Schüchtern steht die junge Frau an der Fleischtheke. "Was fressen Hunde?", fragt sie den Verkäufer, ihr Blick ist abwesend. Die billige Daunenjacke, die sie sogar drinnen nicht auszieht, ist hellgrau, wie alles am Anfang grau scheint: der Plattenbau der ostdeutschen Stadt, in der sie lebt, die Computer in den Büroräumen, in denen sie arbeitet, ihr Großvater, der im Krankenhaus liegt und auf den Tod wartet.

Das Steak, das der Metzger Ania über die Supermarkttheke reicht, wirkt vor dieser Kulisse wie eine Verheißung: Rot leuchtet die blutverschmierte Plastiktüte, die sie später im Bus verstohlen in ihre Jackentasche stopft, nachdem sie das große Stück Fleisch auf einen Ast im Wald gespießt hat. Ebenso verstohlen leckt sie sich im Büro den Rest des Rinderbluts von der Hand. Ja, diese Frau leckt Blut! Tierblut! Und sie empfindet Lust dabei!

Es ist die erste, noch beiläufige kleine Ungeheuerlichkeit, die Regisseurin Nicolette Krebitz dem Zuschauer in ihrem neuen Film Wild vorsetzt. Eine Szene, die Plakativität ankündigt; bald wird diese den Film gänzlich erfassen und den Plot, der an sich schon schwer ohne gedachte Ausrufezeichen zu lesen ist – eine Frau verliebt sich in einen Wolf –, unter sich begraben.

Dabei hätte es eine gute Geschichte werden können. Eine subtile, fantastische, vielleicht etwas überdrehte Erzählung hätte aus dem Moment entstehen können, in dem Ania (Lilith Stangenberg) auf ihrem Weg zur Arbeit im Park einen Wolf sieht, dessen Blick sie nicht vergessen kann. Den sie fortan sucht, mit dem Steak aus dem Supermarkt aus dem Wald locken will, mit ausgesetzten Kaninchen aus der Zoohandlung oder ihrem eigenen Wolfsheulen am Fenster, das nicht erwidert wird. Die Natur, diese archaische Kraft, tut, was sie will, sie lässt sich nicht bändigen, ist wild und frei, das Gegenbild unserer kühlen, kaputten und irgendwie müden Zivilisation. Das ist Krebitz’ Thema in Wild. Ania, das Menschenkind, eingesperrt in dieser Zivilisation, verspürt einen existenziellen Hunger nach dem Nichtvergesellschafteten, dem Rohen, Geheimnisvollen und Brutalen, das sich nirgends so bündelt wie in der Figur des Wolfes. Gefürchtet, gejagt und verehrt wird er schließlich nicht nur in Mythen, sondern seit einigen Jahren auch wieder in der Realität. Rund 300 Wölfe sollen aktuell in Deutschland leben, in Gemeinden, in denen ein Tier gesichtet wurde, herrschen Angst und Faszination gleichermaßen. An diese Gefühle knüpft Wild an, auch Ania nähert sich dem Wolf, den sie betäubt und in ihre Wohnung einsperrt, zunächst nur in Schutzanzug mit Anti-Beiß-Halskrause.

Doch schon bald wird sie nackt sein, zerfetzt hängt nur mehr ein Slip an ihrem Körper, der Wolf ist durch die Zimmerwand aus seinem Verlies gebrochen. Zusammen hausen die beiden jetzt im Hochhaus, teilen sich ab und zu eine Packung rohes Hackfleisch. Dann kommt Anias Traum. Aus ihr tropft das Blut ihrer Periode, sie geht auf die Toilette, der Wolf folgt ihr, beginnt, an ihr zu lecken. Diese erträumte Intimität ist verstörend, eigen, interessant. Es bleibt die einzige stille große Szene. Als hätte die Regisseurin den Mut verloren, setzt Wild auf allzu offensichtliche Metaphern, wodurch die eigentliche Geschichte merkwürdig unerzählt bleibt.

Während die Kamera (Reinhold Vorschneider) sich voll und ganz auf Anias Gefühlswelt einlässt und ihre rasante Verwandlung von der normalen Angestellten zur Wolfsgeliebten durch irritierende Anschnitte, ruhige Einstellungen aus dem Büroalltag und aufwühlende Szenen von der nächtlichen Wolfsjagd im Wald für den Zuschauer spürbar werden lässt, schaffen es die Charaktere nicht, diese Nähe zu transportieren.

Von den Figuren, die Ania umgeben, und auch von ihr selbst fühlt man wenig. Der autoritäre Chef (Georg Friedrich), der Ania begehrt, den sie nicht will, aber ein bisschen auch doch, die selbstsüchtige Schwester, der Großvater im Koma, die denunziatorische Nachbarin in der Platte, all sie hätten Stoffe liefern können, bleiben jedoch fern und unverständlich und wirken damit als Charaktere seltsam verloren.

Auch der Wolf dient letztlich nur als Beiwerk, einmal kurz schlabbert er an Anias Hals, dann konzentriert sich die Kamera auf sie. In pornografischer Videoclip-Ästhetik rutscht Ania, durch die Berührung des Tiers in eine Art sexuelle Trance versetzt, mit wilden Haaren in ihrer zerrissenen Unterwäsche das Geländer des Treppenhauses hinunter, um nach dem lustvollen Erlebnis dem Wolf kess zuzurufen: "Jetzt mach ich uns Frühstück!"

Unterlegt sind Szenen wie diese mit abenteuerlich-schamanischem Soundtrack, die präzisen Bilder helfen nun auch nicht mehr, so übertrieben wird das Wilde in Wild ausgestellt. Blut, Fleisch, Feuer, Exkremente, all das wird aufgefahren, um das Animalische, dem Ania sich hingibt, zu inszenieren. "You’re on your own in a world you’ve grown", singt James Blake im Hintergrund ätherisch, als Ania, die eben noch zu Hause in der Küche dem Wolf die Zivilisation erklärt hat ("Das ist ein Toastbrot"), sich an der Leine von ihrem Tier in die Wildnis ziehen lässt.

Die junge Frau, die nun nicht mehr schüchtern, sondern wie ein drängender Junkie ohne Stoff an der Fleischtheke steht, die Brackwasser trinkt und tote Mäuse verspeist – Wild folgt am Ende dem Prinzip des Vampirfilms. Es geht um den Grusel der Metamorphose vom Menschen zu einem anderen Wesen, schade, dass man dabei so unbeteiligt bleibt.

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