Eine Zeitungsnotiz, das war der Anfang. Versteckt zwischen allerlei Neuigkeiten über Straßenbaupläne in Wandsbek las Jens Kürsten eine Nachricht, die er zunächst kaum verstehen, dann kaum glauben und schließlich nicht fassen konnte. Die Walddörferstraße, seine Walddörferstraße, an der er mit seinen vier Mitarbeitern seit 48 Jahren seinen Kartonhandel betreibt, soll – was werden? Eine Fahrradstraße?

Durch einen Anruf in der Hamburger Verkehrsbehörde erfuhr er von der Existenz eines "Fachamts Management des öffentlichen Raums", dort sei er dann zu sechs oder sieben unterschiedlichen Stellen weitergeleitet worden. "Die meisten haben gesagt, schreiben Sie mir mal eine E-Mail." Das war kurz vor Weihnachten.

Was macht ein Mann, der viel Erfahrungen mit Kartons, aber wenig mit Protest hat, in einer solchen Lage? Er wendet sich an eine Seniorenrunde aus Wirtschaftsberatern im Ruhestand. Er meldet sich bei der Handelskammer, die seien die Ersten gewesen, die ihm überhaupt zugehört hätten, sagt Kürsten. So beginnt ein Streit, der inzwischen der heißeste Konflikt der Hamburger Verkehrspolitik ist.

Hamburg wird, so steht es im Koalitionsvertrag der rot-grünen Regierung, eine "Fahrradstadt", gerade handelt das Land mit unterschiedlichen Behörden ein "Bündnis für den Radverkehr" aus, das dem Bündnis für das Wohnen im Wohnungsbau entsprechen soll.

Allein in dem Wort "Fahrradstadt" steckt so viel emotionale Sprengkraft, dass sich die Opposition in Fragen der Verkehrspolitik inzwischen kaum noch äußert, ohne die geistige Gesundheit ihrer politischen Gegner infrage zu stellen. Verkehrspolitik in Hamburg ist seit je ein Kulturkampf, Traditionalisten gegen Modernisierer beziehungsweise, so formuliert es der CDU-Verkehrspolitiker Dennis Thering, Vernunft gegen "Irrsinn". Der Konflikt polarisiere die Stadt, sagt Thering, ihm macht das Spaß, und seine Wähler schätzen deutliche Worte. "Klasse, endlich mal eine Fraktion, die dagegenhält", das höre er an seinen Infoständen immer wieder.

Moderater formulieren? Nichts da! "Was die machen, ist irre, dazu stehen wir."

Das Seltsame an diesem Konflikt ist, dass es unter Experten in den wesentlichen Punkten keine zwei Meinungen gibt. Das gilt für die "Fahrradstadt" insgesamt, aber auch für die Planung in der Walddörferstraße. Dass der Fahrradverband ADFC all das richtig findet, liegt auf der Hand. Dass die Kollegen vom ADAC diese Ansichten fast vollständig teilen, wird nur jemanden erstaunen, der sich mit Straßenverkehr nie beschäftigt hat. In der Verkehrsplanung gibt es nur eine Ingenieurswissenschaft, nur eine Sammlung von Richtlinien für die Gestaltung unterschiedlicher Straßen- und Kreuzungstypen und nur eine Verkehrsunfallforschung – worin also sollten sich die Ansichten von Fachleuten unterscheiden?

Vor allem aber verbindet ADAC und ADFC ein gemeinsames Interesse: Beide wollen den Radverkehr fördern. Mehr Radfahrer bedeuten: weniger Autofahrer. Und weniger Autofahrer bedeuten: weniger Stau. "Radverkehr ist im Vergleich zu anderen Maßnahmen saugünstig", sagt der ADAC-Sprecher Christian Hieff.

Aber irgendwo müssen die Radfahrer dann eben fahren.