Marokko im Jahr 2013. Heiß brennt die Sonne auf die Oasenstadt Erfoud, durch deren Gassen Nizar Ibrahim schlendert. Menschen in langen, hellen Gewändern gehen durch die staubigen Straßen, sie tragen Turbane auf dem Kopf. Es sind Beduinen, Wüstenbewohner, die hier in der marokkanischen Sahara leben. Ibrahim schaut jeden genau an: Ist das vielleicht der Mann, den er so dringend sucht? Oder der dort drüben?

Nizar Ibrahim ist Dinosaurierforscher. Er will einen Beduinen wiederfinden, der ihm vor einiger Zeit einen Pappkarton voller Knochen verkauft hat. Zu welchem Tier die Knochen gehörten, wusste Ibrahim damals nicht. Ihm war aber eine rote Linie aufgefallen, die sich durch alle Knochen zog. "Das sah interessant aus", sagt Nizar heute. Deshalb hatte er die Knochen der Universität von Casablanca gegeben, das ist eine große Stadt in Marokko. "Danach habe ich nicht mehr an den Mann gedacht."

Bis jetzt. Denn inzwischen ist ihm klar geworden, was für eine Sensation er damals in den Händen gehalten hat. Die Knochen in dem Karton gehörten dem größten Raubsaurier, der je gefunden wurde: dem Spinosaurus. Der lebte vor etwa 100 Millionen Jahren und benahm sich ungewöhnlich für einen fleischfressenden Saurier: Er jagte vor allem im Wasser. Für einen Saurier konnte er nämlich ausgezeichnet schwimmen. Wer ihm heute beim Baden begegnen würde, bekäme einen riesigen Schreck: Bis zu 18 Meter lang wurde er und wog so viel wie 14 Autos. Sein Kopf sah ein wenig aus wie der eines Krokodils, dann der lange Hals und das riesige, biegsame Rückensegel – ein beeindruckendes Tier.

Schon vor über 100 Jahren war ein deutscher Wissenschaftler in Marokko bei Ausgrabungen auf Spino-Knochen gestoßen, er hat dem Tier seinen Namen gegeben: "Dornenechse" lautet er übersetzt, wegen der spitzen Knochen (Dornfortsätze genannt), die aus seiner Wirbelsäule wachsen und an denen das Rückensegel aufgespannt ist. Der Wissenschaftler stellte seine Funde in einem Münchner Museum aus. Bei einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg wurden sie zerstört. So gab es lange Zeit nur Zeichnungen von dem größten je entdeckten Raubsaurier, keine Modelle oder Fotos. Sonst hätte Nizar Ibrahim die Knochen im Karton auch sofort erkannt, schließlich hat er schon als Kind Bücher über Dinosaurier gelesen. Die Tiere haben ihn so sehr fasziniert, dass er später Paläontologe wurde. Paläontologen sind Wissenschaftler, die an bestimmten Orten auf der ganzen Welt versteinerte Knochen ausgraben, sogenannte Fossilien.

Ibrahim, der halb Deutscher ist und halb Marokkaner, ist meist in der Sahara auf der Suche nach solchen Fossilien. Heute gibt es dort vor allem Skorpione und Schlangen. Vor vielen Millionen Jahren aber flossen große Flüsse durch das Gebiet. Deshalb hat Ibrahim hier schon viele Überreste von Fischen gefunden, "so groß wie Autos!", erzählt er. "Und Knochen von Krokodilen, so lang wie ein Schulbus." Für den Spinosaurus, der vor allem Fische fraß, muss die Sahara ein Schlaraffenland gewesen sein.

Dass die Knochen im Pappkarton zu ebendiesem fischfressenden Riesensaurier gehören mussten, erkannte Ibrahim erst fünf Jahre nach der Begegnung mit dem Beduinen. In einem italienischen Museum sah er Teile des Skeletts eines Dinosauriers, die von einem Rückensegel stammen mussten – einem Rückensegel, wie der Spinosaurus es trug. Dann sah er, dass alle Knochen eine rote Linie durchzog – genau wie die Knochen aus dem Karton. Die Knochen aus dem Museum und die Knochen aus dem Karton könnten also vom selben Tier stammen.

Nizar Ibrahim wollte nun unbedingt weitere Teile des Skeletts finden und sie zusammensetzen. Es gab nur einen Weg: Er musste den Mann mit dem Pappkarton finden. Nur der würde ihm die Fundstelle zeigen können.

Also reist Ibrahim im Jahr 2013 wieder nach Marokko. Tagelang streift er durch die Oasenstadt Erfoud, auf der Suche nach dem Beduinen. Jetzt sitzt er mit zwei Kollegen in einem Café. Morgen wird er die Suche aufgeben, sie scheint aussichtslos. Er kennt ja noch nicht einmal den Namen des Mannes! Alles, was er weiß, ist: Der Mann trug einen Schnurrbart und weiße Kleidung. Das tun hier aber fast alle! Außerdem gibt es in Marokko viele Knochensammler. Zehntausende Menschen graben nach Fossilien von Dinosauriern, in Erfoud gibt es sogar Geschäfte, in denen Touristen und Sammler kleine Fossilien wie Haizähne kaufen können. Niedergeschlagen nippt Ibrahim an seinem Minztee. War die ganze Suche umsonst?

Da geht ein Mann an seinem Tisch vorbei. Ibrahim blickt kurz hoch. Dieses Gesicht ... Eilig springt er auf und läuft dem Mann hinterher. Und tatsächlich: Es ist der Beduine, der ihm den Karton mit den Knochen verkauft hat!

Der Mann führt die Paläontologen zum Ausgrabungsort. Dort finden sie Hunderte Knochenteile, alle mit der gleichen roten Linie. Die stammt von der Farbe des Sandsteins, der sie umgibt. Die rote Erdschicht hat auf die Knochen abgefärbt und durchzieht sie jetzt wie ein Band. Sorgsam werden die Fossilien nun ausgegraben, mit Pinseln gereinigt und an die Universität von Chicago gebracht, an der Nizar Ibrahim arbeitet. Dort werden sie genau untersucht. Nach und nach setzen die Wissenschaftler die vorhandenen Teile zusammen, die fehlenden Knochen werden rekonstruiert. Es ist das größte Saurierpuzzle aller Zeiten.

Das rekonstruierte Skelett des Spinosaurus ist noch bis zum 12. Juni im Berliner Naturkunde-Museum zu sehen