Hundertfünfundfünfzig. Die Vereinten Nationen in New York freuten sich schon vor der Zeremonie zur Unterzeichnung des Klimavertrags am Freitag: Nie zuvor seien so viele Staaten bereit gewesen, eine UN-Konvention vom Fleck weg zu unterschreiben. Die 155 Unterschriften sind unstrittig historisch. Ist es das Abkommen auch?

Erinnern wir uns an Paris. Als da im vergangenen Dezember am Ende des Weltklimagipfels eine Einigung stand, überwog zunächst die Erleichterung, dass eine Enttäuschung wie 2009 in Kopenhagen vermieden worden war. Und inhaltlich? Da sprachen plötzlich alle von "Anfang", "wichtigem Schritt" und "Prozess". Inzwischen sind die Grenzen und Schwächen der Einigung ausgiebig analysiert worden.

Es stimmt ja, dass aus heutiger Sicht für das Zwei-Grad-Ziel (also die Erwärmung bis 2100 auf zwei Grad zu begrenzen) die Zeit schon arg drängt. Und dass eine Dekarbonisierung (also eine Abkehr von fossilen Energieträgern), die das Abkommen für irgendwann Mitte des Jahrhunderts vorsieht, dann schon viel zu spät sein könnte. Die noch ambitioniertere Obergrenze von 1,5 Grad ("falls möglich") finden wohl nur Optimisten realisierbar. Ach ja, dann lässt das Abkommen auch noch Fliegerei und Schifffahrt außen vor, die global so viel Treibhausgas emittieren wie der Top-Verschmutzerstaat Nummer fünf, Japan.

Trotzdem nährt die New Yorker Tinte auf dem Pariser Papier die Hoffnung, für künftige Generationen lasse sich die Erderwärmung wenigstens abschwächen. Weil das Abkommen weniger eine Lösung bietet als ein Prozedere. Weil es nicht den einen großen Wurf versucht, sondern einen Weg für Jahrzehnte vorzeichnet. Und damit bringt es eine neue Automatik (man könnte auch sagen: eine Bürokratie) hervor. Alle Vertragsstaaten verpflichten sich öffentlich auf Klimaziele und melden ihre Fortschritte an die UN. Vorgesehen ist dann, alle fünf Jahre die Fortschritte zu vergleichen, um nachzujustieren.

Justieren wird da wohl heißen: verschärfen. Erstens, weil gegenwärtig zu wenig Emissionen reduziert werden. Zweitens, weil die Natur noch einige Ungewissheiten für uns bereithält. Gerade diskutieren Klimaforscher über eine beschleunigte Erwärmung. Bald vielleicht über eine Zunahme der Eisschmelze. Oder über Methan aus Sibiriens Permafrost. Oder die Klimasensitivität. Auf solche Überraschungen sollten die 155 Unterzeichner gefasst sein.

Wenn dann im nächsten Schritt (etwa 2020 in Doha) noch Strafen für die Nichteinhaltung einer Verpflichtung dazukämen, wäre plötzlich eine schöne Mechanik in der Welt, um die Staaten zu langfristigem Klimaschutz zu bewegen.

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