Wie viel Freiheit braucht der Mensch? Wenn der zwölfjährige Max bei seinen Eltern ist, hat er Platz. Er hüpft, rennt von der Küche in sein Zimmer. Ein Samstagvormittag in München. Wie an jedem zweiten Wochenende ist Max zu Hause. Während seine Eltern mit der ZEIT sprechen, läuft der Sohn unruhig umher. Dauernd kommt er an den Tisch, stößt Laute aus, nimmt sich einen Keks, läuft los, beißt ab, legt den Keks irgendwo ab, kommt zurück, greift wortlos einen neuen. Max spricht nicht, er ist Autist.

Sein Vater erklärt, sein Sohn könne Gefahren nicht einschätzen. Deshalb ist die Herdplatte abgedeckt, die Fenster sind gesichert, die Haustür ist abgeschlossen. Die Mutter erzählt, dass kein Kindergarten und keine Schule ihren Jungen aufnehmen wollten. Davon, wie sie immer wieder alles stehen und liegen lassen und Max abholen musste, weil er andere Kinder gebissen hatte, schrie und tobte. Davon, wie sie nächtelang nicht schliefen, weil das Kind außer sich war. Wie sie irgendwann nicht mehr konnten. Dann, sagt sie, haben wir uns entschieden, Max in ein Heim zu geben.

Diese Entscheidung war schwer, schwerer noch war es, ein Heim zu finden, das ihren Sohn aufnahm. Etwa 70 Kilometer von München entfernt, im Franziskanerinnenkloster von Au am Inn, wurden sie fündig. Im neu gebauten Haus Maria war ein Platz in der "geschlossenen Gruppe" frei.

Soll ein Minderjähriger in einer geschlossenen Unterbringung leben, in einem Heim für geistig behinderte Kinder etwa, muss ein Richter seine Zustimmung geben. Er muss das Kind kennenlernen und die Einrichtung besichtigen. Ein Arzt muss ein Gutachten schreiben und ein Verfahrensbeistand sich vergewissern, dass die Rechte des Kindes gewahrt sind. Erst wenn dies alles geschehen und der Richter der Meinung ist, die freiheitsentziehende Maßnahme diene dem Wohl des Kindes, darf es ins Heim gebracht werden. Auch bei Max hat ein Richter 2012 zugestimmt, dass es für ihn das Beste sei, im Kinderheim Haus Maria zu sein.

Im Frühling 2012, kurz nachdem Max ins Heim gekommen war, beschloss Franz Kurzmeier, etwas zu tun. Er ist Heilerziehungspflegehelfer, vorher war er Maurer, drei Jahre erst arbeitet der heute 51-Jährige in seinem neuen Beruf, im Januar 2012 fing er im Haus Maria an.

Kurzmeier ist die Nachtwache. Seine Schicht geht von 21.45 Uhr bis 6 Uhr früh. Zuerst erlebte er, wie Kinder in ihr Zimmer eingesperrt wurden. "Die brauchen Struktur", erklärte ein Kollege. Ihm kamen Zweifel. Nachteinschluss ist von circa 19.30 bis 6.30 Uhr. Elf Stunden. Ziemlich lang, fand Kurzmeier. Aber er war nicht sehr erfahren. Vielleicht, dachte Kurzmeier, kenne ich mich bloß nicht aus. Auch Max, der nachts immer unruhig ist, wird abends in sein Zimmer geschlossen. Kurzmeier hörte, wie der Junge gegen die Tür polterte, schrie. Kurzmeier sah, wie Kinder in Kastenbetten schlafen sollten, käfigartigen Holzverschlägen mit Luftlöchern und zwei Riegeln, die von außen verschließbar sind. "Es gab Kinder", sagt Kurzmeier, "die haben eine halbe Stunde gejammert."

Auch Max, erinnert sich Kurzmeier, schlief einige Nächte in so einem Kasten, schlug gegen die Wände. Er habe sich nicht befreien können. Das Bett, behauptet der Geschäftsführer des Heims, Alois Haslberger, in einer schriftlichen Stellungnahme, lasse sich von innen sehr wohl öffnen, es sei eine "tolle Höhle". Man müsse nur geschickt durch die Grifflöcher fassen und die Holzhebel umlegen. Das Kind, so Haslberger, könne damit gut umgehen. Allein im Dunkeln? Ein behindertes Kind?

Kurzmeier ist neu im Beruf, hat aber schon vor dem Haus Maria mit geistig behinderten Kindern gearbeitet, er weiß, dies ist kein leichter Job. Die Kinder sind hyperaktiv und werden aggressiv. Aber sie die ganze Nacht einzupferchen, einige sogar in einem sargähnlichen Bett? "Ich war schockiert, ich konnte das nicht fassen." Kurzmeier sprach mit Kollegen und der Heimleitung. Die fanden alles normal. Mehr noch: Von ihnen erfuhr er, dass die Kinder auch tagsüber öfter eingesperrt werden. Pausezeiten nennt sich das. Immer wieder spricht er die Heimleitung aufs Einsperren an – dann endet seine Probezeit und wird nicht verlängert.