Romane in Bildern – Seite 1

Es sah aus wie eine kleine Utopie in der ansonsten eher autolastigen Münchner Innenstadt. Mal in ordentlichen Reihen, mal in fröhlich anarchistischen Knäueln stellten die Besucher bei der Eröffnung des Münchner Dokumentarfilmfestes ihre Fahrräder zu Hunderten auf die Bürgersteige rings um das Deutsche Theater. Zum ersten Mal fand die Veranstaltung im vergangenen Jahr im 1.500 Zuschauer fassenden neobarocken Theatersaal statt. Drinnen, wo sonst Musicalaufführungen glitzern, schien der zwei Meter große Festivalchef Daniel Sponsel vor Freude über das ausverkaufte Haus noch ein bisschen in die Höhe zu wachsen, draußen präsentierte sich die Erfolgsgeschichte des Festivals als Skulptur aus Speichen, Blech und Stahlrohren.

Mehr als dreihundert Dokumentarfilme laufen jedes Jahr in den deutschen Kinos, seit Beginn des Jahrtausends hat sich die Zahl der Produktionen vervierfacht. Das Münchner Dokumentarfilmfestival steht sozusagen auf explodierende Weise für das Publikumsinteresse an dieser Kunstform. Die Vorführungen platzen aus allen Nähten, allein in den vergangenen fünf Jahren konnte das DOK.fest seine Zuschauerzahlen von rund 12.000 auf 35.000 verdreifachen.

Um herauszufinden, was das bedeuten mag, treffen wir Daniel Sponsel, seit 2009 Leiter des Festivals, an einem der ersten warmen Frühlingstage dieses Jahres im Café des Münchner Filmmuseums. Vor dem Eingang signalisiert ein Fahrrad mit grotesk hohem Sattel schon mal seine Anwesenheit.

Als er seine Beine um einen Barhocker geschlungen hat ("auf den Sofas da hinten habe ich irgendwie keine Körperspannung"), sagt Sponsel mit freundlicher Angriffslust, dass er es leid sei, den Dokumentarfilm in Interviews immerzu am Spielfilm zu messen, mit dem Spielfilm zu vergleichen, ihn gegen den Spielfilm abzugrenzen: "Beim Sport sagt man ja auch nicht, dass Volleyball im Vergleich zu Fußball ebenfalls ’ne interessante Ballsportart ist." Eifrig nickend streiche ich im Geiste meine Einstiegsfrage ("Was kann der Dokumentarfilm, was der Spielfilm nicht kann?"), während Sponsels dokumentarfilmpolitischer Exkurs noch ein Weilchen weitergeht.

"Es gibt die Sehnsucht nach einer Auseinandersetzung, die länger dauert als ein paar Klicks oder ein YouTube-Filmchen."
Daniel Sponsel

Richtig geärgert habe er sich über die Art und Weise, wie die Medien mit dem Hauptgewinner der diesjährigen Berlinale umgegangen seien, Gianfranco Rosis Film Fuocoammare über die Insel Lampedusa, ihre Bewohner und die Flüchtlinge, die versuchen, sie über das Meer zu erreichen: "Selbst auf seriösen Medienplattformen im Netz war von einer Dokumentation die Rede. Das ist aber ein informierendes Format. Oder noch schlimmer: Man sprach von einer Doku. Dieses Wörtchen reduziert den Film auf die Tatsache, dass da irgendwas dokumentiert wird, und bezeichnet mitnichten seine erzählerische und emotionale Kraft. Der Film ist ein Flüchtlingsdrama!"

