In der Universitätsstadt hat Shakespeare allerdings keinen leichten Stand. Schon zu dessen Lebzeiten schauten seine akademisch gebildeten Konkurrenten herab auf den unstudierten Autodidakten, den Sohn eines Handschuhmachers, der wohl schon mit 15 Jahren die Schule verließ. Dass er dort zehn Stunden täglich gedrillt worden war, sechs Tage in der Woche, plus Religionsunterricht am Sonntag, dass er Latein gepaukt hatte bis zum Exzess und über Rhetorik mehr wusste als jeder heutige Uni-Absolvent mit Master in klassischer Literatur – den Snobs war das egal. Die Verachtung führte schließlich so weit, dass etliche Gelehrte glaubten (und immer noch glauben), ein Landei wie er könne all die klugen Werke gar nicht geschrieben haben. Wird das Haus Nummer 3 am Cornmarket im Herzen Oxfords heute deshalb so lieblos behandelt? Der Telefonladen im Parterre und das Wettbüro darüber verdecken alles, was an Original-Bausubstanz der Crown Tavern noch vorhanden ist, inklusive der Wandmalereien aus Shakespeares Zeit. Nicht mal für ein Hinweisschild hat es gereicht.

Also lieber weiter, nach Stratford. Mit über 100 Kilometern ist diese Etappe meine längste. Da um 19.15 Uhr am Ziel auch noch die Hamlet-Aufführung im Royal Shakespeare Theatre beginnt, bleibt keine Zeit für Abstecher, weder zu Churchills Grab noch zu seinem noblen Geburtsort Blenheim Palace. Selbst Chipping Campden, der Perle der Cotswolds, wo mehr als 200 denkmalgeschützte Häuser im typischen Kalkstein der Gegend einladend honiggelb leuchten, gönne ich nur einen flüchtigen Blick.

Nach der lyrischen Einsamkeit all der winzigen Nebenstraßen, auf denen ich mich dem strammen Nordwestwind entgegenstemme, nimmt mir der Rummel in Stratford beinahe die Luft. Die Kleinstadt lebt vollständig vom Ruhm des berühmten Sohnes; jährlich zählt sie fünf Millionen Besucher, nur London hat mehr. In einer endlosen Polonaise ziehen Schulklassen und Reisegruppen zwischen den Orten hin und her, die der Shakespeare Birthplace Trust verwaltet: das Geburtshaus, die Elternhäuser von Mutter und Ehefrau, die Villa, in der die älteste Tochter lebte.

Der Rummel war schon Mitte des 18. Jahrhunderts so groß, dass der damalige Besitzer von Shakespeares letztem Wohnhaus, genervt von all den Gaffern, das Anwesen namens New Place einfach abreißen ließ. Eine Wunde, die bis heute schmerzt und eigentlich pünktlich zum Jubiläum geschlossen werden sollte. Geplant ist keine Rekonstruktion, sondern – mithilfe von Landschaftsarchitektur, Kunst und jeder Menge Museumspädagogik – eine "Re-Imagination". Allein: Sie ist nicht fertig. Schwierigkeiten bei den Ausgrabungen auf dem Gelände, heißt es; nun soll die Fantasterei erst im Juli öffnen.

Im Garten des Geburtshauses wird derweil Shakespeare aloud angeboten, eine Art Wunschkonzert mit seinen greatest hits. "Macbeth!", rufe ich den beiden Nachwuchsschauspielern dort zu, und sie zitieren ein paar Verse aus dem Stück: "When shall we three meet again / In thunder, lightning, or in rain?" Aber eine echte Aura entfaltet der Ort nicht mehr. Im Innern des Hauses ist der Abendbrottisch mit Fleisch und Gemüse aus Plastik gedeckt. Zu sehen ist außerdem das "zweitbeste Bett", das Shakespeare seiner Frau vermachte. Die Gelehrten streiten bis heute, was aus dem erstbesten wurde und ob der Dichter seine Frau mit dem zweitbesten demütigen oder glücklich machen wollte – es ist jedenfalls ein drittbester Nachbau. Beim Anblick beschleicht mich das beklommene Gefühl aus Kindertagen, wenn der Abstecher ins bäuerliche Freilichtmuseum auf dem Programm stand.

Wohl dem, der ein Fahrrad hat! Ich radle zu den weniger plastifizierten Gedenkorten außerhalb der Stadt. Zum Elternhaus von Shakespeares Frau Anne Hathaway, das mit seinem modernen Garten mehr zu bieten hat als nur ein paar alte Stühle. Zur Farm, wo seine Mutter Mary Arden aufwuchs und heute vor allem Kinder ihren Spaß haben beim Gänsehüten und Kühemelken. Und nach Charlecote Park, einem Adelssitz, in dessen Wäldern der junge Will angeblich gewildert hat. Die Familie Lucy, deren Vorfahren er beklaute, lebt noch heute in dem Herrenhaus und öffnet die Pforten an bestimmten Tagen für Besucher. Shakespeare soll sich aus Angst vor ihrer Strafe davongemacht haben. Nicht wenige Forscher erklären damit die "lost years" von 1585 bis 1592, in denen sich keine Spur des Dichters finden lässt und an deren Ende er als erfolgreicher Theatermann wie aus dem Nichts in London auftauchte.

Meine letzten Pedalumdrehungen freilich können nur einem Ziel gelten: der Holy Trinity Church am Ufer des Avon. Im Fußboden des Chorraums hat Shakespeare seine letzte Ruhe gefunden. Frühmorgens, wenn die meisten Touristen noch ihren Rausch vom Pub-Besuch ausschlafen, hat man ihn sogar fast für sich allein. Nur der alte Herr, der die Infoblätter verteilt, sitzt still da und poliert das Kirchensilber. Hier hat der Dichter, der bei allen derben Theaterscherzen immer ein frommer Mann war, als Laienprediger gewirkt; die Bibel, aus der er vortrug, liegt noch angekettet auf dem Lesepult. Ob das Bildnis auf dem Grabmonument an der Wand ihm wirklich ähnelt? In der Rechten die Schreibfeder, in der Linken ein Stück Text, der Bart spitz, der Blick leer. Seine Frau soll der bemalten Porträtbüste noch ihren Segen erteilt haben, deshalb gilt sie als besonders lebensnah.

Dieser rotbraun glänzende Wamsträger soll das tragische, komische, liebesvolle, liebestolle Textuniversum erschaffen haben, das unter dem Namen Shakespeare überliefert ist? Für mich ist jedes Bild wahrhaftiger, das ich mir von ihm auf der Reise zusammenfantasiert habe. Ab 5. September kommt es übrigens zum ultimativen Bilderwettstreit: Dann ist das Gemälde aus der National Portrait Gallery zu Gast in Stratford. Und ich kann prüfen, ob es auch meine Nummer eins ist.