DIE ZEIT: Herr Kardinal, darf ich fragen, wie es Ihrer Familie geht?

Walter Kasper: Aber ja. Wir Kardinäle fallen schließlich nicht vom Himmel. Wir haben Eltern, Geschwister, Nichten, Neffen – und erfahren am eigenen Leib: Die Idealfamilie gibt es nicht. Was man kirchenrechtlich "irreguläre Situationen" nennt, das kommt praktisch in jeder Familie vor. Meine Familie ist relativ klein, weil eine Schwester unverheiratet und die andere kinderlos geblieben ist. Momentan schmerzt mich sehr, dass meine jüngere Schwester gestorben ist. Für uns Priester ist die Herkunftsfamilie besonders wichtig, sie gibt uns Halt.

ZEIT: Sie leben seit 17 Jahren in Rom. Wie halten Sie Kontakt zur Familie?

Kasper: Wir telefonieren und schicken uns E-Mails. In den Ferien fahre ich immer nach Hause ins Allgäu, in mein Elternhaus. Dort herrscht eine Vertrautheit, die jeder Mensch braucht: eine gute, keine heilige Familie.

ZEIT: Der Papst wollte die katholische Ehe- und Sexualmoral erneuern, Sie haben in seinem Auftrag Reformvorschläge gemacht – und dafür dann auch die Prügel eingesteckt. Der ganze Streit begann vor zwei Jahren mit einer Rede, die Sie vor den Kardinälen in Rom hielten. Wie kam es dazu?

Kasper: Der Papst rief mich an: "Hier Papst Franziskus! Können Sie nicht herüberkommen zu mir?" Also bin ich rüber.

ZEIT: Sie wohnen außerhalb der vatikanischen Mauern, fünf Minuten Fußweg vom Papst entfernt.

Kasper: Er wünschte sich einen Vortrag vor der Vollversammlung der Kardinäle. Aber keine abstrakte Sache, nichts Lehrmäßiges, sondern eher Pastorales über, wie er sich ausdrückte: das Evangelium von der Familie. Franziskus erzählte mir auch von der Familienseelsorge in Argentinien und von seiner Familie.

ZEIT: Waren Sie gleich einig?

Kasper: Wir wollten die Kluft zwischen der kirchlichen Lehre und der gelebten Überzeugung vieler Katholiken nicht nur beklagen, sondern sagen: Die Lehre erscheint heute vielen lebensfremd. Darauf müssen wir reagieren. Es genügt nicht, ein altes Familienmodell hochzuhalten. Später habe ich den Papst noch einmal besucht, um über die wiederverheirateten Geschiedenen zu reden.

ZEIT: Sie hatten Vorschläge für eine Zulassung zum Abendmahl. Das wurde später zum Zankapfel in der Bischofssynode. Was meinte Franziskus?

Kasper: Ich habe ihn nicht nach einer Lösung gefragt. Es wäre indiskret gewesen, einen Papst festzulegen. Und er hat mir Freiheit gelassen. Ich musste nur wissen, ob er das heikle Thema behandeln will, und er wollte.

ZEIT: Hatten Sie Angst vor dem großen Auftritt?

Kasper: Nein. Ich habe viel gelesen, Kollegen in der Kurie konsultiert, Beichtväter befragt – und gebetet. Aber bei der Rede war ich ganz ruhig. Der Papst schien dann auch zufrieden.

ZEIT: Franziskus hat Ihre Rede gelobt, obwohl der Vatikan sie unter Verschluss halten wollte. Sind Sie nun Ihrerseits zufrieden mit dem päpstlichen Abschlussdokument Amoris Laetitia?

Kasper: Ich bin sehr zufrieden. Denn das Schreiben ist in keiner Weise doktrinär, sondern realistisch, biblisch und spirituell. Besonders gefällt mir die Auslegung des Hohelieds der Liebe in einer Sprache, die jeder versteht. Das liest sich sehr schön.