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Es gibt eine merkwürdige, extrem seltene Wahrnehmungsstörung, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in der Fachliteratur als Anton-Syndrom bekannt ist. Menschen, die unter dem Anton-Syndrom leiden, glauben zu sehen, obwohl sie ebendies nicht können. Sie sind blind für ihre eigene Blindheit. Wenn man sie beispielsweise bittet, die Schlagzeile des Tages aus der Zeitung vorzulesen, dann weichen sie aus. Sie konfabulieren, wie Neuropsychologen sagen, behaupten etwa, dass die Zeitung mal wieder von Krieg und Tod berichte. Sie konstruieren Aussagen ohne Erfindungsbewusstsein. Aber sie lügen nicht, denn der Lügner weiß ja, dass er lügt, wenn er lügt. Wer das in Kürze erscheinende Buch des Reformpädagogen Hartmut von Hentig mit dem Titel Noch immer Mein Leben liest, wer diese 1.400 Seiten – die Fortsetzung seiner Lebenserinnerungen – zu entschlüsseln versucht, wer diese manchmal anrührende und manchmal scheußliche Rechtfertigungsschrift studiert, der fragt sich: Konnte er, der Autor so vieler kluger Bücher, der Gründer der Bielefelder Laborschule, nicht sehen oder wollte er nicht? Und heute? Will er das Geschehene und längst Verifizierte umdeuten oder vor allem seine eigene Ahnungslosigkeit und sein Nichtwissen belegen? Der einstige Leiter der Odenwaldschule, Gerold Becker, selbst ein gefragter Pädagoge und mehr als 40 Jahre lang Freund und Lebensgefährte von Hartmut von Hentig, hat über Jahrzehnte hinweg zahllose Kinder und Jugendliche missbraucht, sie bedrängt, auf brutale Weise attackiert. Manche von ihnen haben die Attacken des einst gefeierten Schulleiters und geschmeidigen Charismatikers gebrochen. Sie haben sich in die Sucht und manchmal, so haben es verschiedene Berichte dokumentiert, auch in den Suizid geflüchtet – eine Kausalität, die von Hartmut von Hentig, wie so vieles, schlicht bezweifelt wird.

Worum geht es in seinem Buch? Die Antwort: um alles. Es geht – nach dem eigenen Sturz infolge grob verharmlosender Interviews und Stellungnahmen – um die plötzliche Einsamkeit, die Stille und um den Hass, der dem heute 90-Jährigen in anonymen Anrufen, düsteren Drohschriften und Schmierereien im Hausflur entgegenschlägt. Es geht um die Erklärung des eigenen Handelns und um die Verteidigung der eigenen, einst gefeierten Pädagogik, die die Bildungsdebatten des Landes geprägt und Generationen von Lehrern inspiriert hat. Es geht um die Kritik von Journalisten und Wissenschaftlern und um die Beschwörung einer anderen, alltäglichen Wirklichkeit im Leben von und mit Gerold Becker, den er noch immer liebt. Und es geht schließlich um die infame Beschreibung sexueller Gewaltverhältnisse als mehr oder minder einvernehmliche Liebesbeziehungen zwischen Jugendlichen und ihrem Lehrer und um die Diskreditierung von Opfern, die einen bei der Lektüre vor Wut zittern lässt.

