Fiese schwarze Punkte bedecken Daniel Andrades Fingerkuppen. Punkte, die feine Einstiche verraten und für ihn zwei Dinge bedeuten: Sicherheit und Schmerz.

Sicherheit, weil Andrade Diabetiker ist. Nur indem er sich regelmäßig sticht und seinen Blutzucker misst, kann er der Über- und Unterzuckerung gegensteuern – und akute Folgen wie Übelkeit, Herzrasen oder Ohnmacht verhindern und Langzeitfolgen mindern.

Schmerz, weil falsch gesetzte Stiche auch nach 31 Jahren noch furchtbar wehtun können. "Wenn ich einen Nerv erwische, dann fühlt es sich an, als würde ich mir den Finger abhacken", sagt Daniel Andrade, sportlicher Typ, gegeltes dunkles Haar, schwarze Brille.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Er lebt mit der Diagnose Diabetes, seit er fünf Jahre alt war. Früher beäugten ihn die anderen Kinder skeptisch, in der Schule und beim Fußball war er "der mit den Spritzen". Heute kann Andrade zumindest diesen Teil der Therapie schon unauffälliger gestalten: Unter seinem Pullover verbirgt sich eine kleine Pumpe. Über einen dünnen Schlauch ist sie mit einer Kanüle verbunden, die in seinem Bauch steckt und permanent ein wenig Insulin in seinen Körper abgibt. Wenn Andrade an der Pumpe auf Knöpfe drückt, injiziert sie eine zusätzliche Dosis des Hormons. Messen aber muss er den Blutzucker immer noch, mit Stichen in die Fingerkuppen. Bis jetzt. Nun soll ein kleiner Chip das ändern. Einer, der unter die Haut geht und noch ein bisschen mehr Maschine in den Menschen Andrade bringt.

Technik im menschlichen Körper hat eine lange Geschichte in der Medizin. Herz- und Hirnschrittmacher-Implantationen sind in deutschen Operationssälen längst Routineeingriffe. Retina-Implantate machen gerade in ersten Versuchen aus Blinden wieder Sehende. Und bald könnte eine neue Ära beginnen: die Technisierung des Durchschnittspatienten. Denn inzwischen entwickeln Firmen immer kleinere und smartere Geräte, die unauffällig helfen sollen, gesünder durchs Leben zu gehen. Manche dieser Maschinchen kann sogar jeder selbst am Körper anbringen.

Daniel Andrade lässt sich den ersten Diabetes-Chip von seinem Arzt Jens Kröger setzen, in Zukunft wird er das selbst tun – er muss das Gerät regelmäßig austauschen. In der Praxis in Hamburg-Bergedorf dauert das Prozedere weniger als zwei Minuten. Linken Oberarm frei gemacht, mit Alkohol abgetupft, mehr braucht es nicht an Vorbereitung. Vorsichtig setzt der Arzt dem Patienten eine Art Stempel auf die Haut, der den Chip enthält. Dann drückt er fest zu. Ein lautes, mechanisches "Klack" hallt durch das Behandlungszimmer, doch Andrade verzieht keine Miene. Kurz darauf sitzt der weiße, gerade einmal mantelknopfgroße Sensorchip fest auf dem Arm.

Dort misst er von nun an mit einem feinen Fühler, der in die Haut ragt, völlig schmerzfrei den Zuckergehalt im Zwischengewebe. Bis zum Wechsel des Chips in 14 Tagen muss Andrade sich kein einziges Mal mehr in den Finger stechen. Will er die Daten auslesen, genügt es, einen handgroßen Scanner über den Sensor zu bewegen. Der ist so unauffällig, dass man ihn zum Beispiel für einen Schrittzähler oder ein Handy halten könnte.

