Fußball ist ein Sport der Traditionen und der Gesten. Wer das nicht versteht, wird in dieser Welt nicht lange überleben. Reinhard Grindel ist seit Kurzem dabei, aber der Bedeutung symbolischer Handlungen ist er sich bewusst. Deshalb hat er in diesen Wochen alle für ihn entscheidenden Sportredaktionen dieser Republik besucht. Und zum Staunen der Beteiligten ging er kürzlich, beim Training der Nationalmannschaft, zu jedem einzelnen Trainer und Betreuer, schaute ihm in die Augen und begrüßte ihn mit Handschlag und Namen.

Grindel scheint geahnt zu haben, dass er zwei Wochen später beim DFB-Bundestag im Frankfurter Congress Center mit überwältigender Mehrheit (nur vier Gegenstimmen) zum neuen Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) gewählt werden würde. Der 54-jährige CDU-Abgeordnete benötigte nur zwei Jahre, um nach einem Kurzaufenthalt auf dem Posten des DFB-Schatzmeisters ganz oben anzukommen. Er ist nun der mächtigste Mann im deutschen Fußball, er trägt die Verantwortung im mitgliederstärksten Sportfachverband.

Wäre alles normal verlaufen, hätte sein Vorgänger Wolfgang Niersbach das Amt mindestens bis 2022 innehaben können. Aber was läuft in der Exekutive des Fußballs schon noch normal? Wenige Monate nach dem Gewinn des Weltmeistertitels der Deutschen in Rio de Janeiro fiel zuerst die sich jahrzehntelang in korrupter Sicherheit wähnende Fifa auseinander. Nach Bekanntwerden des Skandals um die Vergabe der WM 2006 nach Deutschland löste sich dann auch die Spitze des Deutschen Fußball-Bundes auf.

Auflösungserscheinungen wie diese sind aus den Führungsgremien großer Unternehmen bekannt, von VW oder Siemens zum Beispiel. Mit dem geeigneten Nachfolger segeln die Firmen nach wenigen Wochen wieder auf Kurs. Projiziert man dieses Schema auf den DFB, müsste Grindel also nur die entscheidenden Posten mit den richtigen Personen besetzen, und die Fehler würden schnell vergessen.

Ganz so einfach ist Fußball aber nicht.

Der DFB funktioniert trotz aller Strukturbemühungen nicht wie ein Unternehmen, er ist ein Verband, dessen Führungsebene nur die Spitze einer fetten Pyramide bildet, innerhalb derer allerhand Kräfte von unten nach oben drücken: die Vertreter der Ligaverbände, die Regionalverbände Nord, West, Süd, Südwest und Nordost, 21 Landesverbände, die ihrerseits in Bezirke und Kreise gegliedert sind, denen schließlich die Vereine mit ihren Mitgliedern angeschlossen sind. Dieses riesige Gebilde wird vor allem durch eines zusammengehalten: durch Emotionen. Die Vertreter der rund sieben Millionen Mitglieder des Verbandes, der Amateure also, leben den Fußball als Hobby mit Leidenschaft. Ihre Gefühle sind verletzbar.

Und so verstörte nicht nur der Rücktritt Wolfgang Niersbachs diese vermeintlich so heile Welt. Das Beben geht tiefer, bis ins Herz des deutschen Nationalsports. Weil Franz Beckenbauer betroffen ist, ein Idol, das die Sehnsüchte der Fans über Jahrzehnte geprägt hat. Dass er sich monatelang an Halbwahrheiten und Verschleierungen klammerte, hat den Glauben an das Schöne und Verlässliche erschüttert.

Grindel wurde in den vergangenen Tagen wiederholt gefragt, wie denn nun die weitere Aufarbeitung der Vergangenheit aussehe und ob sich der DFB den finanziellen Schaden durch das Steuerverfahren bei den Verantwortlichen auf zivilrechtlichem Wege zurückholen wolle. Er müsse ja schließlich die jüngste Affäre unbedingt klären, schon um belegen zu können, dass das Sommermärchen 2006 nicht gekauft war! Ja, gewiss, all dem werde er sich widmen, sagte Grindel verknappt, ohne öffentlich schlecht über seine Vorgänger zu sprechen. Auf die Frage, warum es keinen weiteren Kandidaten für das Amt des Präsidenten gegeben habe, fiel ihm jedoch keine Antwort ein. Vielleicht ist die Begründung ganz simpel: Trotz der Bedeutung des Amtes durch die Nähe zu Bundeskanzlerin Merkel und zur Nationalmannschaft besteht der Alltag aus Aufenthalten am Rande von Amateurfußballplätzen, aus Arbeit also, die kaum jemand wahrnehmen wird.

Er glaube, sagt Grindel, "jede Zeit sucht sich den Präsidenten, den sie braucht".

Nach Niersbach, der dem Profilager nahestand, haben sich die Mitglieder nun also wieder für einen konservativen Politiker an der Verbandsspitze entschieden, für einen Gegenentwurf zu den Revolutionären Jürgen Klinsmann oder Oliver Bierhoff, die den deutschen Fußball in den vergangenen Jahren so positiv geprägt haben – die Antwort der Mitglieder ist spannender als alles, was Grindel so kurz nach seiner Wahl sagen könnte. Diese Wahl entspricht dem Wesen des Fußballs, der zutiefst sentimental, nostalgisch und konservativ ist. Fußball verbindet in den hellen Momenten nicht nur Völker, sondern auch Generationen. Die Frage ist: Schafft es Grindel, diesem Konservatismus die Redlichkeit zurückzugeben? Das Traditionelle zu pflegen und den Verband nicht mehr mit Angst vor der Transparenz, sondern aufgrund von Transparenz zukunftsfähig zu gestalten?

Grindel sagt, er traue sich das zu. Er wolle dieses schwere Verbandsschiff wieder in sichere Gewässer führen und Konsequenzen aus der Vergangenheit ziehen. Es ist keine einfache Aufgabe. Aber vielleicht ist ein politisch geschulter Mann der richtige für diesen Posten. Es ist wie bei einem Segelboot, das nie genau gegen den Wind segeln kann, sehr wohl aber in einem ziemlich spitzen Winkel ungefähr dorthin, woher der Wind kommt. Segler nennen das einen Kurs "am Wind". Ein anstrengender Kurs, aber man kommt voran.