Eigentlich sympathisch, dass man das Gespräch mit dem Leiter dieses Festivals zu ihm selbst und seiner Veranstaltung geradezu hinmanövrieren muss. Wie also erklärt sich Sponsel, dass die alljährlich im Mai mit einem Budget von gerade mal 800.000 Euro und Hunderten freiwilligen Helfern stattfindende Veranstaltung solche Besucherzuwächse verzeichnet? "Ein ganz naheliegender Grund ist sicher die Funktion des Dokumentarfilms als Gegenöffentlichkeit oder als andere Öffentlichkeit", sagt Sponsel. "Es gibt die Sehnsucht nach einer Tiefe der Information, verbunden mit einer Haltung, einem persönlichen Autorenblick. Eben das Bedürfnis nach einer Auseinandersetzung, die länger dauert als ein paar Klicks oder ein YouTube-Filmchen."

Vor dem inneren Auge der Autorin ziehen ein paar erfolgreiche Dokumentarfilme der letzten Jahre vorbei. Klar, jeder weiß um die Massenproduktion von Lebensmitteln. Aber in Nikolaus Geyrhalters Film Unser täglich Brot taucht man ein in den Rhythmus von Obstfließbändern, fährt mit Landwirtschaftsmaschinen über endlose Monokulturen, sieht, wie Küken in einer Halle zu Abertausenden von einem Staubsauger eingesaugt werden. In Let’s Make Money von Erwin Wagenhofer, der mehr als 200.000 Zuschauer erreichte, kann man wiederum global operierende Investoren so schamlos über den natürlichen Zusammenhang von Blut und Profit reden hören, dass einem im Kinosaal die Spucke wegbleibt. Und, ja, man mag sich in der Zeitung über das Bienensterben schlau machen, aber in Markus Imhoofs Dokumentarfilm More than Honey folgten rund 160.000 Zuschauer mit der Kamera haarigen Insektenkörperchen durch die Luft, hinein in das Drama eines Artensterbens und die Gefahr einer weltweiten ökologischen Katastrophe.

Sind wir hier auf dem klassischen Terrain der Gesellschaftsrelevanz, beim Dokumentarfilm als Lehr- und Erklärfilm? "Na klar", sagt Sponsel, "der Dokumentarfilm kann uns die Welt erklären und uns dabei noch in den Bann schlagen, auch unterhalten." Ein Grund für seine anhaltende Beliebtheit sei aber auch sein unvermittelter, konzentrierter Blick auf die Protagonisten. "In den Medien wird zwar viel gemenschelt, zugleich ist es aber so, dass das menschliche Maß verloren geht", sagt Sponsel. "Und der Dokumentarfilm schafft es, dieses Maß zu vermitteln. Es gibt nämlich eine Sehnsucht danach, auch in der Kunst Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, sich mit ihnen wirklich identifizieren zu können."

Der Dokumentarfilm als Kunstform

Was das bedeuten kann, und zwar unter den unmenschlichsten Bedingungen, unter denen Bilder entstehen können, zeigt auf dem kommenden DOK.fest Kandahar Journals von Louie Palu und Devin Gallagher. 2006, während seiner ersten Reise nach Afghanistan, kommt der amerikanische Fotograf Palu nur Minuten nach einem Selbstmordattentat in der Nähe von Kandahar am Tatort an. Er fotografiert, was er sieht. Kandahar Journals kreist um dieses Erlebnis und ist letztlich ein filmisches Bewältigungstagebuch – der Versuch, die eigenen psychischen Deformationen und Erschütterungen durch den Krieg in so etwas wie eine Erzählung zu fassen. In Fotografien, Filmszenen, Selbstbefragungen und vorgelesenen Tagebuchsplittern stellt sich Louie Palu der Frage, ob ein Krieg überhaupt vermittelbar ist.

Kandahar Journals ist ein klassischer Dokumentarfilm, wie ihn der schottische Filmemacher John Grierson schon 1932 in seinem Aufsatz First Principles of Documentary vom fiktionalen Spielfilm abgrenzte. Mit einer bis heute einleuchtenden Einfachheit definiert Gierson den dokumentarischen Film als "kreative Behandlung der aktuellen Wirklichkeit".

