Schwer zu sagen, welches Gefühl sich zuerst einstellt: Ekel oder doch eher Mitleid? Gleich der erste von sechs Protokoll-Abschnitten, die Thomas Jonigk unter dem Romantitel Liebesgeschichte versammelt hat, konfrontiert die Leser mit einer höchst unheimlichen Situation: Der Münchner Arzt Alexander Wertheimer beschreibt detailliert eine schöne junge Ukrainerin, die schlafend in seinem Behandlungszimmer liegt. "Ich studiere Maria, ich lerne sie auswendig, will sie fotografieren und in Stein hauen. (...) Hinter ihren verschlossenen Lidern ist ein Geheimnis, eine sinnlose Entfernung von ihr zu mir, die Fernweh auslöst."

Maria wurde wegen einer Fehlgeburt von ihrem prolligen Freund Anton Lauterbach in die Praxis gebracht. Wertheimer glaubt Verletzungsspuren zu erkennen und schlussfolgert, dass der "Toni" seine vermutlich minderjährige Freundin misshandelt hat. Er komplimentiert seine Sprechstundenhilfe nach Hause, setzt unter Polizeiandrohung den Begleiter an die Luft, sediert die Patientin, schabt ihre Gebärmutter aus und onaniert neben der Bewusstlosen. Voller "Selbsthass, weil dieser widerliche und aus allen Nähten platzende Körper sich – hier, vor Maria – ENTGEGEN MEINEM WILLEN selbstbefriedigt und damit die Heiligkeit des Augenblicks auf Biologie bzw. Neurophysiologie reduziert".

Für den vierten Roman des 1966 geborenen Schriftstellers und Theatermachers Thomas Jonigk könnte Vladimir Nabokovs Lolita Pate gestanden haben: Wie Humbert Humbert zwingt auch Wertheimer seine Leser mit Sprachkraft und mit der großen Geste des aufrichtigen Bekenntnisses auf seine Seite. Allerdings sind die Tatbestände, die Wertheimers Protokolle durchsickern lassen, noch weitaus krasser als im Falle der "tragischen Passion", als die Nabokovs Missbrauchsroman nach wie vor gilt. Auch Wertheimer notiert schon auf Seite 20 in Versalien: "DIES IST EINE LIEBESGESCHICHTE." Allerdings eine, die angekündigtermaßen und wiederholt tödlich enden wird.

So trickreich Wertheimer Lauterbach ausschaltet und Maria in seine Gewalt bringt, so raffiniert und psychiatrisch kompetent macht Thomas Jonigk seine Leser mit den Fallstricken eines psychopathologischen Bewusstseins vertraut. Denn der Arzt ist nicht nur ein Manipulator, der Verbrechen im Namen der Liebe begeht und systematisch die Realität seiner Interpretation beugt (tun wir das nicht alle?). Mindestens ebenso deutlich sticht seine relative bildungsbürgerliche Normalität hervor: intelligenter Single, übergewichtig, dünkelhaft, unter sich selbst und seiner Einsamkeit leidend – "Vom Terror, nicht geliebt zu werden", notiert er einmal. Ein Frauenversteher zudem, der sich einst, um seiner Schwester Katharina nahe zu kommen, feministische Diskursfitness erarbeitet hat und selbstverständlich seine Männerfantasien in Grund und Boden analysieren kann.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 18 vom 21.4.2016.

In seinem letzten Roman Melodram verhandelte Jonigk die "Ausbeutung des Intimen" als grenzüberschreitenden Kunst- und Beziehungsmodus im Filmmilieu. Die fiktive Intimität von Liebesgeschichte hat eine nicht minder ambivalente Funktion: Einerseits liest sich das auch stilistisch geschliffene Täterporträt spannend und wie der Blitz. Andererseits macht es die Leser aber auch zu unheimlich vertraulichen Zeugen, die sich in Wertheimers Nachbarin und seiner Sprechstundenhilfe spiegeln: selbstbewussten, gescheiten Frauen auf Augenhöhe, für Wertheimer eigentlich der blanke Horror und, böse Ironie, doch seine größte Hilfe. Sie können einfach nicht glauben, dass das arme Schwein ein echtes Monstrum ist.

Thomas Jonigk: Liebesgeschichte. Roman; Droschl, Graz 2016; 224 S., 19,– €