Die neuen Heimwerker

Ramona Herrmann hat schon für Audi, Philips, Henkel und Coca-Cola gearbeitet, für Media Markt, Villeroy & Boch, Continental und Greenpeace, sie hat Kampagnen entworfen für Transparency International und das Kinderhilfswerk unicef. Und doch, in all diesen Großorganisationen ist sie so gut wie unbekannt. Denn Ramona Herrmann, 40 Jahre alt, 20 Jahre Berufserfahrung, ist Crowdworker. Sie ist also Teil einer kaum bekannten Masse, einer crowd, die für Firmen Aufgaben erledigt.

Bisher galt Crowdworking als Nische, in der Hilfskräfte zu Hause auf ihren Computern simple Aufgaben abarbeiten oder zwischen U-Bahnhof und Büro für einen Centbetrag schnell mal ein Plakat fotografieren. Die Arbeitsaufträge aus Internetbörsen galten als prekär, manchmal skurril und vor allem: gesamtwirtschaftlich unbedeutend.

Doch inzwischen ist die Nische groß geworden. Crowdworker schreiben nun Texte, liefern Chemikalien, testen Handys, entwerfen Verpackungen, planen Häuser, betreiben Marktforschung, entwickeln Software, gestalten Werbekampagnen oder entwickeln neue Produkte – und sie tun dies eben auch im Auftrag großer Konzerne. Ramona Herrmann hat zum Beispiel für Coca-Cola Getränkekisten entworfen, für die Schweizer Firma Victorinox Taschenmesser gestaltet und für Greenpeace einen Slogan und eine Illustration zu einer Kampagne gegen Genfood bei McDonald’s erfunden. Crowdworker tun heute fast alles, was auch normale Angestellte tun. Nur sind sie das eben nicht – normal angestellt.

Mithilfe der Internetseite Jovoto kann Ramona Herrmann zeigen, was das bedeutet: Viele Unternehmen gewinnen in dieser neuen Welt an Macht zulasten ihrer Mitarbeiter.

Jovoto ist eine Crowdworking-Plattform mit Sitz in Berlin, spezialisiert auf Werbung, Design, Architektur und Kommunikation. Herrmann hat dort eine Profilseite, auf der ihre 249 verschiedenen Entwürfe für Projekte, ihre "ideas", aufgelistet sind. An einigen der damit verbundenen Bilder prangen rote oder blaue Schleifchen. Rotes Schleifchen bedeutet: Diese Idee befand die Gemeinschaft der Crowdworker für preiswürdig. Blaues Schleifchen heißt: Die Idee gefiel dem Auftraggeber besonders. In beiden Fällen gibt es Geld, das die jeweilige Firma bezahlt. Ihr Konzept für Greenpeace brachte Herrmann einen Community-Preis in Höhe von 1.250 Euro. Für das Design eines Taschenmessers bekam sie vom Auftraggeber 3.000 Euro. Oftmals gibt es auch nur 250 Euro, trotz Auszeichnung. Und an den meisten von Herrmanns Bildern ist gar kein Schleifchen zu sehen, was bedeutet: Für diese Arbeit gab es überhaupt nichts. Denn bei Jovoto geht die Mehrheit der Teilnehmer leer aus. Es gibt Preise, keinen Lohn.

Ein Kunde, mehrere Angebote, ein Gewinner – das ist nicht ungewöhnlich im Kreativbereich. Doch wo früher vier oder fünf Werbeagenturen in einem "Pitch" ihre Entwürfe präsentierten und auf Geld hofften, kämpfen heute Hunderte oder Tausende Wettbewerber auf den Crowdworking-Plattformen um den Zuschlag. Dabei tragen meist keine großen Agenturen das unternehmerische Risiko, sondern einzelne Selbstständige. So treibt Crowdworking den permanenten Konkurrenzkampf auf die Spitze.

Und das für eine wachsende Zahl von Menschen. Allein Jovoto hat nach eigenen Angaben 80.000 registrierte Teilnehmer. Der Jovoto-Konkurrent Clickworker zählt sogar mehr als 700.000 Mitglieder, monatlich kommen nach Firmenangaben bis zu 15.000 dazu. Manche Plattformen bieten feste Honorare für einzelne Aufträge, andere zahlen nur Preisgelder aus. Gemeinsam ist allen Angeboten aber, dass ihre Crowdworker aus der ganzen Welt kommen und miteinander konkurrieren. Einem Report der Internationalen Arbeitsorganisation aus Genf zufolge sind weltweit allein bei elf großen Crowd-Plattformen schon um die 20 Millionen "Arbeiter auf Abruf" Teil dieser Ökonomie. Hierzulande gebe es 750.000 von ihnen, schätzt der Deutsche Crowdsourcing Verband.

