Wo ein William ist, ist auch ein Weg – Seite 1

Was für ein Schock: Er ist gar nicht da! Da macht man sich auf nach England, um dem vielleicht größten Dichter aller Zeiten, der am 23. April vor 400 Jahren starb, auf die Spur zu kommen. Und dann das: Das einzige halbwegs authentische Bildnis, auf dem er so wissend schaut und einen coolen Ohrring trägt, das Chandos-Porträt, das Gründungsbild der National Portrait Gallery in London – weg. Verreist. Bis Ende Juli. Nach Moskau!

"Where is Shakespeare?" heißt die Überschrift auf dem Museums-Pappschild im zweiten Stock, das die Leerstelle erklärt. Gute Frage. Der Mann ist kaum zu fassen, seit Jahrhunderten nicht. Jede Biografie über ihn, schreibt der amerikanische Shakespeare-Experte Bill Bryson, enthalte fünf Prozent Fakten und 95 Prozent Fiktion, notgedrungen: Ein weltveränderndes Werk von einer Million Wörtern hat Shakespeare geschaffen, aber kein Originalmanuskript, kein Brief von seiner Hand existiert mehr. Die Texte aller Stücke, wie sie heute gespielt und bewundert werden, sind aus verschiedenen Quellen zusammengerührt. In Shakespeares eigener Handschrift sind ganze 14 Wörter überliefert: Ein dürres "by me", mit dem er sein von einem Juristen aufgesetztes Testament beglaubigt hat. Dazu sechsmal seine Unterschrift mit Vor- und Nachnamen, immer anders geschrieben – und kein einziges Mal so, wie wir es heute tun. Wusste er selbst nicht so genau, wer er eigentlich war?

Jeder muss sich sein eigenes Bild machen von diesem Phantom. Mein Plan: von London, wo Shakespeare als Schauspieler, Dramatiker und Theaterbesitzer erfolgreich war, nach Stratford-upon-Avon reisen, wo er 1564 geboren wurde, zur Schule ging, eine Familie gründete, Häuser besaß, sich zur Ruhe setzte und aus unbekannten Gründen starb, gerade mal 52 Jahre alt. Er selbst muss die Strecke oft zurückgelegt haben, als eine Art Berufspendler, der in London bei allem Erfolg zur Untermiete wohnte, während seine Frau Anne und die drei Kinder daheim blieben. Mindestens vier Tage dürfte er für die Reise gebraucht haben, one way. Ob er zu Fuß ging oder sich ein Pferd leisten konnte, weiß niemand.

"Ein Fahrrad hatte er jedenfalls nicht, nehme ich mal an", sagt der Fährmann an der Schleuse von Shepperton und guckt spöttisch auf meinen Drahtesel. Da hat er wohl recht. Das Fahrrad wurde erst 200 Jahre nach Shakespeares Tod erfunden. Selbst das Wort wheel samt seinen Varianten kommt im Gesamtwerk nur viermal vor. Ist es also eine Schnapsidee, ihm hinterherzuradeln wie ein "wheeling stranger", ein "irrlichternder Fremder", wie es in Othello einmal heißt? Der Reiseveranstalter The Carter Company ist offenkundig nicht dieser Meinung, er hat zum Jubiläumsjahr eine Tour auf des Barden Spur aufgelegt, mit Leihrad, Übernachtungen, Gepäcktransport und minutiösem Routenplan, der sogar vor den Gefahren des Linksverkehrs warnt: "An der T-Kreuzung gegenüber der Tankstelle sehr befahrene Hauptstraße, rechts abbiegen, VORSICHTIG!" Doch egal, wie und wo ich mich nach dieser Anleitung fortbewege, es ist eine Reise im Konjunktiv: Diesen Pfad könnte Shakespeare genommen, jenen Pub besucht haben ...

Insgesamt dürfte Shakespeares Heimweg 160 Kilometer lang gewesen sein. Ich werde 90 mehr auf dem Tacho haben, wenn ich an seinem Geburtshaus ankomme. Umwege sind unvermeidlich in einer von Industriegebieten, Schnellstraßen und Eisenbahnen durchzogenen modernen Kulturlandschaft. Doch selbst zwischen Kraftwerken und Bahnhöfen sind der Mann und seine Zeit gar nicht so fern. Der Fährverkehr zum Beispiel folgt Regeln, die schon zu Shakespeares Zeiten hätten gelten können. "Schlagen Sie die Glocke laut und deutlich", steht auf einem Zettel am Südufer der Themse. Es dauert etwas, dann setzt sich der Fährmann in Bewegung. Modern an der ganzen Sache sind lediglich die beiden Außenbordmotoren des flachen Kahns sowie die Tatsache, dass man nur alle 15 Minuten läuten darf, so wollen es die Arbeitszeitregelungen. Einmal im Dienst, setzt der Fährmann mich samt Rad bereitwillig über und dreht sogar ein paar Extrarunden. Für schöne Bilder.

