Hätte ein freiheitlicher Kandidat sich diesen Ausspruch geleistet, es hätte empörte Rücktrittsaufforderungen gehagelt. Bei Irmgard Griss, der ehemaligen Höchstrichterin, wollen viele in der fragwürdigen Aussage aber lediglich einen unbedeutenden Sprachunfall sehen. "Es war nicht so, dass die Nazis von Anfang an nur ein böses Gesicht gezeigt haben", hatte die unabhängige Präsidentschaftskandidatin in einem Gespräch mit der Wiener Stadtzeitung Falter erklärt (übrigens ohne danach gefragt worden zu sein, schwurbelte sie sich durch diese kleine Geschichtslektion). In Interviews und TV-Konfrontationen rückte sie nicht von ihrer historischen Expertise ab, sondern beharrte darauf: Die Österreicher hätten 1938 eben nicht erkennen können, wohin das "verbrecherische Regime" führen werde. "Und die Wahrheit ist, dass die Menschen verführt wurden", meint Griss.

Diese Erkenntnis erinnert fatal an eine weit berühmtere Rechtfertigungssuada aus den sechziger Jahren: "Furchtbar, furchtbar das Verbrechen, wie man diese gutgläubigen Menschen in die Irre geführt hat! Der Führer hat geführt ...", erzählt der Herr Karl, als er in seinen Lebenserinnerungen gerade bei dem Blockwartetreffen angekommen ist, bei dem er dem großen Verführer in die Augen blicken durfte. Ähnlich wie die Legende, Österreich sei das erste Opfer Hitlers gewesen, ist auch dieses Märchen ein fixer Bestandteil des Nachkriegsnarrativs: Die Nationalsozialisten hätten ihre wahren Absichten verschleiert und arglose Menschen getäuscht, indem sie die kleinen Leute mit Vergünstigungen auf eine falsche Fährte lockten.

Ihre Expertise verdankt die Juristin offensichtlich den Erzählungen, die sie in der ländlichen Umgebung ihrer weststeirischen Kindheit und Jugend aufschnappte. Da mögen nach dem Zusammenbruch der völkischen Herrlichkeit die faulen Ausreden dominiert haben. Irgendwie musste man ja ein Erklärungsmuster dafür finden, eigentlich schuldlos an der schuldhaften Verstrickung in die NS-Herrschaft gewesen zu sein. Dank der Kraft der Autosuggestion glaubte letztlich eine Mehrheit wohl auch daran, es mit einer historischen Wahrheit zu tun zu haben. Irmgard Griss ist offenbar noch immer davon überzeugt.

Doch nichts könnte weiter entfernt von den historischen Fakten sein. Zu der Zeit, in der sich in Österreich eine begeisterte Willkommenskultur für deutsche Hakenkreuzler ausgebreitet hatte, ließen die Nazis nicht die geringsten Zweifel an ihren Ambitionen. In ihrer Propaganda malten sie den diktatorischen Führerstaat als irdisches Paradies aus und drohten dem jüdischen Teil der Bevölkerung, den sie für alle Übel der Welt verantwortlich machten, unverhohlen mit einem "Rassenkrieg". Im antisemitisch verseuchten Österreich der Ersten Republik stieß besonders dieser Teil des NS-Programms auf begeisterte Resonanz – lange Zeit vor dem März 1938. Auch in der Steiermark. Dort in Graz, der "Stadt der Volkserhebung", wartete das Heer der NS-Sympathisanten erst gar nicht darauf, dass die deutschen Truppen die österreichischen Grenzen von der Landkarte tilgten, sondern rissen noch in der Nacht vor dem Einmarsch die Macht an sich. Mit dem gewaltigen Raubzug der ersten "Arisierungs"-Wellen schienen sich dann ja alle Erwartungen aufs Beste einzulösen, und die derart so brutal Getäuschten huldigten dankbar ihrem Verführer.

Natürlich wusste, wer die Augen nicht verschloss, was da heraufdräute. Die streng katholische Wiener Schriftstellerin Irene Harand rechnete beispielsweise bereits 1935 mit ihrer Streitschrift Sein Kampf. Antwort an Hitler mit dem mörderischen NS-System ab und gründete eine breite, nach ihr benannte Bewegung, deren Ziel es war, der Welt die Illusion zu nehmen, man könne sich mit den Nazis arrangieren.

Schwer zu sagen, warum heute Irmgard Griss auf einer Geschichtsauffassung aus den sechziger Jahren beharrt, als die kollektive Unschuldsvermutung noch dem Wiederaufbau diente. Vielleicht ist die ehrgeizige Kandidatin nicht fähig, einen Irrtum einzuräumen, vielleicht ist sie sogar der Meinung, ihre Version der Geschichte würde sich mit der Realität decken. Und dann hätte die Juristin, die ihren eigenen Richterstand ohnehin für eine weltliche Priesterkaste hält, doch ein ziemlich dickes Nazi-Problem.