Es ist ein Buch, das den Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule als ein einziges Wahrnehmungsdesaster fassbar werden lässt, als eine Serie von Verbrechen, die jene, die Gerold Becker nahe waren, nicht sehen konnten oder wollten, blind für die eigene Blindheit. Dabei fehlte es nicht an Signalen und Zeichen. Eines Tages soll sich Becker, wie der Spiegel berichtete, an den Patensohn des höchst einflussreichen Bildungspolitikers Hellmut Becker herangemacht haben, der sich dann seinem Patenonkel offenbarte. Hellmut Becker, mit Gerold Becker nicht verwandt, empfahl diesem daraufhin eine Therapie, ließ die Sache aber offenbar ansonsten auf sich beruhen. Und auch an der Schule gab es Gerüchte, Spottgesänge der Schüler, Beschwerden Einzelner, einmal sogar einen monströsen Holzphallus, den ein paar Jungs vor dem Haus des Schulleiters in die Erde rammten. Einer Putzfrau fielen Kinderpornos in die Hände, die Gerold Becker in einem Schrank gehortet hatte. Immer fiebriger, immer unvorsichtiger verging sich der öffentlich gefeierte Schulleiter an seinen Schülern, missbrauchte Kinder und Jugendliche, die man, aus Heimen und aus zerrütteten Verhältnissen kommend, an die Schule geschickt hatte, aber auch die Söhne aus prominenten und mächtigen Familien. Hartmut von Hentig will von alldem nichts geahnt haben, so liest man in seinem Buch. Er sieht sich als einen entsetzlich Verleumdeten. Er will niemals – vor der endgültigen Explosion des Skandals 2010 – mit dem Freund über dessen pädophile Neigungen gesprochen haben, ohnehin unfähig, wie er schreibt, aufgrund der eigenen "Unschuld der zu frühen Geburt", für Sexualität überhaupt eine Sprache zu finden. Er will erst 1998 von den Vorwürfen von zwei Altschülern erfahren haben, die diese in einem Brief an ihre ehemalige Schule formulierten. Becker habe jedoch alles abgestritten, ein paar freundliche Berührungen erwähnt, den Rest als Einbildung deklariert. Und er habe ihm, dem Freund, geglaubt. 1999, als der Journalist Jörg Schindler den Skandal in der Frankfurter Rundschau ein erstes Mal enthüllt, misstraut Hartmut von Hentig dem Bericht. Und nicht nur er. Es hagelt Medienschelte von Altschülern und von Lehrern, die später selbst verdächtigt werden, aber auch Freunde und Kollegen von Gerold Becker und andere Journalisten gehen der Geschichte nicht wirklich nach.

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Warum diese Blindheit? Vielleicht fehlte noch vor der breiten Debatte über die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche und im Canisius-Kolleg in Berlin die gesellschaftliche Sensibilität, das Vorstellungsvermögen für die Möglichkeit eines solchen Schreckens. Vielleicht wollte mancher Journalist die formschöne, medial fest etablierte Idealisierung der Starpädagogen nicht durch ein solches Ekelthema beschmutzen. Vielleicht hat die plötzlich aufflammende Schwarzgeld-Affäre der hessischen CDU die öffentliche Aufmerksamkeit kannibalisiert. Vielleicht wurde die Tatsache, dass die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen einstellte, weil die Verbrechen verjährt waren, von manchen fehlinterpretiert – ganz so, als sei an den Vorwürfen nicht wirklich etwas dran. Es ist, wie immer man es dreht und wendet, ein weit über den engeren Kreis der möglichen Mitwisser und der Schule selbst hinausweisendes Wahrnehmungsdesaster, das dieser Fall offenbart. Kaum jemand wollte sehen, was sichtbar war.

Erst 2010, als Jörg Schindler seine Enthüllungsrecherche erneut publiziert, explodiert die Geschichte und wird zum Skandal. Was geschieht dann? Hentig nennt den Freund im Gespräch mit Tanjev Schultz (Süddeutsche Zeitung), der ein nachdenkliches und doch schockierendes, später zu Recht preisgekröntes Porträt veröffentlicht, einen großen Pädagogen. Und fügt hinzu: Allenfalls sei Gerold Becker von einem Schüler verführt worden – ein Satz, der Hentigs Ansehen ruiniert und den er, so heißt es in seinem Buch, als "pure Gesprächshypothese" und Versuch, die Frage des Journalisten zu "bedienen", verstanden wissen will. Auch müsse man bedenken, dass er den schwer kranken Gerold Becker, der auch in den letzten Stunden noch las und seine Welt zerfallen sah, nicht öffentlich einen Verbrecher nennen konnte, sich aber eben doch zur öffentlichen Reaktion gezwungen sah.

Ein solches Dilemma ist furchtbar, das stimmt. Es verdient Mitgefühl, gewiss. Und man muss betonen, dass Hartmut von Hentig heute schärfer als jemals zuvor die Taten von Gerold Becker verurteilt, von eigenen Versäumnissen im Umgang mit der Öffentlichkeit spricht und immer wieder um die Gnade des Verstehens und Verzeihens bittet. "Sexuelle Handlungen an, mit und vor Kindern sind falsch", so heißt es, "auch wenn sie mit deren Einwilligung geschehen. Wer sie vollzieht, begeht ein schweres Unrecht, für das es keine Entschuldigung gibt. Sie werden "abscheulich", wenn Täuschung, Gewalt und Erniedrigung im Spiel sind."

