Der Autoschlosshersteller Kiekert hat eine bewegte Zeit hinter sich. Auf den Börsengang 1995 folgten "Jahre der Existenzangst", wie Vorstand Ulrich-Nicolaus Kranz es einmal ausdrückte: Der Mittelständler wehrte sich gegen Autobauer, die die Preise drückten, trat in den Lieferstreik und geriet in Existenznot. Daraufhin übernahm der britische Investor Permira das Steuer, eine jener Firmen, die Franz Müntefering mal als "Heuschrecken" brandmarkte. Später gaben sich gleich mehrere Hedgefonds die Klinke in die Hand, bis schließlich 2012 die Chinesen kamen: Heute ist North Lingyun Industrial Eigentümer. Seitdem wächst Kiekert wieder, expandiert sogar nach China und Russland. Reden mag man über all das in Düsseldorf trotzdem nicht, die Fragen der ZEIT blieben unbeantwortet.

Vielleicht war das alles ein bisschen viel für das Unternehmen, dessen Produkte fast jedes deutsche Auto abschließen, dessen Namen aber trotzdem kaum jemand kennt. Und vielleicht ist es den "chinesischen Investoren" ganz recht, wenn die Düsseldorfer über ihren neuen Eigentümer schweigen.

Darüber, dass sich asiatische Geldgeber an deutschen Firmen beteiligen, reden viele nicht gern, obwohl das immer öfter geschieht: 2015 kauften chinesische Staats- und Privatfirmen so viele deutsche Mittelständler wie nie zuvor. Grundsätzlich investieren sie schon seit einem Jahrzehnt in großem Stil und versorgten so auch Großunternehmen mit frischem Kapital. Europaweit vervierfachte China seine Investitionen innerhalb der vergangenen fünf Jahre auf 18 Milliarden US-Dollar: Sie stiegen unter anderem bei Tom Tailor, Thielert Motoren, SAG Solarstrom, Dürkopp Adler, aber auch bei O2, Pirelli und Thomas Cook ein.

Die Volksrepublik hat enorme Vermögenswerte angesammelt und will diese strategisch einsetzen. Auch in diesem Jahr stehen Medienberichten zufolge wieder zwölf deutsche Unternehmen für insgesamt 3,2 Milliarden Euro auf dem Einkaufszettel. "Kaufrausch süß-sauer" schreibt das Handelsblatt und beschreibt "das große Fressen".

Ob sie aus China kommen, aus Indien, den USA, den Niederlanden oder Luxemburg: Gerade Deutschland zieht ausländische Unternehmen an, belegen Statistiken von OECD und UNCTAD. Und das, obwohl fast nirgends die Skepsis größer ist: Rund 80 Prozent der Unternehmensentscheider sehen Übernahmen und Beteiligungen – insbesondere aus China – negativ, ergab eine Direktinvestitions-Studie des Mercator Instituts. "Der Todesstoß für die deutsche Automobilindustrie", hieß es schon 1929, als der US-Gigant General Motors den deutschen Autobauer Opel schluckte. In den 1970er Jahren wurde vor den Arabern gewarnt, in den 1990ern vor den Japanern, dann vor den Russen. Und jetzt eben vor den Chinesen.

In jedem fünften Elektronikunternehmen steckt bereits Kapital ausländischer Geldgeber. Insgesamt 14.000 ausländische Unternehmen beschäftigen hierzulande 2,6 Millionen Mitarbeiter und sorgen für 1,2 Billionen Euro Umsatz, ergeben die Zahlen von Ernst & Young, BDI und Bundesbank.

Es gebe "kaum empirische Belege dafür", dass solche Zusammenschlüsse negative Konsequenzen hätten, sagen die Autoren der Mercator-Studie, die chinesische Übernahmen seit den 1980er Jahren untersuchten. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen die Forscher der Bertelsmann-Stiftung, die chinesische Direktinvestitionen untersucht haben: "Alle bisher erfolgten Übernahmen zeigen, dass Chinesen das Ziel verfolgen, die deutschen Standorte der aufgekauften Unternehmen zu erhalten", analysiert Studienautorin Cora Jungbluth. Ebenso scheinen es indische Muttergesellschaften zu halten: "Indische Firmen haben die langfristige Wirtschaftlichkeit ihrer Auslandsengagements im Blick", heißt es in einer Untersuchung der Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing zu knapp 100 Direktinvestitions-Projekten.