Um ihr zu gratulieren, wäre es etwas früh, denn 75 wird Irène Schweizer erst am 2. Juni. Aber die Wucht der Zahl ist mit jedem Tag mehr zu spüren. Kann ich, der ich diese grandiose Pianistin über 35 Jahre hinweg zigmal im Konzert erlebt habe, überhaupt noch ein kleines Porträt über sie schreiben? Oder muss das jetzt die große Würdigung werden, mit aller lähmenden Wucht?

Irène, hilf!

Irène hilft, indem sie einfach weiterspielt. Wie eh und je sitzt sie ernst, oft geradezu streng vor der Tastatur des Flügels, wenn sie ihre Miniaturen entwirft. Es sind Stücke von wenigen Minuten, die im Jazz wurzeln, viele Stile touchieren und in jeder Sekunde ihr Eigenes sind. Intuition, Zufall und Komplexität balanciert sie aus mit Rhythmus, Wärme und Witz. Immer wieder verblüffend ist ihre Gabe, plötzlichen Einfällen Form zu geben. Ihre Improvisationen verzetteln sich nie; sie sind von kristalliner Schärfe. Wie das, was man manchmal in den Alpen sieht beim Wandern: Mineralisches, beiläufig hingeschlagen, faszinierend glitzernd, von höherem Willen organisiert. Schweizer Berge! Sie hat das Land sogar im Namen.

Natürlich genießt sie die Aufmerksamkeit. Manchmal kokettiert sie mit dem wachsenden Interesse an ihrem Leben, dessen Verlauf sie in den vergangenen Jahren doch oft genug geschildert hat!

Die Kindheit im elterlichen Gasthof zu Schaffhausen am Ufer des Rheins, in den sie sommers heute noch steigt, mag das Wasser noch so kalt sein. Die Musik im Tanzsaal, Dixieland und Swing, mit 14 sie am Schlagzeug bei den Crazy Stokers, den Verrückten Einheizern. Später, ebenda, Studenten und Take Five. Und wie sie eines Tages zwischen ihnen am Klavier sitzt. Keine Noten. Bloß zugehört, abgekuckt, eingefühlt.

Louis Armstrong 1958 in Zürich erlebt. Dann Höhere Handelsschule, Platten von Red Garland, Horace Silver, Bill Evans, McCoy Tyner, eine Zeit in London, der Jahrzehnte währende Broterwerb als Sekretärin, die Nächte in den frühen sechziger Jahren im Zürcher Café Africana mit den Blue Notes, den schwarzen Musikern aus Südafrika, die sich ins europäische Exil geflüchtet hatten. Der Saxofonist Dudu Pukwana heiratet eine Schulfreundin von ihr.

Die Begegnung mit dem amerikanischen Pianisten Cecil Taylor 1966, nach der sie ihr Instrument monatelang nicht mehr anrühren mag, weil sie ihn als übermächtig empfindet. Ihr Weg in den Free Jazz hinein und aus dem Free Jazz hinaus, und das alles als erste und lange Zeit einzige Frau unter lauter Männern – Männern vom größten Kaliber, vom deutschen Vollalarmsaxofonisten Peter Brötzmann bis hin zum niederländischen Slapstick-Schlagzeuger Han Bennink, der allein einen ganzen Saal unterhalten kann. Ihr Engagement in den Siebzigern in der Frauenbewegung, auch musikalisch, mit Frauenbands und den ersten Solo-Alben, Wilde Señoritas und Hexensabbat. Ihr Ausflug in den Achtzigern nach New York, ihre Reisen nach Südafrika, um das Ende der Apartheid mit ihrem Perkussionistenfreund Louis Moholo-Moholo musikalisch zu feiern.

Ach, ja, und die sexuelle Orientierung. Sie hat früh gemerkt, dass sie sich nie in einen Mann verlieben wird, und das war dann auch gut so.

Irène Schweizer: Autodidaktin, Ausnahmepianistin, trommelnde Feministin, Europäerin mit transkontinentaler Ausstrahlung und nebenher immer – gegen alles Hadern mit den politischen Zuständen – Schweizerin.

Jahrzehntelang war sie im Ausland bekannter als in der Schweiz, und das will etwas heißen bei der Kleinheit der Schweiz. Gründlich hat sich das geändert. Längst hat sich das Land seiner rebellischen Tochter angenommen. Sie bekam den Kunstpreis der Stadt Zürich, sie wurde ins Luzerner KKL eingeladen, einen der besten Konzertsäle der Welt, und die Jazzfreunde ihrer Heimatstadt Schaffhausen widmen ihr zum 75. ein Festival, zu dem sie ihr zu Ehren lauter Musikerinnen eingeladen haben.

So ist sie heute in der Heimat eine allseits respektierte und angesehene Künstlerin, und dem Nachwuchs zwischen Basel und Poschiavo der lebende Beweis, wie gut das zusammengeht: Jazz und Schweiz.