Und doch werden – trotz solcher Passagen und Proklamationen – in diesem Riesenbuch Schuldfragen in immer neuen Anläufen auf falsche und fatale Weise neu gestellt und auf kaum erträgliche Weise erneut ins Ungefähre und nicht mehr wirklich Definierbare hineingerückt. Das zeigt sich zum einen daran, dass Hentig so ziemlich jeden wichtigen Artikel, jedes einzelne Buch, jeden Dokumentarfilm, jeden größeren Vortrag, der über den Fall erschienen ist, aufgreift, um die Darstellung dann seitenlang als ungenügend oder manipulativ zu kritisieren. Mal stören ihn, den Philologen, einzelne Formulierungen, dann wieder versucht er, Widersprüche herauszuarbeiten, oder er unterstellt, es ginge den angeblich eifernden Skandalisierern in Journalismus und Wissenschaft eigentlich darum, der Reformpädagogik den Garaus zu machen. Pauschale Medienkritik, das Autoritätenzitat, die Nutzung von tatsächlichen Ungenauigkeiten und sachlichen Fehlern als Legitimation für den großen Zweifel, die spürbare Herablassung des Großprofessors gegenüber dem journalistischen No Name – all dies dient dazu, eine schmerzhaft-störende Wirklichkeit abzuwehren, ohne dass irgendwann letztgültig klar würde, was seiner Ansicht nach eigentlich passiert ist in all den Jahren. Zum anderen aber, und darin besteht das Wahrnehmungsdesaster dieses Buches, werden die Opfer attackiert, weil sie ihre angebliche Mitverantwortung, wie Hentig meint, bis heute verleugnen. "Dass die späte Scham über den eigenen Anteil an der Liebesbeziehung", so heißt es etwa, "gar über eine Einwilligung in sie der wichtigste Auslöser einer Traumatisierung ist, haben die Studien der Susan Clancy gezeigt. Ich plappere das nur nach." Weiter heißt es dann: "Mit Überzeugung hingegen bekenne ich mich zu Ivan Illichs Ansicht, dass der Mensch seine Menschenwürde – das, was ihn vor allen anderen Kreaturen auszeichnet – verliert, wenn er die Verantwortung für sich abgibt oder sie ihm abgesprochen wird. Das macht ihn zum Animal, das der Notwendigkeit und dem Instinkt unterworfen ist ohne freie Entscheidung." Dass die Psychologin Susan Clancy den Missbrauch unter allen Umständen für ein abscheuliches Verbrechen hält, dass der verstorbene Sozialphilosoph Ivan Illich über Erwachsene spricht und sich nicht mehr gegen die bizarre, sein Denken verhöhnende Instrumentalisierung wehren kann, dass Hentig gleich nach solchen Sätzen anfügt, man dürfe selbstverständlich das vorhandene Machtgefälle nicht übersehen – geschenkt. Hier werden jedoch Kinder und Jugendliche, die von ihrem Lehrer missbraucht wurden, zum "Animal", zum bloß instinkthaft funktionierenden Tier ohne menschliche Würde erniedrigt, weil sie sich nicht als mitverantwortlich bekennen.

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Es ließen sich weitere Beispiele für solche Attacken nennen, die nur ein einziges Ziel haben – die Diskreditierung der namentlich bekannten Opfer, von denen manche bei der Lektüre als verstörte, vielleicht von Therapeuten zu einer Neuinterpretation des Gewesenen animierte Existenzen oder aber als eifernde, hassende Rächer erscheinen, die sich doch eigentlich hätten wehren können. Schließlich versucht Hartmut von Hentig ernsthaft, einzelne Missbrauchsverhältnisse zur Liebesbeziehung zu verklären. Und er versucht, solche Liebesbeziehungen tatsächlich zu "beweisen". Er behauptet, Briefe der Jungen im Nachlass von Gerold Becker entdeckt zu haben, die er nun aber leider aus rechtlichen Gründen nicht zitieren dürfe. Dafür zitiert er dann Gerold Beckers Schwärmereien über Jungen, die er geliebt haben will – wohl als Beispiel einer schillernden Vielschichtigkeit und Zartheit der Beziehungsverhältnisse, die eine angeblich kleinmütige, dumpf moralisierende Gesellschaft gar nicht erkennen könne. Auch kritisiert er, dass man Andreas Huckele, einen hundertfach von Gerold Becker missbrauchten Ex-Schüler und Autor eines erschütternden Enthüllungsbuches, den Geschwister-Scholl-Preis zuerkannt hat. War es denn mutig, wie dies Huckele tat, so fragt er selbstverständlich rhetorisch, sein Buch zunächst unter Pseudonym zu publizieren? Und sollte man jemand, der sich im Moment des Unrechts nicht gegen dieses wehrt, tatsächlich einen solchen Preis zuerkennen?