Bevor es das Internet gab, wäre es sehr schwierig gewesen, jemanden zu finden, der zehn Minuten für einen arbeitet und den man nach diesen zehn Minuten wieder feuern kann
Lukas Biewald, Gründer einer Plattform namens Crowdflower

In den Vereinigten Staaten ist bereits von der gig economy die Rede, einer Ökonomie, in der Arbeitnehmer kein festes Gehalt mehr bekommen, sondern nur noch Gagen für lauter kurze Einsätze, die gigs. Jeder dritte Amerikaner hat Studien zufolge schon mit dieser Art des Geldverdienens Erfahrung.

Diese Entwicklung verändert die gesamte Struktur der Wirtschaftswelt, weil sie auch den Charakter vieler Unternehmen verändert. In seinem berühmten Aufsatz Die Natur der Firma erklärte der spätere Wirtschaftsnobelpreisträger Ronald Coase 1937, warum es Firmen überhaupt gibt: Es koste Zeit und Mühe – sogenannte Transaktionskosten –, wenn man für jede Aufgabe einen Dienstleister suchen wollte, also etwa für einen Brief, der getippt werden müsse. Deshalb sei es rational, eigenes Personal einzustellen. Doch heute ist es möglich, mit ein paar Klicks am Computer kostengünstig selbst winzigste Arbeitsaufträge an einen Markt mit Tausenden Dienstleistern zu vergeben, die Transaktionskosten sinken radikal. "Bevor es das Internet gab, wäre es sehr schwierig gewesen, jemanden zu finden, der zehn Minuten für einen arbeitet und den man nach diesen zehn Minuten wieder feuern kann", so Lukas Biewald, Gründer einer Plattform namens Crowdflower. Jetzt geht das.

Mit der neuen Form des Outsourcings von Arbeit ändert sich die Machtbalance in der Arbeitswelt. Mindestlohn, Kündigungsschutz, Streikrecht, Urlaubsanspruch, Rente, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall – für Crowdworker gilt all dies in der Regel nicht. Sie werden nicht wie Angestellte, sondern wie freie Dienstleister behandelt.

"Von dem, was man bei diesen Projekten verdient, kann man nicht leben"

Das wissen inzwischen auch Konzernmanager zu schätzen, die für fast jeden Zweck Leute auf spezialisierten Marktplätzen rekrutieren können. So wirbt die in Berlin ansässige Firma Applause mit 140.000 Testern, die Software, Handys oder Internetseiten prüfen. Kunden sind Amazon, Bertelsmann und Microsoft. Crowd Guru, ebenfalls Berlin, offeriert die Dienste von 35.000 "Gurus", die recherchieren und Texte "zu nahezu jedem Thema" schreiben können. Für technische Entwicklungen und Design bietet sich die amerikanische Plattform Topcoder an, auf der eine knappe Million "Mitglieder" angemeldet sind. Zu den Kunden zählen Facebook und IBM.

Für viele Crowdworker ist das Plattform-Geld bislang nur ein Zuverdienst, ein Zweit- oder Drittjob. Beispiel Clickworker: Die meisten arbeiten dort nur zwei bis fünf Stunden in der Woche und kommen damit im Monat auf Einnahmen von rund 200 Euro. Nur wenige von ihnen verdienen damit mehr als 1.000 Euro im Monat.

Wenig bringt wenig – das gilt gerade dort, wo nur Mini-Aufgaben angeboten werden, für die man keine Vorkenntnisse braucht. Bei AppJobber etwa gibt es über das Handy Aufträge wie: "Finde defekte Leuchtreklamen" (3 Euro pro Stück). Oder: "Fotografiere den nächsten Sonderprospekt eines Supermarktes" (4 Euro). Oder: "Schicke uns deine Rezeptidee mit Shirataki-Nudeln" (2,50 Euro).

Viele Konzerne suchen inzwischen aber nach mehr als der Bewältigung skurriler Fleißaufgaben. Zum Beispiel der Nivea-Hersteller Beiersdorf: Auf der konzerneigenen Plattform Pearlfinder sind rund 300 Teilnehmer registriert, darunter Erfinder, Institute, Universitäten, Start-ups, Mittelständler. Übers Jahr stellt Beiersdorf bis zu 30 Fragen, etwa: Wie könnte das Shampoo im Jahr 2025 aussehen? Auf solch eine Frage werden bis zu 40 verschiedene Ideen eingereicht. Mit "Bordmitteln", sagt Volker Kallmayer, der für Pearlfinder verantwortlich ist, sei das nicht zu schaffen. Sieht der Konzern in einer Idee Potenzial, schließt er einen Kooperationsvertrag mit dem Urheber, die Bezahlung richtet sich nach der Form der Zusammenarbeit. "Wenn wir eine Idee nutzen, beteiligen wir den Ideengeber auf jeden Fall", sagt Kallmayer. Sonst gibt es nichts.

