Manchmal behandelt uns die Stadt ein bisschen von oben herab. Oberlehrerhaft schurigelt sie uns mit ihren Schildern, Ampeln und Streifen. Dann wieder zeigt sie uns Bilder von schönen Menschen und schönen Dingen, erzählt uns, was wir erwerben sollten, wer wir sein sollten. Meist widersprechen wir nicht, wie auch, die Stadt kann uns ja nicht hören. Ihre Plakate und Verkehrszeichen funktionieren immer nur in eine Richtung.

Die große Umkehrung findet statt, sobald sich der Stadtbewohner entscheidet, selbst Hand anzulegen an seine so herrische Lebenswelt. Ein Tourist malt seinen Namen an die Wand, ein Teenager verbreitet das Kürzel seiner Sprayer-Crew, ein Künstler klebt einen Siebdruck oder malt ein Bild auf eine kahle Hauswand.

In Köln kann man in diesem Sommer wieder dieses andere Sprechen der Stadt kennen und erkennen lernen. 13 Führungen erschließen von Ende April bis Ende Juli in den Stadtteilen Ehrenfeld, Mühlheim, Nippes und im Belgischen Viertel die immer wieder neuen Bilder und Schriftzüge dieser heterogenen Kunstrichtung. Veranstalter ist das CityLeaks-Festival, das seit sechs Jahren die Kölner Street-Art-Kultur thematisiert und entscheidend mitgestaltet hat. Auf vergangenen Festivals schufen Künstler aus aller Welt riesige Wandmalereien, brachten Performances auf die Straßen und projizierten Videos an Wohnhausfassaden. Im letzten Jahr kam noch eine große Konferenz dazu, die den Werken und Aktionen eine Diskussion zur Seite stellte.

Diesen Sommer geht es darum, die teils riesigen, teils versteckten Zeichengebilde zu erkunden, die sich entlang der Kölner Straßen ziehen. Da gibt es ebenjene murals, jene ganze Häuserwände bedeckenden Malereien, die ursprünglich aus Lateinamerika stammen und die mit ihren bunten und figürlichen Darstellungen oft etwas kindlich wirken. In Ehrenfeld hängt ein riesiger Hase kopfüber und ohne Haut, ein verstörendes Bild vom belgischen Künstler ROA. 500 Meter weiter sieht man das Mural einer Schafherde, eingemauert in ein Kolosseum der Überwachung und beäugt von Kameras, eine Arbeit des Kollektivs Captain Borderline.

Manchmal erzählt die Street-Art auch von der Stadt selbst. So schufen die polnischen Künstler Sepe und Chazme im Belgischen Viertel eine Wandmalerei zum Thema Gentrifizierung. Es zeigt vier schattenhafte Gestalten auf einer Bank. Der Mann in der Mitte, er hat das Gesicht eines Toten, gestikuliert heftig, die anderen blicken missmutig und in gebeugter Haltung zu ihm. Der Empörte weist auf eine blaugraue Kristallstadt, die hinter den Sitzenden emporragt. Sie steht im formalen Kontrast zu den figürlichen Gestalten im Vordergrund: ein abstraktes Gebilde geometrischer Formen, ein hermetisches und riesenhaftes Babylon. Hier zeigt sich, wie tiefgreifend die Street-Art das Stadtbild in doppeltem Wortsinn mitbestimmen kann. Viele solcher Arbeiten entstanden auf den Festivals der letzten Jahre, und die Veranstalter sind ständig auf der Suche nach neuen freien Flächen im städtischen Raum. Manchmal melden sich sogar die Hausbesitzer von allein, wenn ihnen der graue Putz zu langweilig wird.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 18 vom 21.4.2016.

Auf den Führungen geht es aber auch um die kleinen, inoffiziellen Bilder, die Nacht-und-Nebel-Werke, wie sie an Geschäftsfassaden, an Straßenschildern, auf Bänken und an Ampeln prangen. Hier wechseln sich Graffiti-Schriftzüge ab mit gesprühten Schablonenbildern, "stencils" genannt. Dazwischen wandeln lebensechte Schwarz-Weiß-Menschen auf an die Wand geleimten Papierstreifen, der Kenner nennt sie "paste-ups".

Es braucht eben ein bisschen Übung, um die verschiedenen Formen auseinanderzuhalten oder um zu erkennen, dass die ornamentalen Schriftzüge an einem Kiosk im Belgischen Viertel dieselben sind wie jene in einem Ehrenfelder Hinterhof.

Nicht nur die üblichen Hipster und Szeneleute interessieren sich für die Kölner Street-Art. Zu den Führungen kommen auch Touristen, Schulklassen und alteingesessene Kölner. Margit Miebach, zusammen mit Iren Tonoian Festivalleiterin, erinnert sich an eine Gruppe von 70-jährigen Frauen auf einer Führung in Nippes. Später hörte sie, dass die Gruppe nacheinander die Führungen in allen Stadtteilen mitgemacht hatte.

Es scheint, hier nimmt eine subversive Praxis langsam eine institutionelle Form an – eine öffentliche Förderung, ein breites Publikum, eine intellektuelle Diskussion. Nicht alle Graffiti-Künstler sähen mit Begeisterung, wie ihre Arbeitsflächen unter den riesigen Murals renommierter Künstler verschwinden, erzählt Georg Barringhaus, der künstlerische Leiter von CityLeaks. Andererseits mache die Institutionalisierung bestimmte Werke erst möglich. Um ein Mural an die Wand zu bringen, brauche es eben auch Geld und Zeit.

Stadt heißt immer auch Kontroverse, heißt Gentrifizierung und Kommerzialisierung. Auch die Street-Art selbst ist zweigesichtig. Immer eine Geste der Aneignung, ist sie manchmal auch das erste Anzeichen der Aufwertung in einem Prozess, den deindustrialisierte Stadtteile wie Ehrenfeld schon hinter sich, das rechtsrheinische Mühlheim teilweise noch vor sich haben. Schließlich wird im schicken Belgischen Viertel Street-Art längst auch in Galerien verkauft. Es gibt keine politische Kunst, die ganz frei von Ambivalenz wäre. Und so ist auch Street-Art eine vielstimmige, mehrdeutige und uneinheitliche Praxis. Ebendeshalb muss man lernen, sie zu sehen.