DIE ZEIT: Mr. Wainwright, Sie haben ein Album mit Shakespeare-Sonetten aufgenommen. Wie kamen Sie auf Shakespeare?

Rufus Wainwright: Ich war zwölf, als die Pubertät mich erwischte und ich mich immer länger in mein Zimmer zurückzog. Meiner Mutter fiel die befleckte Bettwäsche auf. Eines Tages nahm sie mich beiseite und sagte: "Rufus, für das, was gerade mit deinem Körper geschieht, gibt es ein Sonett von Shakespeare." Dann zitierte sie ein Sonett, um mir Masturbation zu erklären. Ihre Botschaft war, dass Shakespeare sehr modern geblieben ist. Ein paar Jahre später nahm mein Vater mich und meine Schwester mit zu einer Londoner Aufführung von A Midsummer Night’s Dream, die mich endgültig packte. Diese Aufführung hat mein Leben verändert. Danach hatte ich das Gefühl, Shakespeare verstanden zu haben.

ZEIT: Was hatten Sie genau verstanden?

Wainwright: Dass viele Dinge, die mir als Teenager durch den Kopf gingen, wie Sex, Drogen, Liebe und Liebeskummer, bereits viele Generationen vor mir beschäftigt haben.

ZEIT: Wann haben Sie die Sonette gelesen?

Wainwright: Erst viel später. Meine Mutter hat sie mir nicht aufgedrängt, was klug war, denn sonst hätte ich sie bis heute nicht gelesen. Meine Mutter war cool, sie zitierte Shakespeare einfach. Und so wuchs mein Interesse. Jahre später bekam ich das Angebot, für eine Benefizveranstaltung ein Sonett zu vertonen. Ich entschied mich für das Sonett 29, When in Disgrace with Fortune and Men’s Eyes, weil ich es für schwul hielt. Später arbeitete ich mit Robert Wilson und dem Berliner Ensemble an einem Projekt mit den Sonetten und beschäftigte mich eingehender damit. Es war eine schwierige Zeit für mich: Die Krebserkrankung meiner Mutter wurde schlimmer, und ich fühlte mich nicht in der Lage, eigene Texte zu schreiben. Stattdessen vertiefte ich mich in die Sonette, die mir Trost spendeten. Das war vor etwa zehn Jahren, eine magische Erfahrung.

ZEIT: Und wie kam es zu Ihrem Shakespeare-Album?

Wainwright: Während der Aufnahmen zu meiner Oper Primadonna spielte ich mit der Plattenfirma durch, was ich noch an klassischen Projekten übernehmen könnte. Die Sonette lagen mir nahe, und das Label war begeistert, weil die Sonette die Möglichkeit boten, sie mit Pop zu kombinieren. Was sich doch besser verkauft als Opern. Deshalb ist das Album halb Pop und halb Klassik. Und es sind Wortbeiträge darauf. In meinem Größenwahn malte ich mir aus, dass ich mit der Platte drei Grammys gewinne: "Best Classical Album", "Best Pop Album", "Best Spoken Word". Mein Produzent machte diesen Träumen ein Ende. Er erklärte mir, dass ich keinen einzigen Grammy gewinnen werde, da jedes Genre siebzig Prozent des Albums ausmachen müsse. Dumm gelaufen.

ZEIT: Wie bereiteten Sie sich vor?

Wainwright: Ich habe die Sonette alle noch mal gelesen und einiges über William Shakespeare. Viel Theoretisches, aus dem ich ein paar Konzepte erarbeitete. Aber als wir mit der Produktion begannen, ließ ich das alles beiseite. Shakespeares Sprache überwältigte mich, und meine ausgefuchsten Pläne galten nicht mehr.

ZEIT: Es gibt 154 Sonette. Nach welchen Kriterien wählten Sie aus, was Sie vertonen wollten?

Wainwright: Es waren meine liebsten. Zuerst schrieb ich Musik für Th’ Expense of Spirit in a Waste of Shame – das Masturbations-Sonett, Nummer 129. Ein weiterer Favorit ist Sonett 29: When in Disgrace. Und besonders spannend ist natürlich Sonett 20: A Woman’s Face.

ZEIT: Ein Sonett, über dessen Deutung bis heute debattiert wird.

Wainwright: Weil es als besonders schwul gilt.

ZEIT: Haben Sie es deshalb gewählt?

Wainwright: Das spielte wohl eine Rolle, ja. Vor allem fasziniert mich die Vielschichtigkeit der beschriebenen Situation: Ein reiferer Mann schwärmt leidenschaftlich von einem schönen Jungen. Ich erlebte beide Seiten dieser Geschichte: Ich war mal ein hübscher Junge, der angeschwärmt wurde. Jetzt bin ich in die Jahre gekommen und bin der Bewunderer junger Schönheit. Beide Seiten des Sonetts sprechen mich also an. Ich bin in einem Alter, in dem ich schon über das Verglühen der Jugend nachdenke. Singen könnte ich es aus beiden Perspektiven.

ZEIT: Es ist unklar, ob die Schwärmerei in vielen dieser Sonette platonisch oder sexuell ist. Was meinen Sie?