Einige Chips von anderen Herstellern sind schon länger auf dem Markt. Sie haben den Vorteil, dass sie dem Patienten die Werte direkt auf das Smartphone schicken. Ihr großes Manko ist aber, dass die Nutzer sie zweimal am Tag neu kalibrieren müssen. Das geht nur, indem die Patienten sich in den Finger stechen, um so ihren Blutzucker ganz klassisch zu messen und mit dem Wert des Chips abzugleichen. Andrades Gerät Freestyle Libre funktioniert ohne eine solche Kalibrierung. Der Chip, der bereits für Kinder ab vier Jahren zugelassen ist, hat einen Algorithmus in seiner Software. Dieser fängt Messungsschwankungen rechnerisch ab und macht die Kalibrierung somit überflüssig.

"Zwar raten wir Patienten, am Anfang auch noch ganz regulär ihren Blutzucker zu messen, insbesondere wenn ihnen die Werte des Sensors komisch vorkommen. Später aber braucht es das nicht mehr", sagt Andrades Hausarzt Kröger, der neben ihm noch rund hundert weitere Patienten mit dem Chip behandelt. Kröger spricht vor allem über die Vorteile des neuen Geräts: "Wir können sehen, wie die Zuckerwerte sich beim Sport, beim Essen oder in der Nacht verhalten. Das war früher undenkbar." Dieses Wissen hilft ihm als Arzt, die Behandlung noch genauer auf die Patienten abzustimmen.

Dass Sensoren permanent eine Fülle an Daten erheben, könnte auch für Gesunde interessant werden – für alle, die sich gerne selbst vermessen. Einige amerikanische Start-ups entwickeln derzeit sogenannte tech tattoos. Diese pflasterartigen Schaltkreise sollen auf die Haut geklebt werden und dort unauffällig Werte wie Herzschlag, Körpertemperatur und Schrittfrequenz überwachen. So könnten sie die Nutzer in weiterentwickelten Gesundheits-Apps ermahnen, dringend mal wieder zum Sport zu gehen, oder Krankheiten schon früh erkennen.

Bei aller Begeisterung für die körpernahen Helfer bleibt aber die übliche unangenehme Frage: Was geschieht mit all den gesammelten Daten? Im Fall des Diabetes-Chips stellte sich heraus, dass der Hersteller Abbott sie ausliest, sobald der Scanner ans Internet angeschlossen wird. Zwar werden nach Angaben des Unternehmens diese Daten anonymisiert und nur zur weiteren Optimierung des Sensors genutzt. Trotzdem sind Experten wie Lutz Heinemann beunruhigt. "Man muss sicherlich beobachten, wie bei ähnlichen Geräten mit solchen sehr persönlichen Daten umgegangen wird", sagt der Mediziner, der bei der Deutschen Diabetes Gesellschaft für die Bewertung neuer technischer Geräte zuständig ist.

Ein Gedankenspiel: Der Sensor bemerkt, dass der Blutzucker niedrig ist, und schickt eine Nachricht ans Handy. Das beginnt dann zu surren, aber nicht nur, um den Nutzer zu warnen, sondern auch, um ihm gute Zuckerquellen in seiner Nähe zu empfehlen, Restaurants und Supermärkte etwa.

Für Daniel Andrade überwiegen die Vorteile: Nachdem er zwei Wochen lang den Sensor im Arm trägt, klingt er begeistert. Er könne den Blutzucker besser einstellen als je zuvor und werde den Chip weiter nutzen. Die 70 Euro, die alle zwei Wochen für einen neuen Chip fällig werden, will er selbst bezahlen, sollte die Krankenkasse die Kosten – wie bei den meisten Patienten – nicht übernehmen.

Vielleicht aber verschwindet bald nicht nur der Schmerz aus Andrades Leben, sondern sogar der weiße Knopf an seinem Arm und damit der letzte sichtbare Hinweis auf seinen Diabetes. Der Internetriese Google entwickelt nämlich ein Gerät für Diabetiker, das endgültig unsichtbar ist: eine Hightech-Kontaktlinse, die die Zuckerwerte anhand der Tränenflüssigkeit misst. Das Patent dafür ist schon angemeldet.