Tokios Häuser hängen vom Himmel herab

Ich träume von Tokio. Stadt wie für mich gemacht, für mich erfunden, Tokio, schönste Stadt auf der Welt. Es heißt, es sei ein hartes Leben dort, für die Tokioter, Leben im Moloch. Ich muss nicht in Tokio leben, ich darf Tokio besuchen. Wenn der letzte Besuch mehr als ein Jahr her ist, kommt Sehnsucht. Dann kommen Träume, in denen ich mich auf den schweigenden Straßen von Ueno wiederfinde oder unter den Hochhäusern durch die Gassen von Shibuya treibe.

Tokio ist immer schön, aber nie schöner als im Sommer, nachts, wenn es regnet. Tagsüber knallte die Sonne, der Asphalt war heiß unter den Füßen, tropische Schwüle, gegen Abend zogen schwere Wolken auf, dann kam die Nacht. Die Luft ist jetzt lau, sie hat die gleiche Temperatur wie dein Körper. Du gehst umher im T-Shirt, deine Muskeln sind warm und weich, als seist du massiert worden. Der Geruch der Blätter und der Zugluft aus der Metro und der Autos und der Suppenküchen und Grillrestaurants. Du spazierst vom Yoyogi-Park Richtung Shibuya. Menschen überall. Vor dir fällt ein Tropfen auf das Trottoir. Es beginnt zu regnen. Du spannst deinen Regenschirm auf, der Schirm ist transparent. Warmer Regen fällt platternd darauf und rinnt herunter.

Schau hoch: Der Himmel ist schwarz, die Häuser scheinen aus den Wolken gen Erde zu hängen. Sie sind über und über mit bunt leuchtenden, blinkenden Reklamen bedeckt, sodass die Welt um dich herum aussieht, als seist du in das Innere eines Schaltkreises befördert worden, oder in ein elektronisches Gewitter. Wie ein Fisch zwischen Fischen schwimmst du im Strom der Menschen durch die Straßen, all die anderen ebenfalls unter Schirmen, als sei ein jeder in seiner kleinen Kapsel unterwegs und tatsächlich: unter Wasser. All die Gesichter driften an dir vorüber, ohne Unterlass und Abriss, schwarzes Haar, helle Haut, weiß wie Schnee die Gesichtsmasken, alle so schön gekleidet, kein Volk ist so gut gekleidet wie die Tokioter. Du schwimmst zwischen ihnen hindurch, keiner stößt dich, keiner sieht dich, als seist du ohne Leib, ein Geist. Im Regen und mit den Schirmen wirken alle noch vereinzelter, privater, einsamer in der Menge, jeder zugleich Mitte der eigenen Welt und Statist für die Kulissen der anderen.

Auf dem Trottoir sammelt sich der Regen in Pfützen und Rinnsalen, das Licht der Reklamen fängt sich darin und bildet leuchtende Muster in den Rinnsteinen und zwischen den Kacheln. Die Stadt, die ganze Welt ein Glänzen und Glitzern in Rot, Gelb, Blau, Grün, Werbegesichter aus riesigen Monitoren hoch über den Straßen spiegeln sich auf der Fahrbahn, bis ein summender elektrischer Bus hindurchfährt und sich alles auflöst in einem Wirbel aus Farbe und Licht. All das ist für alle und doch nur für dich. Ein Spektakel. Es riecht so gut, so warm und frisch zugleich. An der großen Kreuzung in Shibuya bleibst du stehen und schaust. Alles ist in Bewegung, Menschen, Lichter, Bahnen, Wagen, Blinken. Nur du stehst still, und was du siehst, reicht aus, um jeden Gedanken zu vertreiben. Du schaust einfach nur. Und was ist das für ein Genuss; unfassbar, Augen zu haben.

Alard von Kittlitz

Auf Hawaii fallen die Tropfen in Zeitlupe

Von allen Wundern, die Hawaii bereithält, ist der Regen das wundersamste. Vor allem, weil er aus dem Nichts erscheinen und sich dann wieder in nichts auflösen kann. Bei meiner ersten Begegnung mit ihm war ich zu Fuß unterwegs, an der Na-Pali-Küste, als es plötzlich finster wurde. Eben noch hatte die Sonne über dem Pazifik geschienen, jetzt dräute es auf einmal schiefergrau. Und gleich kam der Regen aus einem Einschnitt im Wald auf mich zu: eine Wolke Feuchtigkeit, die in der Luft tändelte, als würde sie tagträumen. Fasziniert schaute ich ihr beim Heranschweben zu. Es sah aus, als nähere sich ein Büschel fasrige Zuckerwatte. Dann fing es auch schon zu regnen an, und zehn Sekunden später war alles wieder vorbei, ein paar Spritzer auf den Shorts und dem Hemd und das Gefühl, kurz im Nebel gestanden zu haben, mehr war da nicht. Ich weiß noch, dass ich mit mir selbst gelacht habe vor Überraschung und auch Glück. Dann wurde es hell, die Sonne kam zurück, und die Wolken am Berghang über mir waren ebenfalls verschwunden. Es roch wie in einer Parfümerie an einem Adventssamstag, an dem 117 Kunden gleichzeitig Düfte ausprobieren.

In den nächsten Tagen und Wochen passierte das immer wieder. Es regnete viel öfter, als man sich das vorstellen kann, wenn man an Hawaii denkt. Aber meistens regnete es so wunderschön, dass man ein bisschen enttäuscht war, wenn es aufhörte. Manchmal schaffte es der Regen noch nicht einmal bis zum Boden, sondern schwebte in der Luft, als habe dort oben jemand mit einem Wasserzerstäuber hantiert. Dann wieder nieselte es beinahe zärtlich, und gleichzeitig stapelten sich am Horizont drei oder vier Regenbögen übereinander. Einmal, abends, regnete es sogar in Zeitlupe. Einzelne, dicke Tropfen, die so langsam fielen, als wollten sie jede Sekunde Flugzeit zwischen Himmel und Erde auskosten. Ich bin hinaus in den Garten und habe zugehört, wie sie nacheinander auf den großen, wächsernen Blättern der Pflanzen zerplatzten. Es klang wie leiser Beifall.

Stefan Nink