Nikotin, wollen Forscher herausgefunden haben, stärkt die Nervenverbindungen im Gehirn und hilft, angenehme Erinnerungen abzuspeichern. Ist es da ein Wunder, dass mein liebstes Andenken ein Zigarettenkästchen ist?

Die letzten Glimmstängel enthielt die goldene Schatulle, als sie noch meiner Großmutter gehörte. Geraucht hat sie nie. Aber ein zigarettenloser Haushalt in den sechziger Jahren? Eine barbarische Vorstellung. Handwerker wollten versorgt sein. Vertreter. Stromableser. Schließlich qualmte jeder, als sei er ganz allein für das Feinstaubaufkommen der Stadt zuständig.

Bis in die achtziger Jahre hinein rettete Oma die Sitte der Nikotinbewirtung. Der Einzige, der danach noch kam und sich aus dem Kästchen bediente, war ich. Heute steht es in meinem Büro. In seinem Goldschimmer meine ich immer noch den alles amalgamierenden Einrichtungsstil von Großmutter gespiegelt zu sehen. Tibetanische Rollbilder hingen bei ihr neben Fotos vom Riesengebirge, im Regal folgten auf die Biografie der Knef graue Messerschmidt-Bomber – Flugzeugmodelle, die ich ihr als Kind gebastelt hatte. Andere Familienmitglieder entsorgten solche Gaben irgendwann diskret, sie aber präsentierte sie bis zum Schluss wie Andachtsgegenstände.

Oma war offen für alles. Wo Vater und Mutter immerzu vor Gefahren warnten, kannte ihre fast kindliche Furcht vor Langeweile nur eine Losung: Probieren geht über Studieren. Also probierte ich, was das Zeug hielt. Rauchte ihre Zigaretten. Trank ihren Sherry. Reiste mit ihr durch die Sowjetunion und ans Nordkap. Wir hatten dieses Einverständnis zwischen Jung und Alt, von dem jene, die "mitten im Leben" stehen, keine Ahnung haben.

Wenn heute meine Gedanken mutlos werden, nehme ich das Kästchen zur Hand. Fahre über sein gehämmertes Blütenmuster. Und spüre, wie es gleichermaßen beruhigt und belebt. Ganz so wie das Rauchen der Zigaretten, die früher in ihm lagen.