1. Weil die Mauer das beste Einheitsdenkmal ist. Bald ist sie so lange eingerissen, wie sie existierte: 28 Jahre. Wer heute vor ihren Resten steht, weiß gleich Bescheid: Das alte Symbol der Trennung ist das neue Symbol der Einheit. Man müsste die Mauer nur erhalten. Wäre billiger.

2. Weil so ein Denkmal fürs Volk sein muss, nicht für Wolfgang Thierse. Das ist jetzt gemein Wolfgang Thierse gegenüber. Aber er steht hier für viele: Manchmal hat man das Gefühl, die Bürgerrechtler von damals wollten allzu gern die Einheitsverwalter von heute sein. Also wird so eine Wende-Wippe konzipiert, "weil immer alles kippen kann". "Freiheits- und Einheitsdenkmal" nennt man das dann. Und alle denken nur: Was soll das bedeuten?

3. Weil sich nicht einmal die Bürgerrechtler einig sind. Denn Wolfgang Thierse wollte die Einheitswippe, aber er hatte nicht mal die anderen Bürgerrechtler hinter sich. Vor allem die aus Leipzig sind gar nicht so böse darüber, dass das Berliner Denkmal gescheitert ist (siehe 7.).

4. Weil es schon genug Denkmäler gibt. Um genau zu sein, sind es in Deutschland etwa 1,3 Millionen Kulturdenkmäler. Da ist doch sicherlich schon was Einheitskompatibles dabei!

5. Weil das Brandenburger Tor noch steht. Es ist ein Denkmal. Das Einheitsdenkmal.

6. Weil Berlin der falsche Ort ist. Ohne Leipzig hätte es keine Revolution und auch keine Einheit gegeben. Berlin, die Stadt, ist Profiteurin der Einheit, nicht Urheberin. Da können die Berliner noch so viele Wippen bauen!

7. Weil Leipzig der falsche Ort ist. Denn wie soll ein Einheitsdenkmal in einer Stadt funktionieren, die selber ein einziges Einheitsdenkmal ist?

8. Weil man nicht den Mut hat, das Ding in Wuppertal aufzubauen. Oder in irgendeiner anderen deutschen Stadt, die einfach weiterhin so aussieht, als schrieben wir noch das Jahr 1988. Und ein Denkmal gut vertragen könnte.

9. Weil Architekten am Einheitsdenkmal nur scheitern können. Das Problem an der Einheit ist doch, dass es so schwer ist, sie darzustellen. Was es schon alles gibt: ineinandergreifende Arme, sich verwickelnde Streben, aber das geht nie ans Herz. In Leipzig wollten sie erst eine Installation aus lauter Hockern bauen, die man mitnehmen kann, bis sie feststellten, dass ja irgendwann das Denkmal weg ist. Dann wollte man Obstbäume pflanzen. Nun ja.

10. Weil Bürgermeister am Einheitsdenkmal nur scheitern können. Erst steigen die Kosten, dann werden auf dem Baugrund seltene Tierarten entdeckt, dann steigen die Architekten entnervt aus dem Projekt aus. Das kann keiner wollen.

11. Weil Jurys keine Runden Tische sind. In Berlin hat die erste – prominent besetzte – Jury jeden der mehr als 500 Vorschläge für untauglich befunden. Was war da untauglicher: die Jury oder die Ideen?

12. Weil die Erinnerung an 1989/90 sowieso schon viel zu verkitscht ist. Oder hören Sie Wind of Change von den Scorpions noch gern?

13. Weil Helmut Kohl das lebende Einheitsdenkmal ist. Und man auch ihm schon ein Denkmal geschenkt hat: Vor dem Gebäude des Axel-Springer-Verlags in Berlin stehen die "Väter der Einheit" – George Bush, Michail Gorbatschow und eben Helmut Kohl – in Bronze.

14. Weil Denkmäler für schöne Ereignisse schlecht funktionieren. Wie sagte Hans-Dietrich Genscher 2014 über das Einheitsdenkmal: "Vielleicht ist es leichter, Monumente für tragische Ereignisse zu bauen. Davon gibt es ja reichlich."

15. Weil jemand, der ein Happy End zeigen will, lieber Filme drehen sollte. Wolfgang Becker (Good Bye, Lenin!) und Christian Schwochow (Bornholmer Straße) haben es bewiesen.

16. Weil die letzten Einheitsdenkmäler, die "Bismarcktürme", heute auch keiner mehr versteht. Bisweilen können sie nicht einmal instand gehalten werden. Zuletzt fiel in Wiehl bei Köln ein Heimatfest aus, weil Besucher durch vom Bismarckturm herabfallende Steine gefährdet waren!

17. Weil man nach der Völkerschlacht auch 100 Jahre gebraucht hat. Erst 1913 wurde in Leipzig das Völkerschlachtdenkmal eröffnet, die Schlacht endete 1813. Sogar die Sanierung dauerte zehn Jahre.

18. Weil in Berlin sowieso alle Bauvorhaben Jahrhunderte dauern. Und zunächst das neue Gebäude des BND, das Berliner Schloss und, ach: der BER fertig werden sollten.

19. Weil die Denkmal-Fans viel zu oberlehrerhaft sind. "Wollen wirklich alle Abgeordneten so leichtfertig auf das freudige Erinnern an die glücklichsten Tage der deutschen Geschichte verzichten?", schrieb der ehemalige Bürgerrechtler Günter Nooke im Tagesspiegel. Statt mit wirklich guten Argumenten zu werben.

20. Weil die Verletzungsgefahr zu hoch ist. Die Einheitswippe: Stellen Sie sich mal vor, da fällt einer runter! Haben wir nicht schon genug Opfer für die Einheit gebracht?

21. Weil die meisten Leute noch nicht mal Mauerfall und Einheit auseinanderhalten können. Helmut Kohl brachte die Mauer zu Fall. DDR-Bürgerrechtler verhandelten am Runden Tisch den Zwei-plus-Vier-Vertrag. Oder wie war das noch mal, und woran erinnert dieses Denkmal gleich?

22. Weil man gar nicht erst anfangen muss, wenn es schön billig bleiben soll. Gewiss, das Wippen-Denkmal ist mit der Zeit immer teurer geworden. Am alten denkmalgeschützten Sockel, auf dem es entstehen sollte, wurde eine schützenswerte Fledermaus-Art entdeckt, ebenso fand man historische Mosaiken, die rekonstruiert werden mussten. Dabei stiegen die Kosten. Aber wer eines Weltereignisses gedenken will, sollte das nicht mit Kleingeld finanzieren wollen.

23. Weil es der Versuch wäre, die Einheit für vollendet zu erklären. Dabei ist doch das Allerschönste an der Vereinigung, dass sie so wunderbar lange dauert.

24. Weil es genug Wippen gibt. Siehe Text hier.

25. Weil jeder Vollidiot weiß, dass das die Liebe versaut!