Die Saison der Fußballbundesliga befindet sich in einer Phase, die man gerne als Zielgerade bezeichnet. 30 Spieltage sind absolviert, es fehlen noch vier Spiele, dann ist alles vorbei. Dann wird sich zeigen, wer Deutscher Meister wird (gut, das steht im Grunde seit Beginn fest); dann wird sich zeigen, wer Zweiter wird (okay, auch das war nach wenigen Spielen klar). Vor allem aber wird man dann wissen, wer in die Zweite Liga absteigen muss und wer auf dem Relegationsplatz steht – wer also gegen den Drittbesten der Zweiten Liga in zwei Entscheidungsspielen antreten muss.

Der HSV steht nach 30 Spieltagen auf Rang zwölf. Eine Platzierung, gegen die vor der Saison niemand etwas einzuwenden gehabt hätte. Platz zwölf, vier Ränge vor dem Relegationsplatz, für den diese Mannschaft ja seit gewisser Zeit eine Art Abonnement zu haben scheint. Was will man mehr? Nun, man könnte sich als Anhänger des HSV vor allem eins wünschen: dass dieser vermaledeite Relegationsplatz punktemäßig ein wenig weiter weg wäre, als es derzeit der Fall ist.

Das war er auch schon einmal. Nur hat es der HSV mit einer beeindruckenden Verlässlichkeit geschafft, diesen Vorsprung nicht groß genug werden zu lassen. Ein größerer Abstand wäre ja durchaus möglich gewesen, beispielsweise durch einen Heimsieg gegen Aufsteiger Darmstadt. Nun beträgt die Differenz drei Punkte. So viel, wie eine Mannschaft in einem Spiel gewinnen oder verlieren kann. Und ausgerechnet die Mannschaft, die derzeit auf dem Relegationsplatz steht, wird am Freitag im Volksparkstadion antreten: Werder Bremen.

Es ist eine vertrackte Situation für den HSV. Er steht auf einem Rang, gegen den niemand in der hamburgischen Fußballwelt etwas einwenden kann. Dieser HSV gehört mit dieser Mannschaft nun mal in die zweite Hälfte der Fußballbundesliga. Hoffenheim, Darmstadt, Bremen, Frankfurt, Augsburg, das sind Mannschaften, die ungefähr ebenbürtig sind. Das wusste man auch vor der Saison.

Dass der HSV sich nicht weiter von den Abstiegsrängen absetzen konnte, liegt deshalb zumindest zum Teil nicht am Verein selbst: Die Bundesliga ist im unteren Bereich ausgeglichener als je zuvor. Der Elfte, Darmstadt, hat gerade einmal vier Punkte Vorsprung auf den 16., Werder Bremen.

Die gefühlte Sicherheit jedenfalls, die den HSV in den vergangenen Wochen umgab, ist nun Vergangenheit. Es geht ums Überleben. Wieder einmal.

Ist das ein Vorteil? Kann der Verein von der Erfahrung profitieren, dass er seit Jahren eigentlich nichts anderes lebt als das, was jetzt wieder kommen könnte: den Ausnahmezustand?

Gut möglich. Das ist eine der wenigen positiven Auslegungen, die vor dem Spiel gegen Werder Bremen ausfindig zu machen sind. Eine andere: die Statistik. Der HSV hat in Heimspielen gegen Bremen 27 Mal gewonnen und nur 14 Mal verloren. Auch das Hinspiel in Bremen ging 3 : 1 für die Hamburger aus.

Aber sonst? Der HSV befindet sich unglücklicherweise genau in der Phase der Saison, in der er sich endlich einmal frühzeitig retten könnte, in einem grässlichen Formtief. Die Stürmer treffen nicht, der einzige offensive Spieler, der trifft (Nicolai Müller), hat sich im letzten Spiel gegen Borussia Dortmund verletzt und wird nur angeschlagen gegen Bremen antreten können. Der Spieler, der in den vergangenen Monaten die größte Sicherheit ausstrahlte (Torwart René Adler) hat gegen Borussia Dortmund eine Rote Karte bekommen und ist gegen Bremen gesperrt. Und insgesamt betrachtet, trat die Mannschaft in den letzten Spielen derart unbeherzt auf, dass selbst jene Fans, die zwei komplette Spielzeiten unterirdischen Fußball ertrugen und trotzdem zu ihrem Team standen, es nicht mehr aushielten und die Spieler auspfiffen.

Die Spieler von Werder Bremen scheinen hingegen gerade eine andere Entwicklung zu nehmen. Sie haben vergangenes Wochenende gegen Wolfsburg gewonnen, sie haben einen Torjäger (Claudio Pizarro), der zwar für Fußballerverhältnisse sehr alt ist (37), mit 13 Toren aber immer noch einer der besten der Liga. Und sie haben die Chance, mit einem Sieg gegen den HSV endlich einmal wieder von den letzten drei Plätzen zu kommen. Das motiviert zusätzlich.

Freitagabend, HSV gegen Werder Bremen, das Nordderby, ausverkauftes Volksparkstadion. Es geht also um alles, mal wieder, um die Existenz der beiden Traditionsvereine in der Ersten Liga. Und die Fans des HSV können im Grunde nur darauf hoffen, dass ihre Mannschaft das machen wird, was sie schon so häufig in dieser Saison zeigte: genau das Gegenteil von dem, was man von ihr erwartet.