Wer verstehen will, was in der Rentendiskussion falsch läuft, sollte sich eine Zahl merken: 45. Fünfundvierzig Prozent aller Auszahlungen der Deutschen Rentenversicherung liegen unter 750 Euro pro Monat.

Die Zahl 45 ist der Grund, warum es formal richtig ist, wenn man sagt, viele Menschen könnten schon heute nicht von ihrer Rente leben. Falsch ist es allerdings, wenn man daraus folgert, die Altersarmut wäre momentan ein besonders drängendes Problem. Die meisten Mini-Renten sind Zusatzeinkommen, von denen die Empfänger nicht leben müssen. Pro Jahr werden in Deutschland 25 Millionen Renten ausgezahlt, obwohl es nur 20 Millionen Rentner gibt. Einige Ruheständler bekommen zwei Renten, weil sie neben der eigenen noch eine Witwenrente beziehen, andere haben die meiste Zeit ihres Berufslebens als Beamte gearbeitet, leben vor allem von ihrer Pension, erhalten aber zusätzlich eine winzige Rente, weil sie zu Beginn ihrer Laufbahn ein paar Jahre angestellt waren und in dieser Zeit Rentenbeiträge bezahlen mussten. Deshalb ist 45 eine Zahl, die man kennen sollte, aber nicht als Argument dafür verwenden darf, dass Deutschland unbedingt eine Rentenreform brauchte. Da gibt es bessere Gründe.

Dennoch haben die Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel und Horst Seehofer gerade weitreichende Änderungen im Rentensystem angekündigt, weil sonst angeblich weite Bevölkerungkreise von Altersarmut bedroht wären. Beide Politiker, der Sozialdemokrat und der Christsoziale, wollen die alte Reform der rot-grünen Regierung korrigieren und dafür sorgen, dass das Rentenniveau nicht wie beschlossen sinkt. Dafür möchten sie im Wahlkampf streiten. Die SPD-Sozialministerin Andrea Nahles stimmt ihnen teilweise zu, ihre Beamten arbeiten an Reformvorschlägen. Angela Merkel wollte das Thema eigentlich aus dem Wahlkampf heraushalten, doch dann hat die Kanzlerin ebenfalls weitreichende Änderungen angekündigt. Knapp zwei Jahre nachdem die große Koalition mit der Rente ab 63 und der Mütterrente zwei teure und aus Sicht fast aller Experten falsche Reformen auf den Weg brachte, droht nun das nächste Fiasko: eine Reform, die erneut den Falschen nützt.

Dass die Regierung überhaupt einen Reformversuch machen will, hat viele überrascht. Schließlich ist die Lage auf den ersten Blick nicht schlecht: Die Renten wurden gerade so stark angehoben wie seit 23 Jahren nicht mehr, die Beiträge sind stabil, der Anteil der alten Armen ist im internationalen Vergleich niedrig. Die gute Beschäftigungslage sorgt für hohe Einnahmen der Rentenversicherung, und die Tatsache, dass demnächst die vielen Vertreter der geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen und ihre Renten dann von vergleichsweise wenig Berufstätigen finanziert werden müssen, wird erst ab 2018 und in voller Härte vermutlich nicht vor 2030 spürbar sein. Für die Zeit danach plante die Politik bisher noch nicht.

Doch ein Teil der Probleme kommt gerade dann. Das ist der eigentliche, dringendere Grund für eine Rentenreform. Altersarmut droht dann vor allem Geringverdienern, Teilzeitkräften und Langzeitarbeitslosen sowie Selbstständigen, die nicht vorgesorgt haben. Das Problem sieht auch der Verband der Rentenversicherungsträger kommen: Früher einmal habe die Rentenversicherung den Kriegsopfern und Witwen helfen müssen. Später, in der Zeit der Bildungsexpansion, seien erstmals Ausbildungszeiten bei der Rentenberechnung anerkannt worden, etwas später dann Erziehungsphasen. Nun seien Langzeitarbeitslose, Teilzeitkräfte und Niedriglöhner dran. Weil es trotz Mindestlohn immer mehr Menschen gibt, die ihr Berufsleben lang einen spürbaren Teil ihrer Löhne als Sozialabgaben abzweigen müssen, ohne Aussicht auf eine wirkliche Gegenleistung zu haben, droht sonst ein Legitimationsproblem. Wer sein Leben lang 1.800 Euro monatlich verdient und 35 Jahre brav ins Rentensystem einzahlt, bekommt nach geltendem Recht nicht mehr Geld als ein Sozialhilfeempfänger.

Das liegt daran, dass in Deutschland in den Regierungsjahren von Gerhard Schröder eine härtere Rentenreform beschlossen wurde als in den allermeisten anderen Industrieländern. Auf bis zu 43 Prozent der durchschnittlichen Bruttolöhne darf das Rentenniveau sinken, weshalb die Industrieländer-Organisation OECD immer wieder warnt, dass dieses Niveau im internationalen Vergleich sehr niedrig sei und die Deutschen länger arbeiten und mehr sparen sollen. Horst Seehofer hat nun behauptet, dass die von rot-grün in Deutschland eingeführte staatliche Förderung der privaten Altersvorsorge komplett gescheitert sei. Tatsächlich nutzen zu wenig Geringverdiener die Möglichkeit, durch den Abschluss einer Riester-Rente vorzusorgen. 38 Prozent der staatlichen Zulagen, die sich momentan auf immerhin zwölf Milliarden Euro pro Jahr summieren, fließen nach einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung an überdurchschnittlich Verdienende.