Aber was genau bedeutet Kreativität in Zeiten wie diesen, in denen jeder Hansel, der sich mit seinem Smartphone nackt im Spiegel aufnimmt oder am Computer zwei Szenen zusammenfügt, schon glaubt, er sei Dokumentarfilmer? "Ich habe das Gefühl, wir stehen noch am Anfang einer Entwicklung, wir müssen immer noch Aufklärungsarbeit leisten", sagt Daniel Sponsel, "darüber, dass das, was man im Dokumentarfilm sieht, nicht die Wirklichkeit ist, sondern ein Kunstwerk, ein Medium, eine Gestaltung. Deshalb ärgert mich auch, dass der Dokumentarfilm als Kunstform und Kultur in seiner Größe zu wenig gewürdigt wird."

Warum nicht mit dem Mann sprechen, der sich diese Würdigung seit Jahrzehnten auf die Fahnen geschrieben hat? Ein Anruf in Frankfurt. Am Telefon ist Thomas Frickel, Filmemacher und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm. Er beginnt mit einer dialektischen Wendung. Gerade der Erfolg der wichtigen Dokumentarfilmfestivals in München, Leipzig und Duisburg beweise, dass der Dokumentarfilm sein immenses Publikumspotenzial in der deutschen Kinolandschaft noch gar nicht ausschöpfen könne: "Der Dokumentarfilm stößt auf nachhaltiges Interesse, gelangt aber jenseits von Festivals nur schwer zu seinem Publikum." Das liege daran, dass durch die digitale Technik nun viel mehr Filme in die Kinos drängten – was oftmals die Verdrängung der nicht stark beworbenen Dokumentarfilme aus den attraktiven Zeitschienen zur Folge habe: "Die Filme können keine Mundpropaganda, keine Aufmerksamkeit aufbauen. Es sei denn, der Filmemacher begleitet seinen Film auf 70 Vorführungen und Diskussionen durch die Lande." Letztlich, so Frickel, sei der Dokumentarfilm ein ideales Versuchsobjekt für die sich wandelnde Kino- und Medienlandschaft. "Jetzt, da in manchen Gegenden im Umkreis von 40, 60 Kilometern kein Kino mehr vorhanden ist, muss das Fördersystem umso offener sein für neue Wege des Dokumentarfilms zum Publikum. Etwa für nicht gewerbliche Aufführungen in Vereinen, Jugendclubs, Bürgerinitiativen, was auch immer!"

Vorstellung pragmatisch gelebter Utopien

Das leuchtet ein. Vor allem wenn man sich klarmacht, dass in Frankreich gerade eine Dreiviertelmillion Menschen den Dokumentarfilm Tomorrow gesehen hat, in dem auf hoffnungsfrohe Weise alternative Lebensmodelle, man könnte auch sagen: pragmatisch gelebte Utopien auf der ganzen Welt vorstellt werden. Oder wenn man an Fuocoammare denkt, den Gewinner des Goldenen Bären. Oder wenn Daniel Sponsel erzählt, dass sich immer mehr der in München eingereichten Filme mit den Ursachen der sogenannten Flüchtlingskrise und ihren Folgen beschäftigen. In diesem Jahr sind es so viele, dass das Festival daraus die Reihe Dok.transit kuratiert hat. Drei davon ergeben, zusammen gesehen, einen großen Kinoroman der deutschen Gegenwart: Café Waldluft, Dügün und Trapped by Law.

In Café Waldluft hat sich Matthias Koßmehl über Monate hinweg mit der Kamera in der gleichnamigen Pension bei Berchtesgaden eingerichtet. Schon vor Jahren wurde das Haus von seiner bodenständigen Eigentümerin Flora Kurz in eine Unterkunft für Asylbewerber umgewandelt. Sie ziehe die teilweise jahrelang bei ihr lebenden Gäste dem ständigen Wechsel der Touristen vor, sagt Flora Kurz. Man erlebt eine Dauer-WG, in der drei Dutzend Männer aus Syrien, Afghanistan, Sierra Leone ihre Wirtin "Mama" nennen, in der Küche scharfe arabische Reisgerichte kochen und Ausflüglern auf der Terrasse Kaffee servieren.

