Falls Sie wegen des Regens gekommen sind, grämen Sie sich nicht, wenn Ihnen auf dem Bahnhofsvorplatz die Sonne in den Nacken knallt. Es regnet selten in Regensburg, dafür wären Sie besser nach Wuppertal gefahren. Aber wenn Sie unbedingt wollen, werden Sie ihn am Ende kriegen, Ihren Regen.

Ignorieren Sie die breite Maximilianstraße, und spazieren Sie stattdessen über den Fußweg, der sich links davon durch die Stiefmütterchenkaskaden windet. Sie gelangen an einen Fliegenpilz. Darin steht ein Mann mit Nickelbrille und Ziegenbart. Geben Sie ihm etwas Kleingeld, und er wird Ihnen den besten Kaffee der Stadt über den Tresen schieben. To go, Sie müssen weiter, zwei Stunden sind nichts in Regensburg.

Am linken Wegesrand wiegen sich alte Platanen. Es sieht aus wie ein Park, ist aber nur der Vorgarten von Gloria von Thurn und Taxis. Laufen Sie am Zaun entlang, bis rechts zwischen den Häusern die Spitze des Doms auftaucht. Das ist Ihre Kompassnadel.

Sie zeigt nach Norden, schlendern Sie darauf zu. Doch bevor die Weiße-Lilien-Straße ab der Schwarze-Bären-Straße zur Pfauengasse wird, biegen Sie irgendwo links ab. Verlaufen Sie sich in der Altstadt! In die Blaue-Lilien-Gasse oder die Goldene-Bären-Straße, ins Fuchsgässchen oder Straußengässchen, vielleicht entdecken Sie sogar das gut versteckte Einhorngässchen. Streifen Sie eine halbe Stunde durch dieses kopfsteingepflasterte Märchen. Da stehen Häuser wie Greise, die Fassaden gebeugt, manche Fassaden sind rund ausgewölbt wie Bäuche – Wohlstandswampen voller Boutiquen, Galerien und Juweliere.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 18 vom 21.4.2016.

Regensburg blitzt und boomt; seit 2006 ist die ganze Altstadt Unesco-Weltkulturerbe. Spätestens auf dem Domplatz sehen Sie, wozu das geführt hat: Horden mit Sonnenhüten, Kompaktkameras und Knöpfen im Ohr scharen sich um Reiseleiter mit bunten Schildern. Trotzdem: Drängeln Sie sich in den Dom, die Bleiglasfenster müssen Sie gesehen haben!

Schwimmen Sie mit der Masse zur Steinernen Brücke. Touristiker nennen so etwas Hauptschlagader, aber hier staut es sich so oft, dass Krampfader treffender wäre. Durch einen Torbogen betreten Sie das mittelalterliches Bauwunder: die Steinerne Brücke, Vorbild für die Karlsbrücke in Prag. Wobei Sie auf dem ersten Drittel gar nicht auf der Brücke sind, sondern daneben, auf einem provisorischen Steg. Die Steinerne Brücke wird saniert, seit sechs Jahren schon. Manch einer befürchtet, dass die Herrichtung am Ende länger dauern wird als der Bau (1135 bis 1146). Auf dem Scheitel halten Sie inne. Adern hin oder her, dies ist Regensburgs Herz. Sehen Sie sich um: im Süden die Silhouette der Altstadt; im Osten die Flusskreuzfahrtschiffe der Amerikaner; im Norden der Brauereibiergarten und die Cafés der Wohninsel Stadtamhof. Unter Ihnen wirbelt die Donau um die elefantösen Brückenfüße, auf der Jahninsel machen Studenten ein Bierpicknick am Sandstrand.

Am Ende der Brücke gehen Sie rechts, am grünen Ufer entlang. Im Sommer werden Sie wahrscheinlich von Treibenden in Lkw-Schläuchen überholt. Ein paar Jungs springen von der Fußgängerbrücke oder schwingen an der Schaukel darunter. Regensburg ist ein großes Abenteuerfreibad – aber deswegen sind Sie nicht hier. Queren Sie den Inselpark Grieser Spitz, bleiben Sie am Kai des Donaukanals stehen, und blicken Sie auf das glatte Wasser unter der Autobrücke. Nach seinem gemächlichen Lauf durch Regenhütte, Weißenregen, Regenpeilstein, Regenstauf und Regendorf mündet dort, ziemlich unspektakulär: der Regen.