Auch der Automobilhersteller Audi will von der Crowd profitieren. Dies sei "eine immer wichtiger werdende Ergänzung bei der Entwicklung von ausgewählten Projekten", sagt Ralf Niggemann, der bei Audi die ganze Palette an Zubehör managt. Zum Thema "Family on board" etwa gingen 60 Ideen ein, sechs davon kaufte Audi. Zum Thema Lichtfunktionalität wurden sogar 86 Ideen eingesandt. Herausgekommen ist am Ende ein Audi-Zeichen, das auf den Boden projiziert wird, sobald man eine Autotür öffnet.

Die Deutsche Bank sucht mithilfe der Crowd Impulse fürs Kerngeschäft. Vergangene Woche schloss sie ein Projekt ab, bei dem 8.000 ausgewählte Teilnehmer neue Bankdienstleistungen entwickeln sollten – und am Ende mehr als 200 Konzepte einreichten. Die Besten durften ihre Konzepte persönlich in der Bank präsentieren – vom 26-jährigen Studenten aus Bukarest bis zum Designer aus London. Mirjam Pütz, Entwicklungschefin der Bank, sagt, sie sei beeindruckt und würde jetzt mit einigen Ideengebern an der Umsetzung arbeiten.

Der Wirtschaftsinformatiker Jan Marco Leimeister glaubt, dass der Trend überall Einzug halte: "So gut wie jedes Unternehmen, das ich kenne, hat schon mal auf einer Crowdsourcing-Plattform etwas ausgeschrieben. Fast alle experimentieren damit. Crowdworking ist eine völlig neue Art der Arbeitsorganisation, die radikale Veränderungen für die ganze Wirtschaft bedeuten kann." Für den Professor von der Universität St. Gallen ist der Vorteil gewaltig. Die Firmen könnten mithilfe einer Crowd viel schneller auf mehr oder weniger Aufträge reagieren, könnten Kunden in ihre Entwicklung einbeziehen und insgesamt aus einem größeren Talentpool schöpfen. Auch für die Arbeitnehmer habe es enorme Vorteile: "Ich kann selbst bestimmen, was ich arbeite, wann ich arbeite und wie. Das ist im Vergleich zu der herkömmlichen Situation eines Angestellten revolutionär." Eine Kehrseite gebe es allerdings auch: Auftraggeber könnten ihre stärkere Macht ausnutzen.

Was haben die Mitarbeiter tatsächlich davon? Warum machen viele trotz unsicherer Bezahlung mit? Der Jovoto-Gründer Sebastian Unterberg sagt, viele schätzten die Möglichkeit, sich auf der Plattform mit anderen auszutauschen und Kontakte zu knüpfen. "Wer den ganzen Tag nur Prospekte für Rewe gestaltet, ist froh, wenn er einmal etwas anderes machen kann", sagt Unterberg. Für die "Top-10-Prozent" der Crowdworker sei Jovoto außerdem ein echtes Sprungbrett. "Wir sind keine Kosteneffizienzmaschine", beteuert Unterberg. Es sei aber nicht möglich, alle Teilnehmer zu vergüten.

Oft hat man das Gefühl, man ist nur eine Nummer
Ramona Herrmann, Crowdworkerin

Ramona Herrmann betreibt eine kleine Werbeagentur ohne Angestellte in Remchingen bei Karlsruhe. Dort gestaltet sie Geschäftsberichte für eine Volksbank, Webseiten für Mittelständler oder auch mal Visitenkarten, Notizblöcke und Firmenflyer. "Über Jovoto komme ich an Aufträge, die mir diese großen Firmen sonst niemals geben würden", sagt sie. Sie schätzt auch den Austausch mit anderen. Ihren Entwurf für Greenpeace hat sie zum Beispiel zusammen mit einem Mexikaner entwickelt, der in Prag lebt. Als Sprungbrett hat sie Jovoto aber bislang nicht erlebt. "Oft hat man das Gefühl, man ist nur eine Nummer", sagt sie. Kaum ein Auftraggeber melde sich mal persönlich. Und dann gibt es da noch das Problem mit dem Geld: "Von dem, was man bei diesen Projekten verdient, kann man nicht leben", sagt Herrmann. Die vielen Wettbewerber drückten die Verdienstchancen. Ramona Herrmann wünschte sich für die Mitarbeit an einem Projekt zumindest einen festen Grundbetrag.