Ein Treffen mit Shakespeare höchstpersönlich habe ich da schon hinter mir, mein Bild von ihm hat schon ein wenig an Kontur gewonnen: In Hampton Court, dem labyrinthischen Palast der englischen Könige am Stadtrand von London, kommt Schlag Viertel vor eins der Dichter in die Great Hall gewankt, in schwarzen Strumpfhosen, einen eisernen Ritterhelm auf dem Kopf. Irr blickt er sich um zwischen den Touristen aus aller Welt, die an langen Tischen unter der fantastisch gezwirbelten Holzdecke des Bankettsaals sitzen. Ähnlich voll muss es gewesen sein, als Shakespeare hier mit seiner Truppe, den King’s Men, zu Weihnachten 1603 vor James I eine Privataufführung gab. Auch heutzutage ist der König anwesend, sitzt neben seiner Frau auf einem Thron, befummelt ausnahmsweise keinen Hofknaben und auch nicht seinen Hosenlatz, wie er es der Überlieferung nach sonst so gerne getan haben soll. Angespannt verfolgt er eine Probe von Hamlet, in der Shakespeare nicht nur Regie führt, sondern auch den alten König gibt, Hamlets ermordeten Vater. Als Geist mit Helm erscheint er seinem Sohn und fordert, er möge Papa rächen.

Es ist ein vertracktes Spiel im Spiel im Spiel, das die Palastverwaltung täglich mit Darstellern in historischen Kostümen inszeniert. Denn geprobt wird ausgerechnet jene Szene, in der Hamlet eine Schauspieltruppe bittet, den Mord an seinem Vater vor den Augen des neuen Königs Claudius, des Mörders, nachzustellen. Ein König wird um die Ecke gebracht – das wiederum kann King James nicht gefallen, entrüstet greift er ein: "Ich lebe noch!" So geht es hin und her, Geschichte zum Mitzittern und Mitlachen. Das kleine Stück ist so gut geschrieben und gespielt, dass selbst Shakespeare-Analphabeten locker mitkommen und Kenner was zum Schmunzeln haben.

Manchmal kann der Weg schlammig sein

Als Schlossgeist am Originalschauplatz ist der Jubilar quicklebendig. Die Great Hall ist – neben einem ähnlichen Saal in London – der einzige erhaltene Ort, an dem Shakespeare erwiesenermaßen aufgetreten ist. Seine Londoner Theater, das Globe und eine überdachte Spielstätte im Stadtteil Blackfriars, brannten früh nieder; die Rekonstruktionen, die sich nun zwischen schicken Restaurants im Zentrum der Stadt ans Themseufer quetschen, stehen nicht mehr an der ursprünglichen Stelle. Im Innern freilich tun sie alles, um Shakespeares Geist zu beatmen. Das 2014 eröffnete Sam Wanamaker Playhouse setzt auf den Zauber einer historischen Aufführungspraxis: Dutzende Bienenwachskerzen tauchen die hölzernen Wände in dramatisches Schummerlicht; auf den einfachen Bänken drängen sich 340 Zuschauer so dicht um die Bühne, dass sie beinahe Teil des Stücks werden. Ganz ohne Kulissen, Lichtdesign, Drehbühne oder Videoprojektionen kommt alle Spannung wie vor 400 Jahren aus dem virtuosen Spiel mit Shakespeares Sprache, der dem Englischen allein im Hamlet mehr als 600 neue Wörter geschenkt hat.

Jenseits von London folgt meine Route nach der Fährüberfahrt nun einem Pfad an der Themse, die hier erstaunlich ursprünglich ist. Zwar sind die Ufer befestigt, nicht zuletzt, damit die Hausboote in Villengröße ordentlich vertäut werden können. Aber der Fluss mäandert und verzweigt sich umständlich wie eh und je. Zu Shakespeares Zeiten lebten in ganz England keine fünf Millionen Menschen, zwischen der Hauptstadt (200.000 Einwohner) und Stratford (2000) erstreckten sich Wald und Wildnis, durch die sogar noch Wölfe schnürten. Nur Mutige machten sich da auf den Weg. Selbst ich, bewaffnet mit Mobiltelefon, gewappnet mit Hightech-Funktionskleidung, schaue mich gelegentlich sichernd um, als die Stille im Buchenwald allzu beunruhigend wird.

