Seit drei Wochen strömen die Pariser jeden Abend auf ihren Platz der Republik, zu der ihnen vertrauten Marianne-Figur. Sie kommen, um die neue antikapitalistische Protestbewegung Nuit debout, die "Aufrechten der Nacht", zu bestaunen. 20.000 Menschen besuchen jedes Wochenende den Platz. Unter ihnen Konservative, wie der Philosoph Alain Finkielkraut, und prominente Gäste, wie der ehemalige griechische Finanzminister, Yanis Varoufakis. Doch vor allem kommen viele normale Pariser, jung und alt, wie gewöhnlich gut gekleidet, denn was ihnen geboten wird, ist außergewöhnlich. So viel besser als all die Talk-Runden im Fernsehen. So viel authentischer als jedes Politikerinterview: nämlich Politik zum Anfassen, auf der Holzbühne, unverhüllt und engagiert.

Paolo Sandoz spielt nicht den Revolutionär, nein, er ist es, will es zumindest sein. Paolo: 19 Jahre, Philosophiestudent, Vater Kommunist, dunkle Locken, große Augen. Er spricht auf der Holzbühne unter der Marianne für die "Kommission Generalstreik" von Nuit debout. Was er sagt, ist gar nicht so wichtig. Aber er tanzt auf der Bühne, starrt die Menge vor ihm an, hebt die Arme, will die Leute mitreißen – und tut es. Brausender Applaus. Paolo sieht aus wie Antonio Banderas als junger Revolutionär. Doch Paolo selbst, das macht ihn so attraktiv, weiß nicht um seine Wirkung. Er hat nur eines im Kopf, einen verwegenen Plan: Er will Flugblätter vor den Renault-Fabriken verteilen, wie die Studenten im Mai 1968. "Wenn wir morgen früh bei Renault hundert Leute sind, ist das schon super", sagt Paolo, die Locken im Gesicht.

So viele werden sicher nicht gekommen sein. Aber trotzdem: Der junge Generalstreik-Prophet verkörpert die verführerische, ungezähmte Kraft von Nuit debout. Endlich ist die Jugend wieder auf der Straße und politisch engagiert! Und viele Pariser denken: Besser links als beim Front National. Da klatschen auch Eltern und Großeltern gern mit. Zumal es auf dem Platz der Republik so ungeheuer demokratisch zugeht. Jeder kann an der Generalversammlung von Nuit debout, die täglich um 18 Uhr beginnt, teilnehmen und mit abstimmen. Jeder kann dort für zwei Minuten das Wort ergreifen. Er muss nur Geduld und körperliche Ausdauer mitbringen. Denn die Versammlungen dauern viele Stunden, und vor der Holzbühne hocken die Leute auf nacktem Stein. Oft regnet es, doch nur wenige gehen. Unheimlich diszipliniert läuft das Programm. Schon am frühen Nachmittag treffen sich die Kommissionen in Sitzkreisen auf dem großen Platz: "Kommission Zeichnen", in der Maltalente gefragt sind. "Kommission Öko", die nicht über Ökologie, sondern über Ökonomie spricht. "Kommission Feminismus", in der Frauen unter sich bleiben.

Die 42-jährige Pariser Theaterkünstlerin Valérie Chatain hat sich die "Kommission Migranten" ausgesucht. Sie berichtet dort von eritreischen und sudanesischen Flüchtlingen, die nahe der Pariser Metrostation Stalingrad unter einer Brücke kampieren – "in ihrem Urin", klagt Chatain. Sie und einige ihrer Nachbarn bringen ihnen Essen und Decken, doch offiziell kümmert sich niemand um sie. "In Deutschland gibt es Aufnahmestationen für Flüchtlinge, bei uns nicht. Sie landen alle notgedrungen auf der Straße", sagt Chatain. Sie schlägt der Kommission vor, eine Liste von Forderungen an die Regierung aufzustellen. Später spricht sie im Namen der Kommission vor der Generalversammlung und bekommt großen Zuspruch. Chatain ist außer sich: Nie hat sie vor so vielen Menschen gesprochen und solches Herzklopfen gehabt. "Hier erhebt sich ein Wind, der jedem das Wort erteilt", beglückt sie sich an ihrem unverhofften Auftritt. Dann holt sie ihr Fahrrad und fährt nach Hause zu Ehemann und sechsjährigem Sohn.

Doch Chatain bildet mit ihrem handfesten Flüchtlingsengagement die große Ausnahme bei Nuit debout. Die meisten Akteure reden über die Leiden im Kapitalismus. "Wie man der Logik der Konkurrenz entkommt" lautet ein beliebtes Thema. Vom Basiseinkommen für alle ist viel die Rede. "Ich will nicht mein Leben verlieren, indem ich zu den Gewinnern zähle", heißt einer der populärsten Wahlsprüche des Protests. Im Grunde klingt das alles ziemlich selbstbezogen, wirkt ängstlich – wie ein französisches Lüftlein, das sich mit dem Sturm der Globalisierung nicht messen kann.

Der Auftritt von Varoufakis vor der Generalversammlung am Samstag ist für die neue Bewegung entlarvend. Nicht weil man auch ihn nur wenige Minuten reden lässt – das hat Stil! Sondern weil man unter den vielen schlauen Studenten auf dem Platz keinen guten Übersetzer für ihn findet, obwohl er, der früher Professor in Großbritannien und den USA war, in sehr leicht verständlichem Englisch redet. Genau das aber zeichnet die französische Jugend eben auch aus: Sie spricht immer noch kein leidliches Englisch.

Kein Wunder, dass sie nicht zu den Gewinnern im Kapitalismus zählt.

Fast tun einem diese französischen Studenten leid: Man weiß sie an großem historischen Ort. Man versteht ihre Systemkritik, die für die Identitätsbildung jedes jungen Menschen richtig und wichtig bleibt. Aber das alles hilft ihnen nicht mehr weiter wie im Mai 1968, als die ganze Welt noch in Ehrfurcht vor Frankreichs revolutionärer Tradition auf die Pariser Studenten starrte. Nein, Paolo Sandoz wird kein neuer Daniel Cohn-Bendit sein, auch wenn er davon träumt.

Am Ende der langen Samstagnacht auf dem Platz der Republik behält ausgerechnet der alte Finkielkraut recht, den ein paar rabiate Demonstranten ohne Zustimmung von Nuit debout auch noch auf unfeine Art und unter vielen Beschimpfungen vom Platz jagen.

Anschließend befindet der Philosoph, in Frankreich so bekannt wie ein Showstar: "Nuit debout bleibt unter sich." Genau das aber ist zu befürchten. Denn tatsächlich spiegelt der Protest das Land: Frankreich fürchtet sich heute mehr vor der Welt, als dass es sie noch verändern will. Nur darf man dem jungen Paolo dafür am allerwenigsten die Schuld geben.