Die Geißel des englischen Romans von den Gesellschaftsepen Anthony Trollopes bis zu John Galsworthys Forsyte Saga war die gesetzliche Verfügungsgewalt des Ehemannes über das Vermögen seiner Frau. Umso bemerkenswerter, dass Charlotte Brontë in Jane Eyre aus diesem entscheidenden Aspekt der ersten Heirat ihres Protagonisten Edward Rochester nicht das Geringste machte. Seine Ehe mit der westindischen Kreolin Bertha hat ihm 30.000 Pfund Sterling beschert, eine enorme Mitgift. Berthas psychische Erkrankung verleitet ihn dazu, sie in einer Dachwohnung seines Schlosses in England zu verstecken und jeden Verkehr mit ihr abzubrechen – stattdessen wendet er sich der Gouvernante Jane Eyre zu, die er am Ende, nach dem Tod Berthas, tatsächlich heiratet. Mit keinem Wort thematisiert der Roman die Möglichkeit, dass Berthas Schicksal im Falle finanzieller Unabhängigkeit ganz anders hätte verlaufen können.

Doch genau diese Frage stellt die auf der westindischen Insel Dominica geborene britische Autorin Jean Rhys 1966 ins Zentrum ihres Romans Die weite Sargassosee. Sie imaginiert Berthas jamaikanische Vorgeschichte, ihre Kindheit und ihre Flitterwochen mit einem englischen Adligen. Schon dass die Heldin bei ihr Antoinette heißt und erst von ihrem Gatten in Bertha umgetauft wird, verrät einiges über die Demütigungen, die eine solche interkulturelle Heirat inklusive Umzug nach England bereithalten konnte. Rhys lädt ihre Geschichte bis zum Rand mit Spannungen auf. Antoinette ist Tochter einer kreolischen Mutter und eines britischen Plantagenbesitzers und Sklavenhalters. Ihr schwarzes Kindermädchen Christophine war ein Hochzeitsgeschenk des Vaters an die Mutter. Als der Abolition Act 1833 zur Aufhebung der Sklaverei führt, lebt der Vater nicht mehr. Der Frauenhaushalt, in dem Antoinette aufwächst, leidet unter dem Mobbing durch schwarze Jamaikaner, "weiße Kakerlak" ruft man der Tochter nach. Nach der Wiederverheiratung ihrer attraktiven Mutter mit einem reichen Briten wird die Plantage von Schwarzen niedergebrannt.

Vor der vom Stiefvater angebahnten Ehe mit einem mittellosen englischen Adligen – Brontës Rochester – schreckt Antoinette zurück, doch es gelingt dem Stiefvater, ihre Zweifel zu zerstreuen. Dennoch verwandeln sich schon während der Hochzeitsreise in ein idyllisches Dorf der Dominikanischen Republik die ehelichen Finanz- in Machtverhältnisse. Überfordert von der tropischen Natur, dem sexuellen Freimut seiner Frau und dem eigenen Begehren, beginnt der Gatte Antoinette zu dämonisieren. Panisch mustert er andere Kreolinnen: "Werden ihre Augen kleiner, wenn sie älter werden? Kleiner, knopfartiger, wissbegieriger?" Neid auf die arrivierte Kreolin unterminiert die Ehe und führt zu Verleugnungsintrigen. Alles, was Antoinette zu ihrer Verteidigung vorbringt, trifft auf ein tiefes Misstrauen ihres Mannes, das sie in Verzweiflung stürzt und schließlich in den Wahnsinn treibt. Als Antoinette zu traditionellen magischen Praktiken der Voodoo-Kultur Zuflucht nimmt, um ihren Mann für eine Nacht ins Ehebett zurückzubringen, wird sein Hass absolut.

Die weite Sargassosee ist ein Roman im Geiste der experimentellen Literatur. Er arbeitet mit Perspektivwechseln, Zeitsprüngen, Stream-of-Consciousness-Partien. Neben Antoinette werden die Erzählpassagen von ihrem Mann und ihrer späteren Pflegerin in England bestritten. Anders als in Jane Eyre ist Antoinette alias Bertha bei Jean Rhys kein Monster. Noch in ihrem britischen Dachgefängnis ist sie phasenweise im Vollbesitz ihrer Urteilskraft. Das perspektivische Erzählen verschafft Zugang zu den Seelenqualen und Ängsten der Protagonisten. Antoinette verschmäht den klugen Rat ihres schwarzen Kindermädchens, weil sie in einer Amour fou an ihrem Mann hängt. Er wiederum ist zu verklemmt, um sich zu ihrer sinnlichen Anziehungskraft zu bekennen. Dabei war gerade die erotische Ausstrahlung Rochesters das Unerhörte an Jane Eyre. Die Faszination, die Charlotte Brontës Heldin für Rochester empfindet, bewegte die Autorin, das Buch anonym zu publizieren.

In der feministischen Literaturkritik wurde ihre "Verrückte auf dem Dachboden" als Allegorie der emanzipierten Frau interpretiert. Bertha fungiert da als Jane Eyres Alter Ego, die Personifikation einer Frau, die Forderungen stellt, Gewalttätigkeit nicht verschmäht und sexuellen Hunger kennt. Lange Zeit hat man solche Qualitäten auf exotische Frauen projiziert. Klaus Theweleit dachte diese Ökonomie in Männerphantasien für das 20. Jahrhundert weiter. Doch auch eine so subversive Schriftstellerin wie Charlotte Brontë hat sich der exotischen Carte blanche bedient, um das weibliche Triebleben in eine Form zu gießen. Die in Kalkutta geborene Literaturwissenschaftlerin Gayatri Spivak beschrieb Brontës Bertha als eine, die "als wahnsinniges Tier für das Zusammenwachsen ihrer weißen Schwestern geopfert wird".

Es brauchte Jean Rhys, um darauf hinzuweisen, dass Phantasmen dieser Art reale Folgen für Frauen in und aus den Kolonien hatten. Die weite Sargassosee ist ein trauriges Buch. Was darin am meisten fasziniert, sind die Beschreibungen der wild-üppigen Natur: Falter, groß wie Vögel, Orchideen, die ihre schlangengleichen Stängel wie Teppiche überwuchern, und ein Sternenhimmel, dessen intensives Licht scharfe Schatten auf das Paar auf der Veranda wirft. Die Szenarien sind gespeist von Jean Rhys’ persönlicher Erinnerung an eine Kindheit, die glücklicher als ihr späteres, vom Alkohol belastetes Leben in Europa war. Auch Trommeln in der Nacht hat sie noch gehört. In der Inkubationszeit ihres Romans verkündete Marshall McLuhan das Ende der Gutenberg-Ära und die Rückkehr der Stammesmusik in Form des Radio-DJs. Doch bei Jean Rhys haben die Trommeln nichts von dessen jugendbewegter Gutmütigkeit. Sicher ist man nirgends, sagt ihre Weite Sargassosee, und das Glück ist eine vom Irrsinn der Statuskämpfe bedrohte, fragile Anomalität.

Jean Rhys: Die weite Sargassosee. Roman; aus dem Engl. neu übersetzt von Brigitte Walitzek; Schöffling & Co., Frankfurt/Main 2015; 230 S., 21,95 €