Ich bin unterwegs nach Oxford, wo Shakespeare definitiv haltmachte. Im Haus Nummer 3 am Cornmarket betrieb ein Freund die Crown Tavern, wo der Poet übernachtet und – einem üblen Gerücht zufolge – die Frau des Wirts geschwängert haben soll. Auf meinem Weg dorthin sind jedoch eher die Spuren zeitgenössischer Dramen gegenwärtig – der Hügelzug der Chilterns ist Inspector Barnaby-Land.

Causton, in der Fernsehserie Midsomer Murders das Hauptquartier von Angela Merkels Lieblingspolizist, heißt in Wahrheit Wallingford und ist ein munterer Marktflecken. Schon 1290 gab es hier elf Brauer – die meisten von ihnen Frauen. Falls Shakespeare je hier war, hat er noch das riesige Schloss gesehen; erst 1646 wurde es zerstört. In den Mauerstümpfen der Ruine spielen nun ein paar Mädchen Prinzessinnen, als Requisiten dienen Picknickdecke und Kartoffelchips. In den Dörfern drum herum stehen all die geduckten, strohgedeckten Cottages, in denen der leutselige Chief Inspector Mörder fängt. Fehlt nur noch das Lullern der Klarinetten aus der Erkennungsmelodie. Kein Wunder, dass die Kanzlerin sich mitunter in diese Idylle wegschaltet – keine Flüchtlinge, keine Kulturkämpfe, kein Seehofer, bloß stiller Wohlstand, kunstvoll getrimmte Hecken, stilecht möblierte Häuser unter Denkmalschutz. Nur von der Townhall in Wallingford, vor der Barnaby oft herumsteht, sehe ich wenig – ich raste lediglich unter ihrem hübschen Bogengang, zum Schutz vor dem englischen Landregen.

Denn auch das gehört zur Wahrheit über Shakespeares Weg: Manchmal kann er schlammig sein. Einmal wage ich es, vom Fahrplan abzuweichen, um dem Ridgeway zu folgen, Britanniens ältester Straße. Wenn irgendwo die Reiseatmosphäre des frühen 17. Jahrhunderts erlebbar sein dürfte, dann ja wohl hier! Ich werde nicht enttäuscht: Die alte Magistrale ist nur ein Saumpfad auf einem von dichtem Grün bewachsenen Erdwall. Dank Schlamm und Kreide, die hier überall im Boden stecken, ist der Weg schmieriger als jeder Shakespeare-Schurke. Schlitternd, nass, durchgefroren, dreckig, also ganz wie ein Reisender längst vergangener Tage, erreiche ich endlich Oxford. Von den Wirten meiner Taverne, den Rezeptionisten im vornehmen Randolph Hotel, wird meine Rüstung aus Schmutz höflich lächelnd ignoriert.

Stratford lebt vollständig vom Ruhm des berühmten Sohnes

In der Universitätsstadt hat Shakespeare allerdings keinen leichten Stand. Schon zu dessen Lebzeiten schauten seine akademisch gebildeten Konkurrenten herab auf den unstudierten Autodidakten, den Sohn eines Handschuhmachers, der wohl schon mit 15 Jahren die Schule verließ. Dass er dort zehn Stunden täglich gedrillt worden war, sechs Tage in der Woche, plus Religionsunterricht am Sonntag, dass er Latein gepaukt hatte bis zum Exzess und über Rhetorik mehr wusste als jeder heutige Uni-Absolvent mit Master in klassischer Literatur – den Snobs war das egal. Die Verachtung führte schließlich so weit, dass etliche Gelehrte glaubten (und immer noch glauben), ein Landei wie er könne all die klugen Werke gar nicht geschrieben haben. Wird das Haus Nummer 3 am Cornmarket im Herzen Oxfords heute deshalb so lieblos behandelt? Der Telefonladen im Parterre und das Wettbüro darüber verdecken alles, was an Original-Bausubstanz der Crown Tavern noch vorhanden ist, inklusive der Wandmalereien aus Shakespeares Zeit. Nicht mal für ein Hinweisschild hat es gereicht.

Also lieber weiter, nach Stratford. Mit über 100 Kilometern ist diese Etappe meine längste. Da um 19.15 Uhr am Ziel auch noch die Hamlet-Aufführung im Royal Shakespeare Theatre beginnt, bleibt keine Zeit für Abstecher, weder zu Churchills Grab noch zu seinem noblen Geburtsort Blenheim Palace. Selbst Chipping Campden, der Perle der Cotswolds, wo mehr als 200 denkmalgeschützte Häuser im typischen Kalkstein der Gegend einladend honiggelb leuchten, gönne ich nur einen flüchtigen Blick.