Auch Dügün – Hochzeit auf Türkisch von Marcel Kolvenbach und Ayse Kalmaz zeigt Deutschland als Einwanderungsland, in Duisburg-Marxloh. Hier, zwischen stillgelegten Zechen und leer stehenden Häusern, hat die türkische Community quasi einen ganzen Stadtteil zum Schauplatz einer Heiratsindustrie gemacht. "Dass hier die Zeit der Deutschen zu Ende gegangen ist und die Zeit der Türken beginnt, ist ganz normal", sagt ein Geschäftsmann. "Wir machen immer die schwere Arbeit, und sie haben uns den Stadtteil überlassen." Die Kamera folgt aufgeregten Paaren beim Kauf des Kleides, spricht mit den Betreibern der Hochzeitssäle, zeigt, wie auf den Feiern die Post abgeht. "Das sind Beispiele dafür, wie die Integration von Einwanderern bei gleichzeitiger Autonomie gewisser Bevölkerungsgruppen auch aussehen kann", sagt Daniel Sponsel. "Das Schöne ist: Der Dokumentarfilm kann so etwas auf beiläufige Weise beobachten."

Sie filmt die Schönheit der absoluten Gegenwart

Oder er schlägt sich solidarisch auf die Seite derer, von denen er erzählt. Fünf Jahre lang folgt Sami Mustafa in Trapped by Law zwei in Essen aufgewachsene Roma-Brüdern, die wegen eines kleinkriminellen Vergehens ins Kosovo abgeschoben werden. Der Regisseur schließt Freundschaft mit Kefaet und Selami, nimmt sie gemeinsam mit seiner Freundin bei sich zu Hause in Prishtinë auf, begleitet sie bei ihren Versuchen, zu ihrer Familie zurückzugelangen. "Im Kosovo sind sie die Deutschen, die man nicht haben will, und in Deutschland sind sie die kriminell gewordenen Ausländer", sagt Sponsel. "Der Film zeigt eben auch das, was ansonsten von außen mehr oder weniger abstrakt bleibt: den Albtraum der behördlichen Auflagen, an denen man verzweifeln und scheitern kann." Trapped by Law erzählt auch eine Geschichte vom Erwachsenwerden. Von zwei Brüdern, die ihr Heimweh in Rap-Songs verwandeln, die gemeinsam durch dick und dünn gehen und erst in der Fremde entdecken, wie tief sie mit dem Ruhrpott verbunden sind.

Natürlich ist es nahezu unmöglich, einem Festivalleiter seine Lieblinge unter 140 Filmen zu entlocken. Aber es gibt da bei Daniel Sponsel etwas Warmes in der Stimme, als er von einem Abschlussfilm der Münchner Filmhochschule spricht: Es war einmal von Agata Wozniak. Die Filmemacherin richtet die Kamera auf ihre Familie. Indirekt stellt sie die Fragen, was Familie überhaupt ist und wie man von ihr geformt wird. Sie filmt ihre Schwester und ihre drei Brüder, ihre Eltern, zwei aus Polen eingewanderte Ärzte. Die beiden haben sich auseinandergelebt und erzählen auf völlig unterschiedliche Weise den Roman ihrer verschwundenen Liebe. Wozniak filmt den gemeinsamen Urlaub ohne den Vater, zeigt Momente des Glücks und des Streits. Sie filmt das Haus, in dem sie groß geworden und aus dem sie ausgezogen ist, den Garten ihrer Kindheit. Sie filmt vergehende Zeit, Vergänglichkeit und die Schönheit der absoluten Gegenwart. Das Leben, möchte man sagen. Das ist dann vielleicht das Ideal des Dokumentarfilms: die Wirklichkeit auf so faszinierende Weise festzuhalten, dass man seine Kreativität glatt vergisst.

Dok.fest München: Vom 5. bis 15. Mai. Informationen unter www.dokfest-muenchen.de