Moderne Kunst, hat der Kunsthistoriker Ernst H. Gombrich vor vielen Jahren gesagt, werde durch zwei Dinge definiert: durch die völlige Freiheit derer, die sie machten, und durch das Bewusstsein des Künstlers, beim Machen der Kunst "ständig beobachtet, diskutiert und beschrieben zu werden". Fast hat man das Gefühl, diese Definition, namentlich das ständige Diskutiert-, Beobachtet- und Beschriebenwerden, treffe heute vor allem auf berühmte Sportler zu. Sagen wir es frei heraus: Heute haben die Fußballspieler den Rang, den einst die modernen Künstler hatten. Es ist deshalb an der Zeit, gewisse flüchtige Aktionen auf dem Rasen wie bleibende, vielleicht sogar unsterbliche Kunstwerke zu würdigen, und ich will dies hier tun, mit gebührendem Abstand und Respekt. Das Kunstwerk, das ich hier besprechen möchte, ist das Foul, das Marcelo, brasilianischer Fußballspieler in Diensten von Real Madrid, am 6. April im Champions-League-Spiel gegen den Wolfsburger Spieler Maximilian Arnold beging.

Marcelos Szene ist eine Verbindung aus altem Spielmaterial und freier Improvisation, er wusste sicher selbst nicht, wohin seine Eingebung ihn führen würde. Im richtigen Theater sagt der Regisseur in der Probenphase gern zu seinem Darsteller: "Wie wirst du den Bösewicht spielen? Biet mir mal was an!" Und Marcelo hat was angeboten: Er hat seinem Gegner einen Tritt gegeben, was unter Raufbolden in aller Welt als Aufforderung zum Spiel begriffen wird, Arnold, der sture Wolfsburger, hat die Avance aber nicht verstanden, also legte Marcelo nach und rammte Arnold seinen Kopf in den Bauch. Dann ließ er sich fallen, als wäre er selbst gefoult worden.

Diese Aktion war nichts anderes als die Verneigung vor einem größeren, unsterblichen Foul, das Marcelos am Spielfeldrand zusehender Trainer Zinédine Zidane einst begangen hatte. Wir erinnern uns: Im Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 2006 rammte Zidane, damals Spielmacher der französischen Nationalmannschaft, seinem italienischen Gegner Marco Materazzi den Kopf in den Rumpf, nachdem Materazzi die Schwester Zidanes obszön beleidigt hatte. Daraufhin fiel Materazzi zu Boden wie vom Blitz gefällt. Und Zidane wurde des Feldes verwiesen.

Marcelo, zehn Jahre später, die Blicke Zidanes spürend, signalisierte seinem deutschen Gegenspieler: Wir spielen das jetzt nach, zu Ehren Zidanes, ich bin Zidane und du bist Materazzi. Allerdings ging der Deutsche, unfähig zum Theatralischen, nicht darauf ein, er ließ sich nicht fallen, was Marcelo vermutlich die Rote Karte eingebracht hätte, und diese Weigerung Arnolds, ins Spiel einzusteigen, brachte Marcelo auf die Idee, das Spiel noch ein wenig weiterzutreiben, rein vorschlagshalber, und die Rolle Materazzis gleich auch noch zu spielen: Wie wäre es, wenn ich, nur so zum Spaß, mich selbst hinschmeiße? Mal sehen, wie’s dann weitergeht. Wir wissen, wie es weiterging: Der unschuldige Arnold sah die Gelbe Karte. Marcelo wurde nicht bestraft.

Künstlerisch gesehen, war Marcelos Auftritt ein sogenanntes Reenactment. So wie die große Performance-Künstlerin Marina Abramović die Performances großer Kollegen nachspielt, spielte Marcelo das berühmteste aller Fouls nach, zehn Jahre nach dessen Uraufführung. Und dies in Anwesenheit des Urhebers.

Fußballerisch gesehen hingegen war Marcelos Aktion eines von den sogenannten miesen Fouls. Denn im Gegensatz zum in der Fußballwelt hoch angesehenen "notwendigen", von Olli Kahn immer wieder geforderten, "ein Stück weit säuischen" Brachialfoul aus der Pepe- oder Vidal-Schule, dessen Gemeinheit offen zutage tritt, gehört Marcelos Tat in den Bereich der Täuschung, der athletischen Hütchenspielerei. Aber auch das ist natürlich eine Kunst.