Unternehmen, die Crowdworker nutzen, wollen sich ungern Kostendrückerei vorwerfen lassen. Das gilt besonders für Organisationen wie Greenpeace, die für einen höheren moralischen Anspruch stehen. "Wir haben für unsere McDonald’s-Kampagne bei Jovoto rund 25.000 Euro ausgegeben. Das ist mehr, als wir bei Agenturen dafür bezahlt hätten", sagt Greenpeace-Kommunikationschef Volker Gaßner. Es sei darum gegangen, schon im Vorfeld der Kampagne viele Kreative einzubinden, die besonders nah an der Zielgruppe seien. Ein weiterer Vorteil: "Wenn wir eine Agentur beauftragen, bekommen wir drei Vorschläge, so haben wir für unsere McDonald’s-Kampagne 380 Vorschläge in 980 Varianten erhalten." Greenpeace bezahle die Designer aber anständig, viermal habe man schon solche Crowd-Projekte gemacht, ohne Beschwerden. Ähnliches sagen die Sprecher der Deutschen Bank und anderer Unternehmen: Es gehe um das innovative Potenzial der Crowd, nicht um die Ausbeutung billiger Arbeitskraft. Vielleicht ist das tatsächlich nicht ihre Absicht – aber trotzdem das Ergebnis.

Gewerkschafter wie ver.di-Chef Frank Bsirske warnen vor "digitalem Prekariat" und "Tagelöhnern des schlimmsten Kalibers". Christiane Benner, Vize-Chefin der IG Metall, fürchtet die Rückkehr zu Verhältnissen "wie zum Beginn des Industriezeitalters". Ver.di und die IG Metall versuchen, sich als Helfer für die Crowdworker in Stellung zu bringen. Beide Großgewerkschaften haben dazu eigene Internetseiten eingerichtet. Bei der IG Metall sollen Crowd-Arbeiter Erfahrungen austauschen und Arbeitsplattformen bewerten. Doch die Resonanz ist mäßig: Selbst zu den wichtigsten Anbietern wie Clickworker, Jovoto oder Crowd Guru finden sich kaum mehr als zehn Bewertungen. Die IG Metall hofft auf Besserung und will Crowdworker organisieren. Deshalb dürfen seit Januar einfache Selbstständige bei ihr Mitglied sein.

Arbeitsmarktpolitiker fragen sich, ob die bestehenden Gesetze zur digitalen Arbeitswelt passen. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles von der SPD hat deshalb vor einem Jahr mit einem Dialog über "Arbeit 4.0" begonnen, an dem Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften und Wissenschaftler teilnehmen. Kernfragen lauten: Wie muss der Sozialstaat umgebaut werden, wenn es in Zukunft weniger klassische Angestellte gibt, die ihn finanzieren? Wie sichert man Crowdworker ab? Und wie lässt sich verhindern, dass Regeln wie der Mindestlohn umgangen werden und Scheinselbstständigkeit entsteht?

Vornan marschieren die Deutschen damit nicht gerade. In vielen Industrieländern prüfen Gerichte schon, wieweit eine Plattform wirklich nur Aufträge vermittelt oder den Crowdworkern detaillierte Arbeitsvorgaben macht – so wie es ein Vorgesetzter gegenüber einem Angestellten täte. Arbeitsrechtler in den Vereinigten Staaten schlagen vor, einen neuen Status für Crowdworker zu definieren, mit eigenen Rechten und Pflichten – irgendwo in der Mitte zwischen Angestelltem und Selbstständigem. Und in Deutschland fordern ver.di-Funktionäre, Sozialversicherungen auf Crowdworker auszudehnen. So könnten ihre Auftraggeber verpflichtet werden, Beiträge in die Sozialkassen abzuführen, wie andere Arbeitgeber auch. Ein Vorbild dafür gibt es schon in Form der Künstlersozialkasse, die freiberufliche Künstler und Autoren absichert.

Ihre Antworten auf diese Fragen will Ministerin Nahles bis Ende dieses Jahres vorlegen. Die gesetzliche Realität folgt der schnellen Internetökonomie nur langsam. So langsam, dass neue Gesetze womöglich erst in Kraft treten, wenn es Crowdworking gar nicht mehr gibt – zumindest als Begriff. In spätestens zehn Jahren sei es so weit, glaubt Michael Gebert, der Vorsitzende des Deutschen Crowdsourcing Verbandes: "Dann wird das so normal sein, dass es dafür gar kein besonderes Wort mehr braucht."

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