Jeden Tag schließt irgendwo in Deutschland eine Flüchtlingsnotunterkunft. Container werden abgebaut, den Sicherheits- und Cateringdiensten wird gekündigt. Umgewidmete Möbelhäuser werden wieder ihrem eigentlichen Zweck zugeführt. Ein Truppenübungsplatz wird das, was er vorher war. In vielen Bundesländern lag im März die Auslastungsquote der Flüchtlingsnotunterkünfte bei unter 50 Prozent.

Seit vergangenem Dezember sinkt die Zahl der Ankommenden: 90.000 im Januar, 60.000 im Februar, 20.000 im März. Dafür ist die Zahl der Asylanträge in Deutschland um 112 Prozent im Vergleich zum ersten Quartal 2015 gestiegen, weil das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge jetzt imstande ist, Anträge von Flüchtlingen entgegenzunehmen, die seit Monaten auf einen Termin warten.

Ruhe kehrt ein, und etwas scheint zu Ende zu gehen. Ist die Flüchtlingskrise etwa vorbei?

Das hängt davon ab, was mit dem Wort Flüchtlingskrise gemeint ist. Ist gemeint, dass die Flüchtlinge eine Krise verursacht haben? Ist also unsere Krise gemeint, die der Deutschen? Unsere Angst vor dem Kontrollverlust, ausgelöst durch Bilder von Menschen, die auf Behördenfluren kampieren? Ist die Peinlichkeit gemeint, die wir empfinden, weil unsere Verwaltung gar nicht so einwandfrei funktioniert, wie wir angenommen hatten? Ja, dieser Kummer ist halbwegs verwunden. Die Fernsehnachrichten handeln jetzt von anderen Themen: von auszubauenden Autobahnen oder von der Rente. Das Land diskutiert, ob eine Beleidigung auch eine Beleidigung ist, wenn sie satirisch gemeint ist. Man kann sagen: Die Lage hat sich entspannt.

Wenn aber das Wort Flüchtlingskrise bedeutet, dass Menschen auf der Flucht sind, weshalb ihr Leben zu einer Krise wird, dann ist gar nichts vorbei. Da gibt es zum Beispiel die Syrer. Für einige mag es sich gerade zum Guten wenden. Das sind die Syrer in den türkischen Flüchtlingscamps. Sie haben die Perspektive, nach Europa zu gelangen, ohne ihr Leben zu riskieren. Sie brauchen etwas Geduld, ob das historische Experiment gelingt, das Abkommen zwischen der EU und der Türkei. Und sie brauchen Glück, um zu den 72.000 Menschen zu gehören, welche die EU zunächst aufzunehmen bereit ist.

Aber dann gibt es da noch die anderen Syrer. Die Zehntausenden, die an der türkisch-syrischen Grenze festsitzen, weil die Türkei sie nicht einreisen lässt. Sie sind von einem Kriegsgebiet in ein anderes geflohen, denn hier kämpfen Rebellen, IS und Kurden gegeneinander. In Idomeni an der Grenze zu Mazedonien harren Syrer in feuchten Zelten aus, in der falschen Hoffnung, Griechenland Richtung Norden verlassen zu dürfen. Nicht zu vergessen die Syrer, die keine Flüchtlinge sind, zum Beispiel die Bewohner von Deir al-Sur, einer vom IS eingenommenen Stadt, die Assad von der Versorgung abgeschnitten hat, was wiederum zu einer Hungersnot geführt hat.

Die Zahl der in Deutschland zurückgewonnenen Möbelhäuser scheint also nicht hinreichend Aufschluss zu geben über den Zustand der Welt. Welche Zahlen könnten sich stattdessen eignen?

352. So viele Flüchtlinge sind dieses Jahr im Mittelmeer zwischen Afrika und Europa ertrunken. Weitere 400 Menschen sollen am vergangenen Montag umgekommen sein, wobei die Angaben bis zum Redaktionsschluss am Dienstagabend nicht bestätigt wurden. Nach dem Deal zwischen der EU und der Türkei Ende März kommen zwar nur noch ein paar Dutzend Flüchtlinge täglich in Griechenland an. Dafür aber steigt seit Jahresbeginn die Zahl der Migranten, die in mehr oder weniger seetauglichen Schiffen von Libyen nach Italien übersetzen. Die Flüchtlinge werden von der italienischen Küstenwache und von Hilfsorganisationen aufgegriffen und gehen auf Lampedusa oder Sizilien an Land. In den ersten Aprilwochen wurden bis zu 1.800 Ankommende am Tag gezählt. Der französische Verteidigungsminister sagte in einem Interview, 800.000 Menschen warteten in Libyen darauf, in Boote zu steigen, er nennt für seine Schätzung allerdings keine Quellen. Der EU-Ratspräsident Donald Tusk spricht von einer "alarmierenden Zahl".

Österreich hat reagiert und an seiner Grenze zu Italien am Brenner Strukturen geschaffen, die eine schnelle Schließung möglich machen: als wolle man das Bühnenbild vorbereiten, um das Drama aus dem vergangenen Jahr noch einmal aufzuführen. Doch zum einen gibt es bisher keine Anzeichen dafür, dass die Migranten in großer Zahl Richtung Norden weiterziehen, so wie die Syrer den Balkan durchquerten, statt sich in Griechenland niederzulassen.