Aus der Schweiz ist zu berichten: Zwei muslimische Brüder reichen ihrer Lehrerin nicht die Hand. Schließlich hat Mohammed eine einzige Frau berührt, und zwar die eigene. Wie geht der Staat mit der Verweigerung dieser Handreichung um? Es ist ein Dilemma: Einerseits gibt es die religiöse Selbstbestimmung, aber anderseits gibt es Verhaltensregeln, deren Selbstverständlichkeit das Leben in unserer Gesellschaft ausmacht. Durch Dilemmata kann man verrückt werden, und so erlaubt eine Schweizer Schulleitung den Brüdern, 14 und 16 Jahre alt, die Verweigerung – allerdings unter der Bedingung, dass die beiden auch Männern nicht mehr die Hand geben.

So etwas resultiert daraus, dass man einerseits Toleranz üben möchte, andererseits aber den Eindruck der Unterwerfung vermeiden will. Man ersinnt einen Ausweg, der aber das Dilemma fett unterstreicht. Ein kluger Philosoph hat über dieses Problem nachgedacht. Slavoj Žižek macht folgende Rechnung auf: Je größer die Toleranz ist, desto größer wird das uns suggerierte Gefühl der Schuld sein, nicht genug Toleranz zu praktizieren. "In den Schulkantinen wird muslimischen Kindern kein Schweinefleisch serviert. Aber was, wenn diese Kinder sich an anderen Kindern stören, die Schweinefleisch essen? Muslimische Schülerinnen dürfen während des Unterrichts Kopfbedeckung tragen. Aber was, wenn diese Schülerinnen sich an deren Mitschülerinnen stören, die halbbekleidet in die Schule kommen?"

Es gehe darum, lehrt Žižek, nicht "den Schutz der eigenen Lebensweise" zurückzuweisen, sondern zu zeigen, dass die Methode, mit der fremdenfeindliche Populisten "unsere" Lebensart verteidigen, diese viel mehr gefährdet, als Einwanderer es vermöchten. Ich weiß nicht, ob Žižeks Maxime realisierbar ist oder ob sie nicht erst recht in Dilemmata führt, die darauf hinweisen, dass derzeit niemand eine "Lösung" hat, auch weil es vielleicht gar keine gibt. Für Žižek wird unsere Lebensweise nicht von Immigranten bedroht, sondern von der Dynamik des globalen Kapitalismus. Gegen den kommt man nicht mit dem Moralismus der Linksliberalen an. "Die größten Heuchler", schreibt Žižek, "sind fraglos diejenigen, die offene Grenzen fordern: Insgeheim wissen sie, dass es dazu nie kommen wird, weil dies sofort eine populistische Revolte in Europa zur Folge hätte. Sie inszenieren sich als schöne Seelen, die über der korrumpierten Welt stehen, aber letztlich wissen sie ganz genau, dass sie selber Teil davon sind." Es liegt im Begriff "der Welt", dass man stets ein Teil von ihr ist. Žižek plädiert für den Klassenkampf in globaler Solidarität, nicht geifernd, eher skeptisch: "Doch wenn wir nichts tun, dann sind wir wirklich verloren – und verdienen es, verloren zu sein."

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