Nach der lyrischen Einsamkeit all der winzigen Nebenstraßen, auf denen ich mich dem strammen Nordwestwind entgegenstemme, nimmt mir der Rummel in Stratford beinahe die Luft. Die Kleinstadt lebt vollständig vom Ruhm des berühmten Sohnes; jährlich zählt sie fünf Millionen Besucher, nur London hat mehr. In einer endlosen Polonaise ziehen Schulklassen und Reisegruppen zwischen den Orten hin und her, die der Shakespeare Birthplace Trust verwaltet: das Geburtshaus, die Elternhäuser von Mutter und Ehefrau, die Villa, in der die älteste Tochter lebte.

Der Rummel war schon Mitte des 18. Jahrhunderts so groß, dass der damalige Besitzer von Shakespeares letztem Wohnhaus, genervt von all den Gaffern, das Anwesen namens New Place einfach abreißen ließ. Eine Wunde, die bis heute schmerzt und eigentlich pünktlich zum Jubiläum geschlossen werden sollte. Geplant ist keine Rekonstruktion, sondern – mithilfe von Landschaftsarchitektur, Kunst und jeder Menge Museumspädagogik – eine "Re-Imagination". Allein: Sie ist nicht fertig. Schwierigkeiten bei den Ausgrabungen auf dem Gelände, heißt es; nun soll die Fantasterei erst im Juli öffnen.

Im Garten des Geburtshauses wird derweil Shakespeare aloud angeboten, eine Art Wunschkonzert mit seinen greatest hits. "Macbeth!", rufe ich den beiden Nachwuchsschauspielern dort zu, und sie zitieren ein paar Verse aus dem Stück: "When shall we three meet again / In thunder, lightning, or in rain?" Aber eine echte Aura entfaltet der Ort nicht mehr. Im Innern des Hauses ist der Abendbrottisch mit Fleisch und Gemüse aus Plastik gedeckt. Zu sehen ist außerdem das "zweitbeste Bett", das Shakespeare seiner Frau vermachte. Die Gelehrten streiten bis heute, was aus dem erstbesten wurde und ob der Dichter seine Frau mit dem zweitbesten demütigen oder glücklich machen wollte – es ist jedenfalls ein drittbester Nachbau. Beim Anblick beschleicht mich das beklommene Gefühl aus Kindertagen, wenn der Abstecher ins bäuerliche Freilichtmuseum auf dem Programm stand.

Wohl dem, der ein Fahrrad hat! Ich radle zu den weniger plastifizierten Gedenkorten außerhalb der Stadt. Zum Elternhaus von Shakespeares Frau Anne Hathaway, das mit seinem modernen Garten mehr zu bieten hat als nur ein paar alte Stühle. Zur Farm, wo seine Mutter Mary Arden aufwuchs und heute vor allem Kinder ihren Spaß haben beim Gänsehüten und Kühemelken. Und nach Charlecote Park, einem Adelssitz, in dessen Wäldern der junge Will angeblich gewildert hat. Die Familie Lucy, deren Vorfahren er beklaute, lebt noch heute in dem Herrenhaus und öffnet die Pforten an bestimmten Tagen für Besucher. Shakespeare soll sich aus Angst vor ihrer Strafe davongemacht haben. Nicht wenige Forscher erklären damit die "lost years" von 1585 bis 1592, in denen sich keine Spur des Dichters finden lässt und an deren Ende er als erfolgreicher Theatermann wie aus dem Nichts in London auftauchte.

Meine letzten Pedalumdrehungen freilich können nur einem Ziel gelten: der Holy Trinity Church am Ufer des Avon. Im Fußboden des Chorraums hat Shakespeare seine letzte Ruhe gefunden. Frühmorgens, wenn die meisten Touristen noch ihren Rausch vom Pub-Besuch ausschlafen, hat man ihn sogar fast für sich allein. Nur der alte Herr, der die Infoblätter verteilt, sitzt still da und poliert das Kirchensilber. Hier hat der Dichter, der bei allen derben Theaterscherzen immer ein frommer Mann war, als Laienprediger gewirkt; die Bibel, aus der er vortrug, liegt noch angekettet auf dem Lesepult. Ob das Bildnis auf dem Grabmonument an der Wand ihm wirklich ähnelt? In der Rechten die Schreibfeder, in der Linken ein Stück Text, der Bart spitz, der Blick leer. Seine Frau soll der bemalten Porträtbüste noch ihren Segen erteilt haben, deshalb gilt sie als besonders lebensnah.

Dieser rotbraun glänzende Wamsträger soll das tragische, komische, liebesvolle, liebestolle Textuniversum erschaffen haben, das unter dem Namen Shakespeare überliefert ist? Für mich ist jedes Bild wahrhaftiger, das ich mir von ihm auf der Reise zusammenfantasiert habe. Ab 5. September kommt es übrigens zum ultimativen Bilderwettstreit: Dann ist das Gemälde aus der National Portrait Gallery zu Gast in Stratford. Und ich kann prüfen, ob es auch meine Nummer eins ist.