Bis Christo kam, schien man hier am Iseo-See von der Zukunft nicht mehr viel zu erwarten, bestenfalls einen voll belegten Campingplatz im August. Auch jetzt liegt in der Luft noch die melancholische Stimmung verlassener Badeorte, da watscheln Enten über die Straße, und vor einem Schreibwarengeschäft wirbt ein verblichenes Schild für Urlaubspostkarten. Hier in Sulzano gibt es mittelalterliche Gassen, Herrenhäuser der Renaissance und Zypressen – kombiniert mit Sitzbänken aus Waschbeton.

Umgeben von blauschwarzen Bergen, ist der Iseo-See im Norden Italiens eine stille, in sich gekehrte Schönheit, mal silbrig funkelnd, mal dunstig verhüllt – die es aufgegeben hatte, gegen die Konkurrenz zu kämpfen: gegen den imposanten Comer See, den sich nur noch russische Oligarchen und George Clooney leisten können, und gegen den fest in deutscher Hand befindlichen Gardasee. Der Iseo-See war ein Geheimtipp für holländische Segelfreunde und norditalienische Familien. Bis jetzt.

Denn seitdem ein riesiges weißes Floß auf dem See treibt, sind hier alle elektrisiert. Es ist, als sei der See plötzlich wach geküsst worden, von Christo, der im gottesfürchtigen Italien übrigens auf dem o betont wird: Cristò, sagt man, auch um Verwechslungen mit dem Messias vorzubeugen. Die in diesem Fall naheliegend sind, handelt es sich bei Christos Projekt doch um nichts Geringeres, als über Wasser zu wandeln: Floating Piers, auf schwimmenden Stegen über den Iseo-See, von Sulzano zu den beiden Inseln Monte Isola und Isola San Paolo und zurück.

Das weiße Floß stellt sich später als Materiallager heraus für die drei Kilometer langen und 16 Meter breiten Stege aus Polyäthylenwürfeln, die mit Ankern am Grund befestigt und mit changierendem Stoff bezogen werden. Stege, die dahliengelb schillern, golden blinken und rot leuchten sollen, je nach Tageszeit, Lichteinfall und Feuchtigkeit. Ein begehbares Wunder, das zwei Wochen dauern wird, vom 18. Juni bis zum 3. Juli, Tag und Nacht.

So gesehen, ist das mit der Betonung auf dem o schon notwendig, auch um dem Verdacht der Gotteslästerung zuvorzukommen, denn wie alle Ideen von Christo hat auch diese etwas von Göttlich-Erhabenem, von grandiosem Größenwahn – von dem Wunsch, den Himmel mit dem Zeigefinger zu berühren, wie man hier sagt.

Jetzt träumt man am Iseo-See von der wundersamen Vermehrung der Touristenzahlen, von 500.000 Besuchern und mehr, die New York Times widmet den schwimmenden Stegen ganze Seiten, der Reiseführer Lonely Planet empfiehlt den See als place to be, sodass die Bürgermeister der Seegemeinden ihr Glück kaum fassen können und die Fremdenverkehrsämter des Iseo-Sees die Floating Piers in ein Paket zusammen mit einer Weinprobe in einer Kellerei in Franciacorta und einer Führung durch Brescia verpacken: Übernachtung und Vollpension inklusive.

Der Erlöser trägt Jeans und Steppjacke und riesige Bauarbeiterstiefel: Christo ist ein spindeldürrer Achtzigjähriger mit wehendem weißem Haar, der eine Mannschaft dirigiert, die in Baucontainern auf einem verlassenen Fabrikgelände in Pilzone d’Iseo arbeitet. In einer Ecke des Geländes sind Ölfässer gestapelt: ein kleiner Hinweis darauf, dass die Floating Piers nicht Christos letztes Projekt sind. Zeitgleich laufen die Planungen für zwei weitere: Für die Mastaba will Christo in der Wüste von Abu Dhabi Ölfässer in Form eines ägyptischen Grabbaus stapeln und in Arkansas einen Fluss mit Stoff bedecken: Over the River.

Während Taucher, die normalerweise Erdölplattformen installieren, die Anker für die Polyäthylenwürfel auf dem Seegrund befestigen, beugt sich Christo im Baucontainer über den Plan seines Kunstwerks und erläutert, etwas streng nach Knoblauch riechend (Christo Wladimirow Jawaschew ist Bulgare und schwört auf den täglichen Verzehr mehrerer Zehen der Wunderknolle), dass die Floating Piers eines von 37 nicht verwirklichten Projekten sind: ursprünglich geplant für den Rio de la Plata, später für die Bucht von Tokio – ein Projekt, das nur auf dem Papier existierte, bis Christo sich an den Lago d’Iseo erinnerte, mit dem Monte Isola, der sechshundert Meter hoch aus dem See wächst.