Gerade noch hatte er Andreas Huckele versucht nachzuweisen, dass er seinen "Anteil" nicht sichtbar mache. Nun soll er auf einmal doch vollständig Opfer sein, weil ihm dann Hentig im Privatsystem seiner Begriffsakrobatik den Preis wieder entziehen kann. Huckele, so schreibt er, sei "in erster Linie ein Opfer", und er schildere sich "in erster Linie als Opfer. Eines Opfers gedenkt man in Achtung oder Trauer, wenn es tot ist, man leistet Hilfe oder Wiedergutmachung, wenn es noch lebt und wenn dies angebracht ist – einen Preis erhält es dafür nicht."

Man muss sich, wenn man solche widerlichen, auf die erneute Demütigung eines Menschen zielende Gedankenspiele liest, eines klarmachen: Hartmut von Hentig hat in dem Versuch, die eigene Rolle zu erklären, die eigene Ahnungslosigkeit eines selbst Betrogenen zu belegen und gleichzeitig doch irgendwie das öffentliche Bild von Gerold Becker zu korrigieren, stets zuverlässig neue Empörungsanlässe produziert, so auch mit diesem Buch. All seine Versuche, die Einfälle des Freundes als pädagogische Jahrhundertideen zu verherrlichen, seine Verbrechen jedoch durch die Kritik der Kritiker zu relativieren, sind gescheitert.

Aber seine Interventionsversuche zeigen, dass alles auch anders hätte ausgehen können. Ohne die mutigen Ex-Schüler wie Andreas Huckele, Adrian Koerfer und viele andere, die zu sprechen begonnen haben. Ohne die im zweiten Anlauf hartnäckig recherchierenden, unerschrocken und oft skrupulös schreibenden Journalisten. Ohne die damalige Schulleiterin Margarita Kaufmann, die sich in einem zentralen Moment dafür entschieden hat, einfach einmal zuzuhören. Ohne Wissenschaftler wie Micha Brumlik, Jürgen Oelkers oder Oskar Negt, die ihre Stimme erhoben haben.

So stellt dieses Buch, unfreiwillig gewiss, ein Lehrstück in Sachen missglückter Selbstrechtfertigung dar, die vom eigenen, prinzipiellen Bekenntnis direkt zur Detailanalyse eines angeblichen Fremdversagens voranschreitet. Ob Hartmut von Hentig das, was er schreibt, selbst in allen Facetten glaubt, gefangen im Schmerz und in der Verehrung für den Verräter seiner pädagogischen Ideale, die ihm selbst nur die Flucht in immer neue, irrwitzige Deutungen lässt?

Vielleicht gibt es – jenseits von Verdrängung und Verteidigung, dem Nicht-sehen-Können und dem Nicht-sehen-Wollen – noch eine andere Möglichkeit. Man kann dieses Buch auch als das Werk eines verzweifelten Schriftstellers lesen, der in schöner Sprache letztlich zu sich selbst spricht. Der für alles ein festes Wort hat und einen geschickten Satz. Der sich alle Einwände vorträgt. Der alle Kritiker einzeln in die Arena ruft, um sie dann mit miesen Zeugnissen wieder zu entlassen. Hartmut von Hentig ist, so gesehen, im Reich der instrumentellen Poesie angekommen. Auf Hunderten von Seiten überredet er sich unter Aufbietung aller Kräfte selbst. Bis er sich eine monströs hässliche Welt schöngeschrieben hat.