Es liegt, bei allen Fortschritten, auch viel Symbolpolitik in der Formulierung von der "Fahrradstadt".

Und sie bietet eine willkommene Angriffsfläche. In Wandsbek hatte die CDU an den Plänen für die Walddörferstraße nichts auszusetzen – bis die Bild-Zeitung die Parole vom "Fahrrad-Irrsinn" ausgab, die dann der Bürgerschaftsabgeordnete Dennis Thering aufgriff. Für Thering ist die "Fahrradstadt" ein Mobilisierungsthema, mit Details hält er sich nicht auf. Radfahren in Hamburg sei gefährlicher geworden, seit die Planer Fahrradstreifen auf den Straßen einrichteten, behauptet der Abgeordnete. Die Unfallforscher der Polizei-Verkehrsdirektion sehen das völlig anders.

Die zusätzlichen Fahrradstreifen erzeugten Staus, versichert Thering und nennt als Beispiel die gerade umgebaute Fuhlsbüttler Straße. Darauf gebe es nicht den kleinsten Hinweis, entgegnet der ADAC-Verkehrsexperte Carsten Willms. Ihn rufen ständig Hamburger an, wenn echte oder vermeintliche Verkehrsprobleme vor ihren Haustüren sie ärgern. "In der Fuhlsbüttler Straße ist die Beschwerdelage null."

Aber die Planungsrichtlinien! Immer wieder würden sie missachtet, um neue Radwege auf die Fahrbahn zu verlegen, erklärt Thering. Immer wieder werde das behauptet, entgegnet Willms, es treffe aber nicht zu.

Irritiert es den Abgeordneten nicht, dass die weithin anerkannten Experten von ADAC und Polizei fast jede Sachfrage anders beurteilen als er? Wie sich zeigt, hat Thering eigene Informationsquellen: Anwohner, die ihn ansprächen, Polizisten auf der Straße, die anderer Ansicht seien als die Unfallstatistiker aus der Verkehrsdirektion. Gefühlte Tatsachen, die tatsächlichen Gefühlen entsprechen: Denn Wut gibt es ja wirklich, über Baustellen und Staus, über Andersdenkende, Anderswählende, Andersfahrende. Es gilt, sie politisch nutzbar zu machen.

Für Wandsbek allerdings hat Dennis Thering einen Vorschlag, über den zu reden lohnt. Nahe der Walddörferstraße schlängelt sich die Wandse, an ihrem Ufer ein ungepflasterter Pfad für Spaziergänger, den auch Radfahrer vereinzelt nutzen. Warum nicht die neue Veloroute dort entlangführen? Diesen Weg empfehlen auch Kürsten und seine Mitstreiter. "Es ist ausreichend Platz vorhanden, um ihn zu einem der schnellsten, sichersten und schönsten Fahrradwege Hamburgs zu machen", schreiben sie in einem Flyer für ihre Nachbarn.

Wer mit den Fachleuten von ADFC und ADAC über diese Alternative spricht, wird allerdings auch die Bedenken schnell nachvollziehen. Velorouten sollen den Radverkehr ganzer Stadtteile bündeln, es geht hier nicht um einzelne Sonntagsradler, sondern um einen Strom von Radfahrern, viele von ihnen dank zunehmender Elektrifizierung im Rennradtempo unterwegs. Zwei Spuren Asphalt quer durch den Park, beleuchtet und mit Kanalisation für das salzhaltige Schmelzwasser im Winter, all das lässt sich bauen. Die Frage ist, ob die Wandsbeker es wollen – und ob das Land es bezahlt.

Wer weiß. Denn der Streit um die Walddörferstraße hat eine kuriose Pointe: Die Kampagne der Bürgerschaftsopposition ist längst im Gange, Jens Kürsten und seine Mitstreiter haben Faltblätter gedruckt und sogar schon einen Anwalt beauftragt – den aus dem Streit um Flüchtlingsunterkünfte bekannten Gero Tuttlewski, der das ganze Vorhaben für rechtswidrig hält. In der Wandsbeker Bezirksversammlung aber, die über das Konzept entscheiden wird, hat die Meinungsbildung gerade erst begonnen. Bislang ist die Idee von den Fahrrädern in der Walddörferstraße nicht mehr als das: ein Vorschlag eines Planungsbüros.