem ein Model von einer russischen Onlineplattform, aber das nur am Rande.

Kürzlich veröffentlichte die Hauszeitschrift des Hannah-Arendt-Instituts an der TU Dresden, Totalitarismus und Demokratie, einen Aufsatz mit dem Titel Der deutsch-deutsche Schäferhund – Ein Beitrag zur Gewaltgeschichte des Jahrhunderts der Extreme.

Die Autorin, eine gewisse Christiane Schulte, ausweislich ihres Autorenfotos eine junge Frau mit langem blonden Haar, behauptete in dem Aufsatz, dass viele Schäferhunde, die die DDR-Grenze bewachen sollten, von Hunden abstammten, welche von den Nazis einst in den Konzentrationslagern eingesetzt worden seien.

Es seien, so stand es weiterhin in dem Text, durch die Schäferhunde "beide totalitären Diktaturen des 20. Jahrhunderts" quasi in einer "Gewalttradition" vereint. Und es steigerte sich die Autorin zu der Frage: "Waren deutsche Hunde also immer schon deutsche Täter?" Offensichtlich: Das "gezielte Fass-Training auf Menschen" sei von der NS-Zeit bis in die DDR "systemübergreifende Kontinuität" gewesen. Ohne größere Umwege kommt Schulte zu dem Schluss, dass der ostdeutsche Schäferhund eine blutrünstige Mordwaffe sein müsse. Und der westdeutsche eher ein braver, schüchterner Gefährte. Kein Wunder, dass zu den ersten Opfern der Berliner Mauer ein westdeutscher Schäferhund namens Rex gehört habe. "Eingesetzt bei der Westberliner Schutzpolizei", sei er am 14. August 1961 "von Ostberliner Grenztruppen erschossen" worden.

So erschien der Text also und hatte nur ein Problem – er war ein einziger Schwindel. Das Hannah-Arendt-Institut ist, um im Hunde-Bild zu bleiben, Pardon: ordentlich auf die Schnauze gefallen.

Denn es ist zwar wahr, dass die DDR und die Bundesrepublik verschiedene Sorten Schäferhunde gezüchtet haben. Aber der Zusammenhang zwischen KZ- und DDR-Hunden? Ein Maueropfer namens Rex? Systemübergreifende Hundegewalt? Erstunken und erlogen. Nicht einmal die angebliche Autorin Christiane Schulte ist real.

Tatsächlich ist das Hannah-Arendt-Institut auf die Satire-Aktion einer Aktivistengruppe namens Christiane Schulte und Freund_innen hereingefallen, die sich nach Veröffentlichung auf einer Internetplattform auch stolz dazu bekannte, gestandene Wissenschaftler genarrt zu haben. Und das Autorenfoto von "Christiane Schulte", so haben es an der Herstellung von Totalitarismus und Demokratie beteiligte Mitarbeiter später recherchiert, stammt womöglich nur von der Homepage einer russischen Model-Agentur.

In ihrer Bekennerbotschaft teilt die anonyme Gruppe mit, sie habe politischen Konformismus in der Wissenschaft aufdecken und beweisen wollen, dass Publikationen wie Totalitarismus und Demokratie nicht zwangsläufig nach wissenschaftlichen Kriterien arbeiten.

Sondern alles drucken, wenn es nur das eigene Weltbild, das eigene Klischee bestätigt – und irgendwie akademisch klingt? "Christiane Schulte" jedenfalls hat mit Forschern Katz und Maus gespielt. Oder, wie Harald Martenstein im ZEITmagazin über den Fall schrieb: "Jeder Quatsch hat eine Chance, zur Wissenschaft erklärt zu werden, sofern er ins Weltbild der Auftraggeber passt".

Darüber, ob die Satire von "Christiane Schulte" eine gelungene Aktion war und ob die Leute vom Hannah-Arendt-Institut wirklich dem akademischen Konformismus verfallen sind, kann man streiten. Aber hätten die Forscher den Braten nicht riechen müssen wie ein guter Schäferhund? Spätestens eine Google-Suche nach dem Namen der Autorin hätte ja gezeigt, dass es sie gar nicht gibt.

Also fragen wir nach: Am Hannah-Arendt-Institut spricht man nicht mehr so gern öffentlich über die hundsgemeine Peinlichkeit, die allen "sehr unangenehm" sei, wie dann doch zu hören ist. Die Fußnoten, die Aufmachung, die Sprache der "Autorin" hätten gezielt den Anschein von Seriosität erweckt. Leider habe man nur per Mail mit ihr kommunizieren können. Außerdem sei man nicht etwa seiner politischen Voreingenommenheit, sondern im Gegenteil seiner Offenheit zum Opfer gefallen! Denn "Christiane Schulte" habe man für eine Forscherin aus dem Animal-Rights-Bereich, also irgendwie aus dem politisch linken Spektrum, gehalten. Und sie, einem liberalen Impuls folgend, gerade deshalb gedruckt.

Und es sei ja nun eben eine Wahrheit, dass es Ost- und West-Schäferhunde gibt, dass die Trennung durch die Mauer verschiedene Züchtungen hervorgebracht hat, dass die Arbeit also nicht gänzlich falsch ist, das sei ja das Raffinierte.

Übrigens wurde nicht nur das Hannah-Arendt-Institut hinters Licht geführt. Auch auf einer Tagung in Berlin hat "Christiane Schulte" ihre "Forschungsergebnisse" vorgestellt. Dem Neuen Deutschland gegenüber erklärte das Autorenkollektiv: "Wir haben erzählt, was die dort hören wollten, und sie haben es nicht nur mit Wurm und Haken geschluckt, sondern uns auch noch in den Arm gebissen, um mehr vom Köder zu bekommen. Es reichte völlig, die Textsorte zu treffen und den Unsinn ohne Lachen vorzutragen." Da wird es einem hundeelend.