Es gibt einen europäischen Staatsschef, der behauptet, Europa sei "nicht frei", denn es sei "verboten, die Wahrheit zu sagen". Was er für die Wahrheit hält, sprach er gleichwohl unlängst in einer Feierstunde aus: Eine "orchestrierte Kampagne" dirigiere Flüchtlingsmassen nach Europa, um dessen "religiöse und kulturelle Landkarte zu verändern, seine ethnischen Grundlagen umzubauen und dadurch die Nationalstaaten zu vernichten, die das letzte Hindernis für die internationale Bewegung sind". Da seien "verborgene, gesichtslose Mächte" am Werk, und es fehlt auch jener Begriff nicht, der in Osteuropa die Juden meint: "kosmopolitisch".

Der Mann heißt Viktor Orbán und ist Ungarns Ministerpräsident. Dass sein Land EU-Mitglied ist, könnte glatt vergessen, wer ihn über "Brüssel" reden hört. Während der Feierstunde sprach der Staatschef davon, dass eine Frage "wie der Säbel eines Husaren auf unsere Brust gerichtet ist: Werden wir in Sklaverei oder in Freiheit leben?".

Was sind da für Leute an der Macht?

Abseits vom Zentrum Budapests liegt ein Medienzentrum, das mit Orbáns Partei Fidesz eng verbunden ist. Dort arbeitet der 53-jährige Journalist Zsolt Bayer. Er ist ein Volkstribun; jemand aus dem Umfeld des Ministerpräsidenten nennt ihn "unseren Mann fürs Grobe". Bayer schreibt in der Tageszeitung Magyar Hírlap, kommentiert im Fernsehen und auf seinem Blog. Im Gespräch kommt er sofort auf die Flüchtlinge zu sprechen: "Überlegen Sie mal: Seit dem 11. September 2001 werden wir an den Flughäfen wie die Tiere behandelt, aber niemand fragt an der Grenze den Ali, hey Ali, woher kommst du eigentlich?"

Integrieren könne man "den Ali" auch nicht. Das sehe man in Molenbeek und Köln. Bayer grinst: "Wegen der Muslime kommen mehr und mehr Rentner aus Deutschland und Holland zu uns. Die wollen eben mittags die Glocken läuten hören und weiße Gesichter auf der Straße sehen."

In der Tat, selbst in Budapest sieht man fast nur weiße Gesichter. Und ein paar Roma, die machen die Drecksarbeit. Über die Roma hatte sich Bayer früher schon geäußert, nachdem sich einige von ihnen an einer Messerstecherei beteiligt hatten: "Diese Zigeuner sind Tiere und benehmen sich wie Tiere. Sie wollen sich sofort mit jedem paaren, den sie erblicken. Sie entleeren sich, wo und wann es sie überkommt. Was sie sehen, wollen sie haben. Wenn sie es nicht sofort bekommen, nehmen sie es sich und morden."

Zsolt Bayer ist keine Randfigur, sondern ein Kampfgefährte Orbáns, Inhaber des Fidesz-Parteibuchs Nummer 5 und ein gefragter Redner auf Parteiveranstaltungen.

Als die Partei im Jahr 2002 die Wahl verlor, führten ihre Strategen das auf mangelnde Unterstützung seitens der Medien und der meinungsbildenden Eliten zurück. Acht Jahre später kam Fidesz wieder an die Macht. Sie will kein zweites 2002 erleben. Ihr Ziel lautet Hegemonie.

In einem Budapester Café sitzt der Blogger, Filmproduzent und Schauspieler Márton Gulyás an seinem Laptop; der 30-Jährige mit dem präzisen Scheitel ist einer der unkonventionellsten Oppositionellen Ungarns. Er besucht zum Beispiel Veranstaltungen des Regierungslagers, erhebt sich und fordert die anwesenden Machthaber zum Debattenduell auf. Sie könnten Zeit und Ort bestimmen. "Die kommen aber nicht", sagt er. "Unsere Politiker vermeiden den Austausch von Argumenten." Allenfalls die rechtsextreme Partei Jobbik ("Besser") lade zu Diskussionsrunden auf YouTube ein. "Auch mich, und ich gehe hin. Sonst macht es ja niemand."

Márton Gulyás zufolge hat Orbán den Diskurs fest im Griff. "Sobald zum Beispiel jemand von Flüchtlingen spricht", sagt Gulyás, "reden auch Gutmeinende gleich vom Terror." Diese Themen in eins zu setzen ist der Propaganda durchweg gelungen. Die sozialistische Oppositionspartei MSZP hat es aufgegeben dagegenzuhalten, und das bedeutet: Sie gibt ihren Anhängern keine Argumente an die Hand. Die Orbán-Regierung hat kürzlich ein Referendum gegen die Festlegung von Flüchtlingsquoten durch die EU angekündigt – die MSZP zeigt keinerlei Anstalten, sich an einer Gegenkampagne beteiligen zu wollen. Sie traut sich nicht, gegen die Mehrheitsstimmung aufzutreten.