Aus der Embryohaltung hat sie sich gelöst, die Phase der kindlich-naiven Unschuld ist vorüber. Stefanie Reinsperger steht jetzt fast nackt auf der Bühne, und das Schöne an diesem massigen Körper ist, dass er gerade nicht schön ist, nicht schlank oder trainiert, sondern echt. Über die breiten Schultern, die nackten Brüste, die fülligen Hüften und den hautfarbenen Slip streift sich Reinsperger eine weiße Bluse. "Ich bin gesellschaftsfähig geworden", sagt sie, Lachen im Publikum.

Stefanie Reinsperger stürzt sich in einen Kampf mit Peter Handkes Selbstbezichtigung, diesem Text über das unausweichliche Schuldigwerden in der Gesellschaft. "Ich habe können gelernt", "Ich habe mit der Neigung zum Bösen gespielt" – sie nimmt diese Sätze auseinander, möchte sie entschärfen, unschädlich machen. Sie wiederholt sie immer schneller, rauschhafter, das Gesicht zu einer Fratze verziehend, die vor Anstrengung rot anläuft. Die Sätze kontrollieren jetzt sie. Sie kämpft weiter, schnappt nach Luft, die Haare kleben auf der verschwitzten Stirn. Dann kommt die Erschöpfung, Reinspergers leerer Blick – sie kapituliert, aber sie wird weitermachen.

Die Wiener feiern ihre Schauspielerin, diese Entdeckung, die eine Form der Enthemmtheit auf die Bühne bringt, der man sich nicht entziehen kann. Man kann sie entweder genießen oder muss sie ertragen. Stefanie Reinsperger ist gerade mal 28 Jahre alt, und man fragt sich, was hiernach noch kommen soll: Burgschauspielerin, doppelte Einladung zum Berliner Theatertreffen, "Beste Nachwuchsschauspielerin" und "Beste Schauspielerin" in der Kritikerumfrage von Theater heute, österreichischer Theaterpreis Nestroy. All das im vergangenen Jahr.

Wir treffen Reinsperger im Café Heumarkt nahe dem Wiener Akademietheater (dort muss sie heute noch spielen). Ein schmuckloser Saal mit vergilbten Tapeten, abgesessenen Sitzbänken und dem Geruch von abgestandenem Zigarettenrauch. Die Kellner tragen hier weiße Arztkittel. Reinsperger kommt im langen schwarzen Mantel durch die Tür, die blonden Haare zu einem Knäuel auf dem Kopf gebunden – die typische Reinsperger-Frisur. Ihre Melange bestellt sie auf Wienerisch, mit der Reporterin redet sie Hochdeutsch. Während des Gesprächs rattert die Kühlung einer alten Kuchentheke im Hintergrund. "Hier würde ich gerne mal Horváth spielen", sagt Reinsperger amüsiert. Sie kommt öfters hierher.

Spricht man mit ihr über ihren Erfolg, fallen Wörter wie "Glück", "dankbar" und "überwältigt". Was man eben so sagt. Aber dann schiebt sie mit ihrer ruhigen, warmen Stimme, aber in bestimmtem Ton hinterher: Die vier Jahre auf der Schauspielschule habe sie richtig geackert, "Hintern aufreißen und wund arbeiten" nennt sie es. "Ich habe nicht das Gefühl, dass mir viel geschenkt wurde. Ich habe Menschen getroffen, die mir im richtigen Moment gutgetan haben. Aber es lag an mir, aus diesen Begegnungen etwas zu machen." Wenn Reinsperger spricht, dann gerät das ganze Gesicht in Bewegung, die Stirn, die Augen, die dunkelrot geschminkten Lippen, die die Worte mit großen Bewegungen formen.

Am Burgtheater, dem Schauspiel-Olymp, hielt es Reinsperger nur eine Spielzeit. Dann mochte sie nicht mehr. Sie kam gerade zur skandalgebeutelten Burg, als Karin Bergmann als Intendantin auf Matthias Hartmann folgte. "Ich bin nie richtig angekommen in diesem luftleeren Raum." Es gibt angenehmere Themen für sie als dieses. Das Renommee eines Hauses sei für die junge Spielergeneration nicht mehr alles, wichtiger seien ein guter Spielplan und die Kollegen.

Für Reinsperger vor allem einer: Regisseur Dušan David Pařízek. Mit ihm arbeitet sie seit Jahren zusammen, zuletzt an der Solonummer Selbstbezichtigung, ihrem bisher persönlichsten, intimsten Stück. "Er ist jemand, dem ich absolut vertraue und dem ich mich künstlerisch hingeben kann." Fragt man Pařízek, was das Besondere an dieser Schauspielerin ist, antwortet er: "Sie kann ganze Situationen tragen, ohne ein einziges Wort zu sagen. Sie muss sich nicht permanent um Aufmerksamkeit bemühen – sie hat sie ohnehin."