Nichts ist bequemer, als sich über Populisten zu empören. Gerade machen sie es uns wieder leicht. Zwei Frontleute der AfD erklärten den Islam für unwillkommen: Er sei mit dem Grundgesetz unvereinbar, sagte Beatrix von Storch in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Einen Euro-Islam gebe es gar nicht, ergänzte Alexander Gauland. Also: Der Islam gehört nicht zu Deutschland und auch nicht zu Europa. Hatte irgendwer etwas anderes erwartet von der AfD?

Trotzdem prangerten CDU und SPD – nebst allerhand Zeitungskommentatoren – das Offensichtliche an. Pflichtgemäß nannten sie die neue Partei xenophob, töricht, brandgefährlich, radikal. Namentlich die Positionen der AfD zum Islam seien grundgesetzwidrig. So der Religionsbeauftragte der CDU/CSU in der Welt, und er hat wohl recht. Das hilft aber nicht gegen den Erfolg der AfD. Vor allem: Es erklärt ihn nicht.

Ihr lasst uns allein im Kampf für den liberalen Islam, klagen Muslime

Ist es wirklich zu viel verlangt, dass deutsche Meinungsführer nach den tieferen Gründen einer grassierenden Islamophobie fragen – und danach, warum sie bei vielen Menschen verfängt? Die beiden Positionen, die sich im Streit über den Islam stets wiederholen, lauten: Der böse Islam ist der Aufklärung unzugänglich. Gegenposition: Der arme Islam wird missbraucht. Die demotauglichen Schlussfolgerungen lauten: Der Islam muss raus! Nein: Der Islam muss rein!

Beides ist Unsinn. Kommt man den Islamrausschmeißern mit dem Argument, die meisten Muslime in Europa seien alles andere als Demokratiefeinde, sagt die AfD: Okay, Muslime gehören zu Europa, aber nicht der Islam. Knallt es aber im Namen Allahs, rufen die Islamverteidiger: Daran ist auf keinen Fall der Islam schuld, Islamismus hat nichts mit dem Islam zu tun. Das ist als Ideologiekritik ungefähr so überzeugend wie die Behauptung, die Gulags hätten nichts mit dem Kommunismus zu tun. Und es ist gegen Populisten so wirkungsvoll wie gegen Neonazis die Ausklammerung ihrer ideologischen Beweggründe vor Gericht. Etwas mehr Mut in der Islamdebatte könnte da helfen.

Dass in Europas Moscheen ein konservativer Mainstream existiert, der anschlussfähig ist für Demokratiefeinde, das beklagen meist nur einzelne Islamwissenschaftler, die selbst Muslime sind. Dass europäische Imame, die ihre Vorgaben aus der Türkei oder Saudi-Arabien bekommen, mit der Trennung von Religion und Staat ein Problem haben, sagen auch fast nur Muslime. Es ist bitter, wenn muslimische Islamkritiker, von denen einige bei uns unter Polizeischutz leben, uns anderen vorwerfen: Ihr lasst uns im Kampf für den liberalen Islam allein.

Am Freitag nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo hieß es in großen europäischen Moscheen: Mord im Namen Allahs sei völlig inakzeptabel, doch wer den Propheten so beleidige, dürfe sich nicht wundern. Nichtmuslimische Journalisten wehrten sich daraufhin gegen den Nachdruck von Karikaturen: Man dürfe Gläubige nicht beleidigen. Einige von ihnen hatten aber nichts dagegen, Christen zu beleidigen.

Wer den Islam derart verteidigt, ist an der AfD selbst schuld. Er unterstützt Populisten, die dann über doppelte Standards und politische Korrektheit jammern. Wollen wir ihnen weiter Argumente liefern? Unvergessen jenes Wochenende 2014, als der "Islamische Staat" 50.000 Menschen aus Mossul vertrieb. Damals erregten sich deutsche Zeitungen nicht zuerst über den IS, sondern über einen verunglückten Islamkommentar des Vize-Chefredakteurs der Bild am Sonntag, Nicolaus Fest. Der hatte geschrieben, der Islam sei ein Integrationshindernis. Das zu sagen war in islamophoben Zeiten vielleicht falsch. Aber war es das Wichtigste?

Nichts ist leichter, als sich über Islamophobie aufzuregen. Nichts ist schwerer, als die Meinungsfreiheit auch beherzt gegen konservative Muslime zu verteidigen. Warum tun wir es so selten? Wir fragen nicht, wo in Europas Moscheen gegen die Freiheit gepredigt wird und wie man das mit den Mitteln des Rechtsstaates unterbindet. Wir sagen: Der Islam gehört zu Deutschland. Das ist nicht genug.

Denn: Ein freiheitsfeindlicher Islam, gar ein militanter Islamismus gehören nicht toleriert. Die Religionsgemeinschaften und – angesichts des Dschihad – ganz besonders die Muslime müssen die Selbstaufklärung ihrer Religion betreiben. Aber die Nichtmuslime müssen ihnen beistehen. Gegen die Islamophoben und gegen die Islamisten erst recht.

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