Es beginnt mit Bach, und man muss sagen: Das Orgelpräludium in e-Moll ist besinnlich, feierlich und weihevoll. Aber Groove? Groove hat das Ganze nicht. Fangen deshalb die mitgebrachten Babys an zu schreien? Es macht nichts, es ist ja ein Abschied für Freunde, für Familien und Fans, auch ein Abschied im Namen des Jazz. Und welcher große Jazzer würde sich schon einen energischen Lebensseufzer verbieten?

So mancher Trauergast lässt bewusst das Hütchen auf, auch das wirkt nicht pietätlos am vergangenen Freitagmittag, sondern angemessen. Roger Cicero war auf eine heitere, verspielte Art ein "Styler" (der Begriff taucht sogar in einem seiner Songs auf), und Jan Delay hat ihm auf Facebook voller Trauer nachgerufen: "Hutträger!", wissend, dass das Huttragen heutzutage dem Betreffenden einiges abfordert, wenn es schlüssig daherkommen soll.

Man muss lässig sein, männlich, selbstironisch. All das war Roger Cicero.

Das vorm Altar aufgehängte Foto zeigt ihn ohne Sinatra-Borsalino, dafür mit Schiebermütze, Lederjacke und T-Shirt; es könnte in der Pause eines Gigs aufgenommen sein, im Birdland oder gleich im Village Vanguard in Manhattan.

Sein Blick: kritisch und konzentriert. So hat er auch geschaut beim Abhören seiner Aufnahmen und bei den Proben. Und an diesem Freitag in der bis auf den letzten Platz besetzten St.-Gertrud-Kirche auf der Uhlenhorst spielen sie ihm tatsächlich noch einmal vor: ein kleines, aus den Reihen seiner Big Band heraus besetztes Trio. Saxofon beziehungsweise Posaune, begleitet von Bass und Gitarre. Man tupft so sachte wie präzise zwei Songausschnitte in den Raum, insgesamt kaum fünf Minuten lang. Aber es reicht, um zu verstehen, dass Jazz ein Genre ist, das überall gehört werden kann, überall hingehört – in den rauchigen Club, die Konzerthalle oder eben die Kirche.

Und wie sollte er sonst klingen, der Soundtrack für den Abschied von diesem Künstler?

Es werden Reden gehalten, kurz, konzentriert, es gibt keine offiziöse Lobhudelei, sondern die offenen Worte von Menschen, denen es eigentlich die Sprache verschlagen hat. Wie sagt Dieter Semmelmann, der die Tourneen von Cicero organisierte: "Vollkommen realisiert habe ich das immer noch nicht." Ein enger Freund spricht von den Vorbereitungen zur Trauerfeier in einem Café und wie bei allen Beteiligten das bestimmende Gefühl gewesen sei: "Jetzt kommt er gleich durch die Tür und macht einen Scherz."

Der Freund sagt auch, er habe sich am Anfang gesorgt, dass man sich über der Karriere des Musikers fremd werden würde, aber genau das sei dann nicht passiert, im Gegenteil: "Roger war ein wunderbarer Begleiter und Berater." Und ein Plattenfirmenchef erklärt: "Er war ein feiner, freundlicher Mensch. Er hat sich geleistet, allen auf Augenhöhe zu begegnen."

Wie gut sich diese beiden Bemerkungen ergänzen, die private und die professionelle. Man versteht, was jenseits der enormen künstlerischen Leistung – vor Ort noch einmal nachzuhören, als Nick Drakes From The Morning eingespielt wird, gesungen von Cicero; die Stimme zwischen Raunen, Flüstern, Schmachten und Jubilieren –, was über das Artistische hinaus alle, die ihn kannten, verbunden hat: die Freundlichkeit und das Talent, andere zu begleiten (und sich nicht, wie es das sich erstaunlich oft erfüllende Klischee des Künstlers verlangt, narzisstisch in irgendwelche Befindlichkeiten einzuspinnen).

Uwe Granitza, der Leiter von Ciceros Big Band, sagt es in den Worten des musikalischen Profis: "Er konnte sich als Sänger eingliedern in die Gruppe, als sei er ein Instrumentalist."

Den eigenen Ton, das persönliche Timbre, und sei es auch noch so markant, eingliedern in und verdient machen für eine Formation – ist das nicht die Idee, die hinter jedem gelungenen Zusammensein steht?

Roger Cicero hat mitgespielt, mit Leidenschaft, Witz, Großzügigkeit. Als Musiker, Freund und Partner.