Lieber Winfried,

gestern fuhr ich mit einem iranischen Taxifahrer zum Flughafen in Hamburg, und es entwickelte sich ein fast philosophisches Gespräch. Er war sich sicher, dass wir alle die Fähigkeit haben, die Zukunft vorauszusehen – mit der "richtigen Beziehung zur Seele" ginge das, so meine Verkürzung seiner wortreichen, aber durchaus bleibenden Eindruck hinterlassenden Darstellung. Ich widersprach, denn alles, was er sagte, erschien mir doch sehr "unnaturwissenschaftlich", und ich mutmaße auch, dass die Geschichte – im Großen wie im Kleinen – sicher anders abgelaufen wäre, wenn es eine solche Fähigkeit zur Voraussicht gäbe. Aber klar, widerlegen konnte ich ihn nicht, er mich aber auch nicht. Und vielleicht kam es gerade dadurch zu einer gleichsam freundschaftlichen Verabschiedung.

Kaum stand ich im geschäftigen Airport, drehte sich der Gedanke des Gesprächs in meinem Kopf quasi um. Die Zukunft vorauszusehen ist kaum möglich (außer bei der Wetterprognose natürlich, jagte es mir kurz durch den Kopf, und ich musste schmunzeln). In die Vergangenheit zu schauen aber, das geht leicht. Und plötzlich sieht man zig Momente, die letztendlich vorherbestimmt haben, wie das heutige Leben läuft – also aus damaliger Sicht die Zukunft. Und Du, lieber Winfried, merkst es wahrscheinlich selbst, worauf es nun hinausläuft: Du warst so ein Moment in meinem Leben. Stell Dir vor, ich hätte als Kind nicht vorwiegend auf meinem Kettcar gesessen und wäre nicht vor Eurem Häuschen auf und ab gefahren. Dann hätte ich nie gesehen, wie jemand ein echtes Motorflugzeug – zerlegt auf einem Anhänger – geliefert bekommt und vor meinen vor Faszination weit aufgerissenen Kinderaugen mit dem Zusammenbau beginnt.

Dann hätte ich nie gefragt, ob ich mal mitfliegen darf, und Du hättest mich nie mitgenommen. Ich hätte nie von Dir lernen können, mit welch ansteckender Begeisterung sich jemand einem Thema widmen und davon etwas weitergeben kann. Bei mir entwickelte sich als "mein Thema" über die eigene Liebe zur Fliegerei schließlich die Leidenschaft für das Wetter. Heute versuche ich, das mit derselben Freude weiterzugeben, die ich immer bei Dir erlebt habe. Um den Kreis nun zu schließen: Hast Du damals geahnt, was aus dem kleinen Jungen aus der Nachbarschaft wohl werden würde? Wenn ja, dann würde ich doch noch mal meinen iranischen Taxifahrer anrufen ...

Dein Sven

Sven Plöger, 48, ist Meteorologe. Er präsentiert das Wetter in der ARD