Sie hausen in Verschlägen und Lagerhallen und warten auf gutes Wetter: Flüchtlinge, die sich in den Küstenorten Libyens für ihre Überfahrt nach Europa bereithalten. Mindestens 145.000 sollen es laut Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sein, Brüsseler Diplomaten sprechen sogar von einer halben Million. Fest steht: Es sind viele. So viele, dass Europas Politiker seit Tagen mit den nordafrikanischen Regierungen darüber beraten, wie sich eine neue Massenflucht über das Mittelmeer verhindern ließe. Sie wollen Soldaten und Polizisten ausbilden, um die Region zu befrieden und die Grenzen zu kontrollieren. Sie wollen den Marineeinsatz vor der libyschen Küste ausweiten. Einige fürchten, von Libyen aus könnten neben Flüchtlingen auch islamistische Terroristen nach Europa kommen. Über eines aber hat in den vergangenen Tagen kaum jemand öffentlich gesprochen: über den drohenden Kollaps der libyschen Wirtschaft.

Und doch ist die katastrophale Wirtschaftslage einer der wichtigsten Gründe für Flucht und Terror. Sie ist das drängendste Problem des Landes. Als der deutsche Diplomat und UN-Sondergesandte Martin Kobler seine Arbeit in Libyen aufnahm und durchs Zentrum von Tripolis spazierte, hörte er von den Leuten auf der Straße mehr Beschwerden über die libysche Wirtschaft als über den "Islamischen Staat".

Für Europa hätte der Kollaps ernste Folgen. Noch mehr Terroristen könnten von Nordafrika Besitz ergreifen – und noch mehr Flüchtlinge über das Mittelmeer kommen. Wenn es den Politikern und Diplomaten der EU dagegen gelänge, die libysche Wirtschaftskrise zu entschärfen, könnten sie nicht nur deren Symptome eindämmen: Flucht und Terror. Sie würden auch zwei zentrale Probleme lösen helfen, die dem Frieden in Libyen im Wege stehen: Sie könnten den Haushalt ausgleichen. Und die Einheitsregierung stärken.

Libyen ist ein relativ reiches Land, zumindest im Vergleich zu anderen afrikanischen Staaten. Es hat wenig Einwohner – etwa sechs Millionen – und viele Öl- und Gasfelder. Unter dem ehemaligen Diktator Gaddafi lag das Pro-Kopf-Einkommen des Landes bei etwa 10.000 Dollar, viel höher als in den Nachbarländern.

Der Ölreichtum und Gaddafis Politik der offenen Grenzen in Afrika hatten Hunderttausende Gastarbeiter angelockt. Auch damals schon gab es Flüchtlinge, die Libyen lediglich als Transitland nutzten und nach Europa weiterwollten. Die überwiegende Mehrheit der Migranten blieb aber im Land. Sie jobbten in Hotels, im Einzelhandel, auf dem Bau, als Putzkräfte.

Das Problem ist: Libyens Wirtschaft stützt sich fast ausschließlich auf die Erdölförderung. Der Ölpreis aber ist gesunken – er beträgt nur noch rund ein Fünftel des Preises, der Libyen einen ausgeglichenen Staatshaushalt sichern würde. Auch die Menge des geförderten Öls ist in den vergangenen Jahren gesunken. Kämpfe zwischen verfeindeten Milizen und Angriffe des "Islamischen Staats" auf die Förderanlagen machen die Ölgewinnung schwer. Die Produktion beträgt im Vergleich zur Zeit von Gaddafi nur noch ein Fünftel, etwa 300.000 Barrel pro Tag. Das hat den Staatshaushalt ruiniert.

Die Währungsreserven haben sich in nur zwei Jahren halbiert, der Nachrichtendienst Bloomberg schätzt sie auf gerade mal 50 Milliarden Dollar. Bleiben die Staatsausgaben gleich, würden die Reserven lediglich noch für zwei oder drei Jahre ausreichen.

Das Polster für schlechte Zeiten ist also weggeschmolzen. Die Ausgaben sind explodiert. 200.000 Milizionäre hat Libyen zumindest auf dem Papier in die staatlichen Sicherheitskräfte integriert, sie werden jetzt vom Staat bezahlt. Zusätzlich zu all den anderen Arbeitnehmern – die Mehrheit der libyschen Erwerbstätigen arbeitet im öffentlichen Dienst. Auch deshalb hatte der IS bislang Mühe, in Libyen Einheimische zu rekrutieren. Genau das könnte sich nun ändern. Wenn der Staat kein Geld mehr hat, um seine Angestellten zu bezahlen, könnten sie sich anderen Arbeitgebern zuwenden: Terrorgruppen wie dem IS.

Ein ökonomischer Kollaps würde außerdem den Druck auf die Flüchtlinge erhöhen, und zwar gleich auf zweierlei Weise: Wenn mehr Menschen ihr Geld bei Terrorgruppen und Milizen verdienen, könnte die Gewalt weiter zunehmen – und mehr Menschen in die Flucht schlagen. Und jene Staatsbediensteten, die bald arbeitslos sein könnten, werden sich die Dienstleistungen der Gastarbeiter nicht mehr leisten können. Dann würden viele Wirtschaftsmigranten ihre Arbeit verlieren – und versuchen, statt in Libyen in Europa ihr Geld zu verdienen.

Im Jahr 2013, zwei Jahre nach dem Ausbruch des Bürgerkrieges, lebten laut der Beratungsfirma Altai Consulting noch etwa 1,7 Millionen Migranten in Libyen. Damals flohen pro Jahr nur ein paar Zehntausend von ihnen über das Mittelmeer nach Europa. 2014 dann stieg die Zahl der Flüchtlinge aus Libyen auf fast 200.000 an. 2015 lag sie ähnlich hoch. In diesem Jahr nun könnten sogar noch mehr Menschen fliehen. Im März 2016 kamen laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk viermal mehr Menschen aus Libyen über das Meer als im März 2015.