Ich antworte auf einen Brief. Er ist von einer jungen Leserin. Sie fragt: "Ist die Liebe das Ende des Abenteuers? Erst gemeinsam auf der Couch, dann auf dem Spielplatz?"

Ich sitze alleine im Hotel und denke nach. Früher schrieb mir nur meine Tante Karin Briefe. Zu Ostern, zu Weihnachten. Tante Karin hatte Jürgen geheiratet, als sie von ihrer großen Liebe verlassen worden war, erzählten sich die Verwandten. Laut sei sie gewesen, großherzig – und schwanger.

Jürgen hatte ein eher kleines Herz. Dafür große Ordnung. Die Wohnung war nie wärmer als 20 Grad. Licht brannte dort, wo es gebraucht wurde. Wenn zu Winterbeginn noch Blätter an den Bäumen hingen, hing dort auch Tante Karin und pflückte sie ab. "Einer muss das Herdfeuer hüten", sagte sie.

Als Student teilte ich eine Wohnung mit Johanna. Ihr Freund Stefan hatte Depressionen. Meist lag er auf dem Sofa, während sie kochte oder arbeitete. "Wieso machst du das?", fragte ich Johanna. Weil ich ihn liebe, sagte Johanna. Nach zwei Semestern lag ein Zettel auf ihrem Sofa. "Ich muss gehen. Sonst gehst du kaputt." Johanna weinte.

Ich erlebte Tante Karin nur einmal laut. Als sie mit Lungenentzündung im Hospiz lag und rief: "Keine Blätter mehr!" Am nächsten Tag war es Winter und sie tot. Im Fernseher des Hotelzimmers flackert ein Feuer. Liebe ist nicht das Ende des Abenteuers. Liebe ist das Ende des Egoismus.